07.12.2000

Lenin, Bourdieu und die Marche

Von Mascha Madörin

Die unbestreitbar erfolgreiche politische Formel der Marche mondiale hat von Anfang an gelautet: «Gegen Armut und Gewalt». Die Formel kann von einer Kommunistin, von einer Feministin und auch von einer CVP-Frau aus der christlich-sozialen Ecke unterschrieben werden, ebenso wie auch von andern sozial und politisch engagierten Frauen, die nichts von Feminismus wissen wollen. Sie ist akzeptabel für viele Frauen in vielen Ländern – aber nicht für alle und nicht überall. Als es darum ging, die Forderungen zu formulieren, zeigten sich wesentliche politische Differenzen, vor allem bezüglich der Gewaltfrage.

Auch was wirtschaftspolitische Fragen anbelangt, gab es Kontroversen um einzelne Punkte. Im Kanton St. Gallen wollten beispielsweise FDP-Frauen im Gegensatz zu CVP-Frauen nicht mittun, weil sie die Forderung nach Minimallöhnen und die Anhebung des Fürsorgeminimums in allen Gemeinden nicht mit vertreten wollten. Andere Frauen riefen am vergangenen 8. März zu einem Weltfrauenstreik auf, um der Forderung nach einem Hausfrauenlohn Nachdruck zu verleihen. Sie distanzieren sich vom Weltmarsch der Frauen, und dieser sich von ihnen. Es wurde allerdings nicht klar, ob sich die Meinungsverschiedenheit auf die Aktionsform – Streik statt Marsch – oder auf die Forderung nach einem Hausfrauenlohn bezog.

Antipatriarchales Netz

Etwas brisanter, so könnte frau meinen, war die zweite Formel der Marche: Gegen Neoliberalismus und Patriarchat. Am 17. September empfingen junge Frauen in der «Usine», einem alternativen Kulturzentrum in Genf, die eintreffenden Frauen nicht nur mit einem feinen Essen, sondern mit einem zweiseitigen, eng beschriebenen kritischen Text. Darin steht: «Die Initiatorinnen der Marche wollen eindeutig mit dem neoliberalen Kapitalismus brechen, aber nicht mit dem Kapitalismus im Allgemeinen. Dadurch schliessen sie sich denjenigen Sozialdemokraten und Bürgerlichen an, die heute in Mode sind und uns glauben machen wollen, dass es einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz gibt.»

Die Autorin, Patsy vom Radio «Alter’Nantes», fordert am Schluss des Textes (Übersetzung MM): «Es ist notwendig, ein antipatriarchales und antikapitalistisches Netz für alle, Frauen und Männer, zu öffnen und damit zu versuchen, auf dieser Grundlage eine Mobilisierung zu initiieren, welche mehr unseren Vorstellungen und Träumen (aspirations) entspricht.»

Wer das Programm des Weltmarsches genau durchsieht, muss Patsy und anderen Kritikerinnen mindestens teilweise Recht geben. Immerhin sind die Positionen des Weltmarsches zur Politik des Internationalen Wöhrungsfonds und der Weltbank wesentlich kritischer und grundlegender als die der Plattform der internationalen Frauenkonferenz in Beijing 1995. Im Flugblatt ist jedoch auch wenig zu finden, das nicht der ewig gleichen Kritik entspräche, Frauen seien nicht auf dem richtigen, wirklich radikalen antikapitalistischen Weg, würden falsche Bündnisse mit bürgerlichen Frauen und unzulässige Kompromisse eingehen.

Das sagte schon der gute alte Lenin zu Clara Zetkin. Genau dies war enttäuschenderweise auch die Botschaft von Susan George beim Workshop des Weltmarsches anlässlich des alternativen Weltsozialgipfels diesen Sommer in Genf. Frauen müssten verstehen, sagte George, wie mörderisch die gegenwärtige Entwicklung in Richtung Neoliberalismus und Globalisierung sei und sich entsprechenden Organisationen wie beispielsweise «attac» anschliessen, statt abseits zu stehen und eigene Wege zu gehen.

