29.04.1999

Keine Freizeit ohne Geld

Von Mascha Madörin

Von einem Lohn für Hausarbeit müssen wir ausgehen, um die Macht zu haben, über alles Übrige zu verhandeln: über die Arbeitszeit, über die Arbeitslast und (in unserem Sinn) über die Sozialisierung», so schrieb ein Komitee «Lohn für die Hausarbeit» der Region Venedig Anfang der siebziger Jahre. Die damals linken, feministischen Theoretikerinnen formulierten es sehr genau: Für Frauen gibt es keinen Ort ausserhalb des kapitalistischen Betriebes, wo sie souverän über Arbeitszeit verfügen können wie die Männer. Diese Einsicht unterscheidet linke feministische Politik von linker Politik.

Im Begriff «Zeitsouveränität» steckt die Idee der Selbsttätigkeit, im Sinne von «tun, wie und was ich will und richtig finde», und nicht nur die Idee selbst gewählter Zeiteinteilung. Dies setzt aber Bewegungsräume und wirtschaftliche Ressourcen voraus, über deren Verfügung ich mitentscheiden kann. Das, was vielleicht für Männer als Lebens- und Tätigkeitsfeld ausserhalb der Erwerbsarbeit attraktiv ist, stellt für Frauen eine andere, ebenfalls vorwiegend fremdbestimmte Arbeitswelt dar. Es gibt auch Geschlechterhierarchien in den Familien, in den Kirchen, in den Parteien und in anderen Bereichen der Gesellschaft. Diese «Lebenswelt (community) ist die andere Hälfte der kapitalistischen Organisation, der andere Bereich der verborgenen kapitalistischen Ausbeutung. (...) Sie wird zunehmend reglementiert wie eine Fabrik», so die Analyse der feministischen Theoretikerin Selma James.

Die aus dieser These abgeleitete, früher heftig umstrittene Forderung, Hausarbeit zu entlohnen, begründeten die Feministinnen macht- und zeitpolitisch sowie – heutzutage vielleicht fremd anmutend – radikal kapitalismuskritisch. Es sollte den Frauen möglich werden, wie die Männer an der gesellschaftlichen Macht teilzuhaben. Und es ging darum, den zur Lebenswelt respektive zum Ort der Zeitsouveränität verklärten anderen Teil der kapitalistischen Produktion durch staatliche Bezahlung zum Bereich politischer Kämpfe zu machen. Heute, angesichts der Tendenzen des Neoliberalismus, die Privatwirtschaft zu deregulieren, den Sozialabbau voranzutreiben und den Menschen Eigenverantwortung zu verordnen, sind diese Thesen wieder eine Provokation.

In weit entwickelten kapitalistischen Gesellschaften, in denen zwar lange nicht alle, aber immer mehr Grundbedürfnisse durch Warenproduktion gedeckt werden, ist die Organisation eines chronischen oder drohenden Geldmangels ein zentrales Mittel, Menschen zu kontrollieren und sie zu regieren. Für Frauen hängt deshalb heute viel an einem unabhängigen, existenzsichernden Einkommen. Tendenziell scheint sich jedoch trotz zunehmender Erwerbstätigkeit der Frauen in den nordwestlichen Ländern eine neue hierarchische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern durchzusetzen: Frauen leisten nicht nur immer noch den grössten Teil der Arbeit im Haushalt, sondern sie tragen auch zunehmend zu dessen Finanzierung bei. Sie sind zudem überproportional in Erwerbsarbeitsbereichen vertreten, welche der Befriedigung von Grundbedürfnissen dienen – im persönlichen Dienstleistungssektor und in der Warenproduktion elementarer Güter. In diesen Bereichen sind die Löhne in der Regel sehr tief. Prekäre Arbeitsverhältnisse, Diskriminierung am Arbeitsplatz und entsprechende Migrationsgesetze sorgen weiter dafür, dass für einen grossen Teil der Frauen, vor allem, wenn sie Kinder haben, eine permanente finanzielle (Teil-)Abhängigkeit von Männern erhalten bleibt und damit auch der Zwang, für Männer gratis zu arbeiten – in allen Bereichen der zivilen Gesellschaft. In England beispielsweise verfügten 1994 Männer über durchschnittlich vierzehn Stunden mehr individuelle Freizeit pro Woche als erwerbstätige Frauen. Englische Forschungen zeigen zudem, dass für die Arbeitsteilung und die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern im Haushalt weniger entscheidend ist, dass Frauen erwerbstätig sind, als dass sie annähernd so viel verdienen wie Männer.

Auch unter schweizerischen Arbeitsmarktverhältnissen, mit ihrem hohen Anteil diskriminierender und atypischer Arbeitsverträge für Frauen, führt die versprochene, viel beschworene Vereinbarkeit von Beruf und Familie für eine Mehrheit von ihnen faktisch zu einer zunehmenden Arbeitslast – ausser die Gleichstellungspolitik wird sehr viel offensiver und erfolgreicher. Insofern befürworte ich die vom SGB vorgeschlagene Arbeitszeitverkürzung und die vertragliche Gleichstellung eines Teils der heutigen Teilzeitarbeit mit einem Normalarbeitsverhältnis: zwar ein kleiner, aber immerhin ein Fortschritt.

Wenn die Gewerkschaften und die linken Parteien sich nicht für eine namhafte (Teil-) Finanzierung der Nichterwerbsarbeit in Form eines Grundeinkommens oder hoher Erziehungs- und Pflegegelder stark machen wollen, dann wäre zumindest von ihnen eine radikale Gleichstellungspolitik im Erwerbsarbeitsbereich zu erwarten. Der nächste Schritt, nämlich die Ausarbeitung von Leitplanken zur Flexibilisierung der Arbeitszeit, wird diesbezüglich ein strategischer Punkt sein, an dem die Gewerkschaften ihren guten politischen Willen betreffend Gleichstellung demonstrieren können. Wie viel Zeit und Geld für kontroverse Debatten und Erarbeitung von Know-how wird der Gewerkschaftsbund aufwenden, um die Flexibilisierungsfrage wirklich aus verschiedenen Frauensichten anzugehen? Wenn wir uns in der Schweiz ansehen, wer gegenwärtig in der Öffentlichkeit als ExpertInnen oder InteressenvertreterInnen über neue Arbeitszeitmodelle, Flexibilisierung und das Ende der Arbeitsgesellschaft diskutiert und philosophiert und worüber geforscht und debattiert wird, dann sind die Verhältnisse frauenpolitisch doch ziemlich deprimierend.

Die Frage der Zeitsouveränität stellt sich aus feministischer Sicht und zum Ärger der Männer eben in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch in Gewerkschaften, auch in linken Parteien. Zeitsouveränität ist nicht zu trennen von Definitions- und Entscheidungsmacht. Das ist nun mal ein schrecklich neuralgischer Punkt für die Genossen, Brüder, Freunde oder wie wir sie am 1. Mai nennen.

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