18.01.2001

Care Economy: Die Ökonomie des Sorgens und Pflegens

Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist aus kulturpessimistischer Sicht eine Zumutung, aus neoliberaler Sicht eine provozierende Herausforderung, aus feministischer Sicht ein Ansatzpunkt der Kritik.

Von Mascha Madörin

Der Begriff «care economy» oder Care-Ökonomie bezieht sich auf alle Tätigkeiten, bei denen Menschen für andere sorgen oder für die alltägliche Versorgung anderer Menschen zuständig sind. Diese Tätigkeiten erstrecken sich auf die Umwandlung von standardisierten und industrialisierten Gütern und Dienstleistungen für einen den unterschiedlichsten Bedürfnissen angepassten täglichen Verbrauch innerhalb und ausserhalb des Haushalts, auf das Aufziehen von Kindern, auf die Pflege von Menschen und andere Formen von Beziehungsarbeit. All diese Tätigkeiten und die Art und Weise, wie sie getan werden, machen einen wesentlichen Teil des Lebensstandards einer Gesellschaft aus.

Der blinde Fleck der Ökonomie

Da das ökonomische Merkmal «care/Sorge» in Statistiken nicht berücksichtigt wird, kann der Zeitanteil, der auf solche Tätigkeiten entfällt, nur geschätzt werden. Sicher ist, dass vor allem Frauen in der Care-Ökonomie tätig sind. In der Schweiz dürften vier Fünftel der gesamten Arbeitsstunden von Frauen – ob bezahlt oder unbezahlt – auf diesen Bereich entfallen, bei den Männern sind es zwei Fünftel. Etwa ein Zehntel der Erwerbsarbeitsstellen der Männer gehören zur Care-Ökonomie, bei den Frauen etwa ein Drittel. Das unbezahlte Arbeitsvolumen der Care-Ökonomie ist in der Schweiz nach wie vor etwa siebenmal grösser als das bezahlte, aber die Erwerbsarbeitsplätze der staatlichen und privatwirtschaftlichen Care-Ökonomie stellen einen wichtigen Arbeitsmarkt für Frauen dar.

In der herkömmlichen ökonomischen Analyse - auch in der linken Wirtschaftstheorie - wird dieser Bereich aber nicht als etwas Eigenständiges und Besonderes wahrgenommen. Beide gehen vom anderen Teil des Wirtschaftens aus: von der standardisierten Produktion von Dingen und unpersönlichen Dienstleistungen, sei es in der Landwirtschaft, in der Industrie, im Handel, im Banken- und Versicherungssektor oder in anderen Wirtschaftsbranchen.

Die Zeit, während der Frauen und Männer in diesen Bereichen tätig sind, macht in der Schweiz noch etwa zwei Fünftel – früher war es vermutlich mehr – der Zeit aus, die für bezahlte und unbezahlte Arbeit aufgewendet wird. Der von den herkömmlichen Analysen untersuchte Wirtschaftsbereich ist bezüglich des Zeitaufwandes also kleiner als jener, der unter dem Gesichtspunkt der Care-Ökonomie ins Blickfeld kommt.

Ein Grund für die Borniertheit der Wirtschaftstheorie ist, dass sowohl die modernen bürgerlichen als auch die linken Wirtschaftstheorien wesentlich von der – männlichen – Faszination für die technischen Umwälzungen der industriellen Revolutionen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt sind, dem Gewinn an Rationalität und der ungeahnten Steigerung der Produktivität. Ein weiterer Grund liegt darin, dass die Wirtschaftswissenschaften vom Standpunkt der Unternehmen respektive des Kapitals ausgehen. Haushalte werden aus dieser Sicht als Konsum- und nicht als Produktionseinheiten gesehen.

Der «Reichtum von Nationen» (Adam Smith) ist das, worüber UnternehmerInnen, BesitzerInnen von Vermögen, Regierungen und allenfalls Parlamente – kurzum vorwiegend Männer – verfügen. Dieser Reichtum ist nicht dasselbe wie die ökonomischen Voraussetzungen für das Wohlergehen von Menschen in einer Nation, wofür Frauen wesentlich mit unbezahlter und auch mit bezahlter Arbeit beitragen und wofür sie letztlich zuständig sind.