Wenn auch erreicht wurde, dass die Frauenfrage aus der Schlussresolution des alternativen Sozialgipfels nicht völlig verschwunden ist, so war die argumentatorische Hilflosigkeit der Weltmarschvertreterinnen und das Fehlen einer feministischen Interpretation von Weltwirtschaftsfragen offensichtlich.

Das alte dualistische Denken

Beim Weltmarsch der Frauen brachen Kontroversen bezüglich der feministischen Gewaltdebatte auf, bezüglich feministischer Ökonomiedebatten hingegen gab es sie kaum. Im internationalen Programm ist von einer Welt die Rede, die durch zwei globale Entwicklungen geprägt sei, nämlich durch den neoliberalen Kapitalismus und durch das Patriarchat.

Letzteres erscheint als Herrschaft über Frauen, das durch politische und soziale Systeme bedingt ist. In dieser Darstellung, die eine saubere Trennung zwischen Ökonomischem, Sozialem, Politischem herstellt, erscheint der Neoliberalismus dem Ökonomischen zugeordnet, während das Patriarchat dem Sozialen und Politischen zugeordnet wird.

Die offensichtlich allenthalben überzeugende Grundthese des Weltmarsches lautete: Die Frauen leiden besonders unter den Entwicklungen von Globalisierung und Deregulierung. Als Begründung dafür heisst es beispielsweise in der schweizerischen Plattform: «In allen Bereichen des Lebens ist die Logik des Patriarchats präsent, das auf der Idee der vermeintlichen Minderwertigkeit der Frauen beruht und das davon ausgeht, dass es bei der gesellschaftlichen Rollenzuteilung an die Frauen und Männer eine Rangordnung gibt, in der die Frauen unten und die Männer oben sind. Solche eingefleischten Clichés prägen die Beziehungen zwischen Frauen und Männern.»

Pierre Bourdieu würde es soziologischer sagen: Bei der Herrschaft der Männer gehe es vor allem um eine symbolische Herrschaft über die Frauen, die sich in Fleisch und Blut und selbst in die politischen Leidenschaften von Männern und Frauen eingeschrieben habe und ein schweres Erbe der Vergangenheit darstelle.

Solch dualistische Denkmodelle verstellen den Blick, wenn es um das genauere Verständnis des heutigen ökonomischen, sozialen und kulturellen Umbaus geht, den wir Neoliberalismus und Globalisierung nennen. Sie reproduzieren die altväterische politische Arbeitsteilung, in der Frauen zuständig sind für das Leiden, für das Soziale, das Kulturelle und die Basisbewegungen; Männer hingegen für den Kampf gegen den Kapitalismus und die Globalisierung und dafür, die entscheidenden Analysen der relevanten Entwicklungen auf Weltebene hervorzubringen. So erfolgreich die politische Formel der Marche mondiale war, so wenig erwartbar war angesichts der Dominanz des dualistischen Denkmodells, dass etwas anderes als diese alte Kontroverse wieder herauskommen würde.

Schon längst gäbe es andere feministische Denkansätze. An dieser Stelle seien zwei kurz vorgestellt, die mir für das weitere Theoretisieren und Politisieren hilfreich zu sein scheinen. Für mein eigenes ökonomisches Denken stellen sie ein wichtiges analytisches Raster dar. Der erste Denkansatz stammt von Ann Ferguson, Professorin für Philosophie und Frauenstudien in den USA. Sie bezeichnet sich als Lesbe und als feministische und sozialistische Politaktivistin und veröffentlichte ein Buch, von dem Barbara Ehrenreich schreibt, dass es die feministische Theorie einen riesigen Schritt vorwärts gebracht und den biologischen und ökonomistischen Determinismus durchbrochen habe.

