16.06.2000

Weltmarsch der Frauen gegen Armut und Gewalt

Von Mascha Madörin

Schon jetzt ist klar, dass der Weltmarsch der Frauen gegen Armut und Gewalt eine der grössten politischen Mobilisierungen des Jahres 2000 sein wird. Seit Ende Februar ist die Zahl der Gruppen, die sich eingeschrieben haben, von etwa 3000 auf 4400 gestiegen. Aus 153 Ländern nehmen Gruppen am Weltmarsch teil, wobei deren Zahl von Land zu Land stark variiert: Frankreich 203, Bundesrepublik Deutschland 19, Österreich 3, Kanada 871, Mexiko 149, USA 131, Togo 91, Marokko 64, Yemen 36, Iran 17, Japan 43, Singapur 1. Aus der Volksrepublik China beteiligt sich keine Frauenorganisation, aus Taiwan hingegen sind es zwei.

Dazu kommt das Mehrfache an Gruppen, die sich nationalen oder regionalen Frauenmärschen anschliessen, bei der internationalen Koordination aber nicht gemeldet sind. In der Schweiz haben sich dem Frauenmarsch Gruppen aus einem ungewohnt breiten Spektrum angeschlossen, und es hat sich gezeigt, dass sich überraschend viele junge Frauen dafür interessieren. Bis Ende Mai haben sich bei der internationalen Koordination 79 Schweizer Organisationen gemeldet.

Das Geschlecht des Zeitgeistes

Ob der Frauenmarsch auch seiner Bedeutung entsprechend zu einem Medienereignis wird, zeigt sich spätestens anlässlich der internationalen Abschlussveranstaltung am 17. Oktober in New York. Dort werden die Teilnehmerinnen dem UN-Generalsekretär bis zu 10 Millionen Unterschriften überreichen. Da das Gefühl, etwas liege in der Luft, heute vorwiegend vom Medienecho abhängt, ist es von einiger Bedeutung, dass die Medien seit einigen Jahren immer wieder das ‘Ende des Feminismus’ verkünden. Diesem Befund stehen die Ergebnisse einer Umfrage des deutschen Allensbach-Institutes gegenüber («Emma» 1/00): Auf den Begriff «Emanzipation» reagierten 70 Prozent der 16- bis 29-jährigen Frauen «spontan positiv»; 66 Prozent waren es in der Altersgruppe der 30- bis 59-Jährigen, 52 Prozent bei den über 60-jährigen Frauen. Bei den Reaktionen auf den Begriff «Feminismus» zeigte sich das gleiche Bild. Der Anteil der positiven Reaktionen lag bei 52 Prozent für die Frauen unter 30 Jahren, bei 40 Prozent bei den 30- bis 59-Jährigen und bei 20 Prozent bei den über 60-Jährigen.

Ganz anders fielen die Ergebnisse bei den Männern aus. Im Gegensatz zu den Frauen reagierten die Männer unter 30 auf den Begriff «Emanzipation» am wenigsten positiv. Nur etwas mehr als ein Drittel (34 Prozent) konnte ihm etwas Positives abgewinnen. Eigentlich liegt das nahe: Die Konkurrenz der Frauen im Beruf ist für sie am grössten und den Konflikt um die Beteiligung an der Familienarbeit – dieser ist am virulentesten, wenn die Kinder klein sind – haben sie noch nicht hinter sich. Bei den 45- bis 60-jährigen Männern lag der Anteil positiver Reaktionen immerhin bei 44 Prozent.

Einheitlicher waren die Reaktionen der Männer auf das Wort «Feminismus». Generationenübergreifend lag die Zahl positiver Reaktionen tief und nahe beieinander. Zwischen 75 und 78 Prozent der Männer konnten dem Feminismus spontan nichts Positives abgewinnen. Ob Männer 16 oder 60 sind, ihr Bewusstseins- oder Gefühlszustand in Sachen Feminismus entspricht noch immer jenem von Frauen über 60.