Das Soziale im Ökonomischen

Sorgende und versorgende Tätigkeiten sind in der feministischen Ökonomie bis vor kurzem als zentraler Aspekt der Subsistenzwirtschaft, der Ökonomie der unbezahlten Arbeit, untersucht und diskutiert worden. Subsistenzwirtschaft und Care-Ökonomie wurden weitgehend gleichgesetzt. Unter die Kategorie Care-Ökonomie fallen jedoch auch bezahlte Sektoren, sei es im Staat oder in der Privatwirtschaft. Pflegebedürftige Menschen beispielsweise werden in Haushalten durch unbezahlte Arbeit versorgt und gepflegt, aber auch durch bezahlte in Spitälern oder Pflegeheimen. Allen Pflegearbeiten aber ist gemeinsam, dass sie vor allem von Frauen geleistet werden.

Mit der Einführung einer eigenständigen Kategorie für Sorgetätigkeiten in der Care-Ökonomie versuchen manche Ökonominnen die Besonderheiten von Sorgetätigkeit oder «Beziehungsarbeit», wie sie auch genannt werden könnte, in ihre Überlegungen mit einzubeziehen. Es ist ein Versuch, die analytische Trennung zwischen Sozialem und Ökonomischem zu durchbrechen.

Bis zu einem gewissen Grade wird dies auch von neoliberaler Seite her versucht, allerdings in anderer Absicht. Ihr geht es darum, die Logik dessen, was sie als ökonomische Rationalität definiert, als Organisations- und Entscheidungskriterium auf alle Institutionen und alle Bereiche gesellschaftlicher Realitäten auszudehnen: auf den Staat, auf die privaten Haushalte, auf die Sozialversicherungen, auf das Soziale generell.

KritikerInnen des Neoliberalismus reden vom Versuch einer unzulässigen «Ökonomisierung» aller Lebensbereiche. Zwar stellen auch feministische Forscherinnen ökonomische – vor allem zeitökonomische – Fragen an alle diese Bereiche, sie hinterfragen jedoch zugleich die Brauchbarkeit herkömmlicher ökonomischer Theorien und Rationalitätsvorstellungen für diese Bereiche und suchen adäquate Kriterien für eine gesonderte Care-Ökonomie.

Beziehungsarbeit als Störfall

Die älteren Jahrgänge unter den LeserInnen können sich noch gut an die jahrelangen Debatten über den Arbeitsbegriff erinnern und an das Gespött ihrer Genossen und Kollegen über die Begriffsbildung «Beziehungsarbeit». Soll nun sogar Liebe zu einer «Arbeit» degradiert werden, fragten die Männer. Und die Frauen konterten: Muss denn Geschirrwaschen Liebe sein? Inzwischen hat sich die Debatte entschärft, weil sie kaum mehr geführt wird.

Feministinnen haben in der Zwischenzeit jahrzehntelang hartnäckig Lobbyarbeit geleistet, damit unbezahlte Arbeit anerkannt und statistisch erfasst wird. Aber wesentliche Probleme um den Arbeitsbegriff sind noch nicht ausgeräumt. Uno-offiziell gilt eine Tätigkeit als Arbeit, wenn sie nicht an eine bestimmte Person gebunden ist, und es sie auch als bezahlte Tätigkeit gibt. Trotz dieser Definition sollte noch lange Zeit nur die landwirtschaftliche Subsistenzproduktion in der Dritten Welt als Arbeit statistisch erfasst werden, nicht aber Hausarbeit. Dies obwohl es schon lange Wäschereien, Putzinstitute, Gaststätten, Waisenhäuser und Pflegeheime gibt.

Dass inzwischen zusehends auch die Hausarbeit und unbezahlte Pflegetätigkeit in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ausgewiesen wird, ist eine wesentliche Errungenschaft der Uno-Frauenkonferenzen von Nairobi 1985 und Peking 1995. In der Schweiz ist geplant, demnächst eine solch vollständige Volkswirtschaftsrechnung vorzulegen. Politisch umstritten ist nach wie vor die Frage, ob Prostitution Arbeit sei. Nach obiger Definition handelt es sich klar um Arbeit. Trotzdem wird Prostitution in den Uno-Konventionen und praktisch in allen Ländern nicht als Arbeit behandelt und nicht entsprechenden arbeitsrechtlichen Regelungen unterstellt. Das Beispiel zeigt, dass ein Aspekt beim Uno-Arbeitsbegriff immer noch sehr unklar ist: die Frage körperlicher und psychischer Ausbeutung in personenbezogenen Dienstleistungen und in persönlichen Beziehungen generell.