Das Buch «Blood at the Root» erschien 1989 und ist in Europa kaum rezipiert worden. Jede Gesellschaft hat ein nach Geschlechtern/Sexualität (Sex/Gender) geordnetes System, das eine bestimmte Produktion von Dingen und Dienstleistungen als kulturell besonders akzeptabel für Männer, Frauen oder Personen mit «anderen Geschlechtern» definiert. Dieses «Sex/Gender»-System ist auch beim Aufziehen von Kindern, in der Sexualität und bei der Hervorbringung sozialer Beziehungen und der Regelung zwischenmenschlicher Affekte grundlegend.

Was laut Ferguson ihre eigenen Konzeptionen von anderen radikal feministischen Denkweisen unterscheidet, ist die Annahme, dass dieses – wie es Ferguson nennt – Sex-affektive Produktionssystem je nach Gesellschaft und geschichtlicher Phase unterschiedlich organisiert ist. Es kann an unterschiedlichen sozialen Orten der Gesellschaft situiert sein, es kann an unterschiedlichen sozialen Orten der Gesellschaft reproduziert werden, beispielsweise in der Familie oder vielleicht heutzutage auch an der Börse.

Care Economy

Ferguson unterscheidet zwei strukturierende Prinzipien für die Sex-affektiven Verhältnisse: die gesellschaftliche Organisation der Arbeit und die gesellschaftliche Organisation der sexuellen und generell der zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie erarbeitet für die Phase des Kapitalismus drei Phasen von Männerdominanz: das Vaterpatriarchat, das Ehemannpatriarchat und das öffentliche Patriarchat. Mich überzeugen die Analysen dieser drei Phasen, wie sie im Buch dargestellt sind, nur begrenzt. Was mir aber sehr hilfreich erscheint, ist die analytische Herangehensweise. Ferguson ist nicht die Einzige, die so denkt. Frauke Helwes stellt in ihrem Artikel zu «Migration, Prostitution, Frauenhandel» (Prokla 111/Juni 98) die These auf, dass die wirkliche Herausforderung, die darin besteht, die Geschlechterliebe als globalökologischen Verkehrs- und Austauschmodus zwischen Gleichen – gleichen Menschen – zu ermöglichen, in der bisherigen Prostitutions- und Frauenhandelsdebatte nicht vorkommt. Die ökonomischen Zwangsverhältnisse kombiniert mit den entsprechenden Migrationsgesetzen ermöglichen, so Helwes, die sexuelle Unterwerfung und Ausbeutung eines signifikanten Teils von Frauen, und dies hat die Wirkung, die symbolische Herrschaft der Männer über alle Frauen auch ohne patriarchale Ernährerehe aufrechtzuerhalten. Diese Herrschaft ist nicht nur ererbt, sie wird heute reproduziert – oder eben neu produziert – durch Migrationsgesetze unter den Bedingungen ökonomischer Erpressung des Weltmarktes.

Eine zweite Richtung in der feministischen Ökonomie haben unter anderen die US-Amerikanerin Nancy Folbre, die Kanadierin Isabella Bakker oder die Inderin Gita Sen eingeschlagen. Sie verwenden in ihren Analysen die Kategorie «care economy». Care hat im Deutschen eine mehrfache Konnotation: Sorge, Fürsorge, Versorgen, Sorgfalt, sich sorgen um.

«Care economy» analysiert die Formen menschlichen Arbeitens und Verhaltens, die unabdingbar sind für das Wohlbefinden von Menschen und für die Produktion des Sozialen. Eine Fragestellung lautet: Wie ist in verschiedenen Gesellschaft die «care economy» organisiert? Mit unbezahlter oder bezahlter Arbeit? Staatlich, privatwirtschaftlich? Die «care economy», dies eine der Thesen der Autorinnen, ist ein wichtiger Aspekt der aktuellen ökonomischen Umwälzung. Davon wird der nächste Beitrag dieser Serie handeln.

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