Die Rede vom «Ende des Feminismus» ist allenfalls Wunsch und Wille von Medien, die bei der Produktion des politischen Zeitgeistes weltweit immer noch von Männerdominanz geprägt sind. Deshalb steht denn auch das «Sichtbarmachen» von Frauengruppen beim Frauenmarsch im Vordergrund. Drei der fünf formulierten politischen Ziele sind darauf abgerichtet .

Outfit statt Prominenz

Der Frauenmarsch hat bis heute kein Aushängeschild mit Namen international bekannter Frauen. Das Einigende ist durch ein buntes Allerwelts-Emblem repräsentiert, das alle Gruppen bei ihren Aktionen, auf Plakaten und Transparenten brauchen. Es ist technisch problemlos reproduzierbar und entspricht einer farbigen, eingängigen Weltmarktästhetik, die von Benetton oder Migros stammen könnte. Es ist je nach Kaufkraft auch auf Schals, T-Shirts, Anstecknadeln und Golfmützen zu haben.

Die Aktionsgrundsätze und das detaillierte, vielfältige Patchwork-Programm, das alle teilnehmenden Gruppen unterschreiben, umfasst 30 Buchseiten. Nachdem 140 Frauen aus 70 Ländern in Nord und Süd und Ost und West das Programm während dreier Tage diskutiert hatten, stellten sie erstaunt fest, dass es nur wenige wirklich kontroverse Punkte gab. Der einzige Teil, der nicht öffentlich unterschrieben werden muss, ist der Teil über die Rechte von Lesben. Dieser kann separat und falls gewünscht anonym unterschrieben werden. Dies stellt einen Kompromiss mit Frauengruppen aus stark religiös geprägten Ländern dar.

Zum internationalen Programm hin legen die beteiligten Gruppen in den einzelnen Ländern ihre eigenen und nach ihren Vorstellungen gewichteten Programme vor. Dass in der Schweiz die Forderungen anlässlich der Aktivitäten vom 14. Juni auf ein paar wenige wichtige gewerkschaftliche Punkte mit Frauenkomponente reduziert wurden, ist bedauerlich. Aber zum Organisationsprinzip des Weltmarsches gehört, dass alle die Diversität der Frauenbewegung anerkennen und respektieren sollen.

Das brisante Wörtchen «und»

Enthält das Programm des Weltmarsches Forderungen, die nicht auch im Programm einer sozialen Bewegung gegen den Neoliberalismus, wie sie Pierre Bourdieu vorschlägt, stehen könnten? Die kapitalismuskritischen Netzwerke und die Frauen des Weltmarsches wären sich wahrscheinlich in wichtigen Punkten einig. Was sie von einander trennt, ist das Wörtchen «und». Schon vor dreissig Jahren haben die Feministinnen mit der Formel «Kapitalismus und Patriarchat» ihre analytische und politische Devianz zur 68er-Linken angekündigt. Heute marschieren sie gegen «Neoliberalismus und Patriarchat», oder, dem Sprachgebrauch der Vereinten Nationen angepasst, eben gegen Armut und Gewalt.

Es wäre interessant, die Theorie- und Politikgeschichte der Frauenbewegung anhand dieses ominösen «Und» zu schreiben. Es sei hier nur an das langjährige Durchbuchstabieren der verwirrenden Formel «Gleichheit und Differenz» erinnert. Die Bedeutung von «und» hat Frauenorganisationen gespalten und sie nicht selten in Koalitionen wieder zusammengeführt; sie hat Frauen in Loyalitätskrisen gegenüber traditionellen politischen Institutionen wie Gewerkschaften, Kirchen, Parteien, Interessen- und Berufsverbänden gestürzt. Inzwischen füllen feministische Bücher über das «und» bereits Bibliotheken, wie diese Verknüpfung zu denken sei und welche politischen Konsequenzen sie habe.