Trennung von Subjekt und Objekt

Während die neoklassischen Wirtschaftstheorien jede Tätigkeit, die bezahlt wird, undifferenziert als Arbeit bezeichnen, steht der Arbeitsbegriff in der marxistischen Theorie im Zentrum. Beiden Theorietraditionen ist jedoch eine Vorstellung gemeinsam, nämlich, dass es zwischen der produzierenden Person und ihrem Produkt eine Trennung gebe, dass zwischen produzierender Person und Produkt ein Subjekt-Objekt-Verhältnis bestehe. Wie steht es damit zwischen ÄrztInnen und PatientInnen, zwischen Gast und KellnerIn, zwischen Freiern und Prostituierten, zwischen Tochter und kranker Mutter?

Die feministische Ökonomie geht davon aus, dass Menschen zeitweise von anderen abhängig und zeitweise für andere verantwortlich sind. Die Idee einer egomanen und abgeschotteten Interessensmaximierung autonomer Individuen, die dem Konzept der ökonomischen Rationalität zugrunde liegt, ist für die Analyse persönlicher Dienstleistungen unbrauchbar, ob sie nun auf dem Markt angeboten werden oder nicht. Die Sorge für andere kann in dieser Sicht nur vage im Hinblick auf erhoffte oder erwartete Gegenleistungen, familiäre oder gesellschaftliche Anerkennung vorkommen oder als Ausdruck einer Helferneurose.

In ökonomischen Theorien wird Zeit als linear angenommen, mit zusammenstückelbaren Arbeitsabläufen. In der Care-Ökonomie sind die Arbeitsabläufe jedoch weit weniger planbar als im Industriebereich. Der Zeitrhythmus ist von den KlientInnen vorgegeben. Frauen, die Beruf und das Aufziehen von Kindern miteinander vereinbaren wollen, droht nicht nur Arbeitsüberlastung, ihr grösstes Problem ist die Zeitakrobatik, die von ihnen abverlangt wird.

Letztlich handelt es sich um unbegrenzte Arbeit, die in einem nicht festlegbaren, aber doch begrenzten Zeitraum geleistet werden muss – ein Problem, das sich in Spitälern auch mit New Public Management nicht wegorganisieren lässt.

Arbeit in der Lebenswelt

Wie wird Arbeitsmotivation in einer Gesellschaft produziert, wenn es immer mehr Arbeiten gibt, für deren Qualität persönliches Engagement wichtig ist? In der Wirtschaftstheorie leiste ich Erwerbsarbeit, um Geld zu bekommen, und nicht, um ein bestimmtes Produkt herzustellen, und ich arbeite, um in der Freizeit Produkte kaufen zu können, die mir ein gutes Leben ermöglichen. So lautet die ökonomische Formel der Konsumgesellschaft.

Aus linker Sicht wird diese Produktionsweise als «entfremdet» kritisiert und darauf beharrt, dass Erwerbsarbeitszeit auch Lebenszeit ist und entsprechend gestaltet werden müsste. Für Frauen hingegen gibt es ein zusätzliches Problem: Das Denken in den Kategorien Arbeits- und Lebenswelt, Erwerbsarbeit und Freizeit, taugt nicht für die Beschreibung ihrer Realitäten. Sie arbeiten hauptsächlich in der «Lebenswelt» oder an der Schnittstelle zwischen standardisierter Industrie- und Dienstleistungsproduktion und Lebenswelt. Damit ist auch die konventionelle Unterscheidung zwischen Konsum und Produktion, zwischen produktiv und unproduktiv problematisch für die Beschreibung der Care-Ökonomie.

Es geht bei der Debatte um Care-Ökonomie also nicht darum, dass herkömmliche wirtschaftstheoretische Kategorien überhaupt nicht brauchbar wären. Sie sind es einfach nur für einen sehr beschränkten Bereich des Wirtschaftens. Die Care-Ökonomie ist noch wenig entwickelt, es fehlt noch am statistischen und analytischen Instrumentarium, um die heutigen Umwälzungen genauer zu analysieren. Deutlich geworden ist schon, dass die von der Care-Ökonomie ins Auge gefassten Bereiche gesellschaftlicher Arbeit im Zentrum des neoliberalen Umbaus und der Globalisierung stehen. Wie dabei die Familienverhältnisse und ganze Arbeitstraditionen umgemodelt werden, davon wird der nächste Beitrag dieser Serie handeln.

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