Für kapitalismuskritische Netzwerke und Institutionen, die von Männern dominiert sind, ist alles beim Alten geblieben. Sie benützen das «und», um etwas anzuhängen, das sie nicht so ernst nehmen und das politisch zweitrangig ist, sexuelle Gewalt beispielsweise. Diese ist für Frauen aber genauso allgegenwärtig wie politische Diskriminierung und prekäre Lebenslagen.

Das viel verwendete «und» im Programm des Frauenmarsches ist das Verknüpfungswort par excellence im postmodernen Denken – nicht im Sinne von «‘everything goes’», sondern im Sinne der grossen Aufzählungen. Der Ausgangspunkt ist die Vielfältigkeit von inakzeptablen Lebenslagen und ähnlich gelagerte Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen von Frauen, nicht die letztlichen Zusammenhänge und auch nicht die eindeutige Identität oder das Frau-Sein an und für sich.

Die Tradition antikapitalistischer Politikkultur im 20. Jahrhundert und im Zeitalter des Fordismus hingegen beruht auf eindeutigen sozialen Identitäten, dem «Entweder-oder» und der klaren Vorstellung darüber, was wichtig und weniger wichtig sei und weshalb. Es wird klar zwischen Paarbegriffen unterschieden, es ist die Rede von Geld oder Leben, von Idealismus oder Materialismus, von ökonomisch oder sozial, von öffentlich oder privat, von national oder international, von produktiv oder unproduktiv, von Kopf oder Hand beziehungsweise Kopf oder Bauch. Diese Paarbegriffe sind so angeordnet, wie heterosexuelle Paare im wirklichen Leben: hierarchisch. Die Art und Weise, wie diese Trennungen und Kategorien gedacht und politisch inszeniert worden sind und werden, passen von vornherein nicht zu Frauenrealitäten, verzerren, verdrängen oder ignorieren sie.

Die Chance der Internationalität

Der Weltmarsch der Frauen versteht sich als global. Wenn wir die Liste der beteiligten Gruppen ansehen, so sieht die Geografie dieser Globalität, ihrer wichtigen Stützpunkte und leeren Landkarten – beispielsweise China – sehr anders aus als die Geografie der Geld- und Warenflüsse oder des Davoser Weltwirtschaftsforums. In einem Artikel über die Auswirkungen der globalen Wirtschaft auf Frauen und feministische Theorie weist die Soziologin und Globalisierungstheoretikerin Saskia Sassen darauf hin, dass die Aufweichung der Territorialität und der nationalen Souveränität des Staates eine alte völkerrechtliche Doktrin ins Wanken gebracht hat: So wie der Nationalstaat nicht gegen Verletzungen der Menschenrechte im Privaten der Familie oder des Unternehmens einschreiten sollte, so mischt sich die Völkergemeinschaft nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ein («Olympe», 7/97). Die einzige mögliche Form der Einmischung ist die Kriegserklärung, der Bruch mit dem Völkerrecht. Das Volk wurde in der Geschichte der Nationalstaaten und des Völkerrechts so gedacht, wie der Mann sich und seine Familie vorstellt, der Unternehmer sich und seine Angestellten: als sein zu verteidigendes und von ihm exklusiv nach aussen vertretenes Hinterland.

Nicht nur die wirtschaftstheoretische Vorstellung des freien Marktes, sondern auch die Vorstellung des souveränen Nationalstaats gehörte schon immer zur symbolischen Ordnung hegemonialer Männlichkeit. Die faktische Transnationalisierung der Staatspolitik eröffnet, so Sassen, neue praktische und formale Spielräume für Frauen auf der Ebene internationaler Politik. Nicht nur die internationalen Finanzsysteme sind zu einer normativen Macht geworden, der souveräne Regierungen unterworfen sind, sondern auch die Menschenrechtskonventionen der Vereinten Nationen. Auf diese berufen sich die Initiatorinnen des Frauenmarsches – und auf die Plattform der Frauenkonferenz von Beijing 1998, wobei sie Forderungen und deren Begründung ausdrücklich aus einer feministischen Perspektive formulieren.

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