Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

Die Noten zwischen den Noten

Fünfzig Jahre nach seinem frühen Tod wird dem US-Jazzgiganten Eric Dolphy auf dem Zürcher Unerhört!-Festival Tribut gezollt. Noch heute besticht seine kühne Originalität.

Von Christoph Wagner

Eric Dolphy, Anfang der sechziger Jahre: «Ich kann einfach nicht aufhören, Sounds zu erkunden, deren Existenz ich mir vorher nicht vorstellen konnte.» Foto: Charles Stewart

«Ich wohnte in einem Loft auf der Lower East Side von Manhattan, als dieser junge Typ zu mir kam und sagte: ‹Ich habe einen Freund. Er ist Musiker und sucht eine Wohnung.› Unter mir stand ein Loft leer. Der Hausbesitzer war mein Kumpel. Ich sagte: ‹Ich kann ihm die Wohnung verschaffen›», erzählt der Künstler Joe Overstreet, der heute achtzig Jahre alt ist. Der neue Mieter war der 31-jährige Jazzmusiker Eric Dolphy, der 1959 nach New York gekommen war.

«Dolphy übte 24 Stunden lang – jeden Tag. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich wohnte über ihm. Er spielte jedes Holzblasinstrument, das es gab. Er hörte sich fortwährend eine Schallplatte mit dem Gezwitscher von verschiedenen Vögeln aus Afrika an und versuchte dann, den Vogelgesang mit der Flöte, dem Saxofon oder der Klarinette nachzuahmen.»

Dolphy war damals bereits kein unbeschriebenes Blatt mehr. An der Westküste hatte er sich im Quintett des Schlagzeugers Chico Hamilton einen Namen gemacht. In der engmaschigen New Yorker Szene sprach sich sein Talent schnell herum. Nicht lange, und ein paar der tonangebenden Innovatoren umschwärmten den Neuling. Bandleader Charles Mingus holte ihn in seine Jazz-Workshop-Band.

1928 in Los Angeles geboren, hatte Eric Dolphy am City College seiner Heimatstadt eine fundierte Musikausbildung erhalten und war sowohl im Jazz als auch in klassischer Musik versiert. Die Garage im Vorgarten, die ihm sein Vater zum Übungsraum umgebaut hatte, wurde zum Treffpunkt der jungen Jazzszene von Südkalifornien. Begierig saugte Dolphy jeden neuen Einfluss auf. Indische Musik faszinierte ihn ebenso wie das lose Spiel der alten New-Orleans-Jazzer oder der Gesang der Pygmäen im zentralafrikanischen Regenwald. Er beschäftigte sich mit Bela Bartok und Igor Strawinsky und stand den Experimenten der Neuen-Musik-Avantgarde aufgeschlossen gegenüber.

Spürbar bergauf

Dolphy liess sich von all diesen Musikstilen inspirieren. Obwohl er seine Wurzeln tief in der afroamerikanischen Kultur hatte – seine Mutter sang im Gospelchor der örtlichen Kirche – und Bebop seinen Bezugspunkt bildete, schwebte ihm eine Jazzmusik vor, die weit über den konventionellen Rahmen hinausging. «Ich kann einfach nicht aufhören, Sounds zu erkunden, deren Existenz ich mir vorher nicht vorstellen konnte», sagte er in einem Interview.

Über mangelnde Beachtung brauchte sich Dolphy nicht zu beklagen – im Gegenteil. Es ging spürbar bergauf, was allerdings nicht bedeutete, dass alle Geldsorgen auf einmal wie weggeblasen waren. Doch immerhin gab es Jobs. John Coltrane, damals im Zenit seines Ruhms, bemühte sich um den Newcomer. Ornette Coleman engagierte Dolphy für die Einspielung seines epochemachenden Albums «Free Jazz». Auch andere Jazzgrössen wie Max Roach, Oliver Nelson, Andrew Hill und George Russell zogen ihn zu Plattenaufnahmen heran. Dolphy war gefragt. Innerhalb kürzester Zeit hatte er sich ins Zentrum des aktuellen Jazzgeschehens gespielt. Seine kühne Vision erregte Aufsehen – aber auch Widerspruch! Dolphy polarisierte.

Kritiker nahmen ihn unter Beschuss. Musikerkollegen reagierten mit Ablehnung. «Niemand sonst hört sich so beschissen an wie Eric Dolphy», meinte etwa Miles Davis, und der Bebop-Saxofonist Sonny Stitt schäumte: «Er versucht, etwas zu finden, was nicht da ist. Spiel die schwarzen Tasten oder die weissen, aber nicht in den Ritzen dazwischen.» Mit den Noten zwischen den Noten hatte Stitt genau das Phänomen benannt, hinter dem Dolphy her war.

Anfang des Jahrs 1964 ging Dolphy ins Studio, um das Album «Out to Lunch!» aufzunehmen – sein Meisterwerk. Die Platte erschien auf dem Jazzlabel Blue Note und gilt wegen ihrer kühnen Originalität als Meilenstein der Jazzgeschichte. In den Improvisationen war gelegentlich etwas von den Vogelgezwitscherimitationen zu vernehmen, mit denen er die Geduld seines Mitbewohners Joe Overstreet strapaziert hatte.

Spiel an der Grenze

In seinen Kompositionen schob Dolphy die Grenzen der Jazzharmonik ins Dissonante hinaus, ohne sie gänzlich aufzulösen. Er vollführte einen Drahtseilakt zwischen komplexen Strukturen und abenteuerlichen Improvisationen. Grosse Intervallsprünge, Triller, Überblaseffekte und Spalttöne prägten sein Spiel, das manchmal vor Energie fast zu bersten schien, aber auch voller Poesie und Schönheit sein konnte.

Was Anfang der sechziger Jahre noch Empörung auslöste, klingt auch heute noch absolut aktuell und relevant. Nachdem in den sechziger und siebziger Jahren die freie Improvisation den avantgardistischen Jazz bestimmt hat, finden junge MusikerInnen seit längerem wieder zu festeren Formen zurück und setzen sich mit der Frage auseinander, wie sich Komposition und Improvisation gegenseitig kreativ bedingen. Dabei stossen sie auf Eric Dolphy, den diese Frage zeit seines Lebens beschäftigt hat.

Die Zeitlosigkeit von Dolphys Musik tritt zutage, wenn heute seine Kompositionen neu ausgeleuchtet werden. Für die Einspielung «So long, Eric!» haben die Pianistin Aki Takase und der Pianist Alexander von Schlippenbach einige von Dolphys Stücken frisch in Szene gesetzt, dafür neben seinen alten Weggefährten Han Bennink und Karl Berger die Crème de la Crème der Berliner Jazzszene ins Studio geholt plus den Ausnahmeposaunisten Nils Wogram. Allerdings wollte das Ensemble keine Dolphy-Coverband sein. Vielmehr wurden seine Kompositionen im Licht der neueren Jazzentwicklungen erkundet.

Wie besessen geübt

Im April 1964 war Dolphy mit Charles Mingus wieder nach Europa gekommen, wobei sie auch im Zürcher Limmathaus auftraten. Während der Tour kam es zum Zerwürfnis mit dem aufbrausenden Bandleader, als dieser in Bremen das Publikum von der Bühne herab als Nazis beschimpfte, weil ein paar der BesucherInnen sich während des Konzerts unterhalten hatten. Dolphy distanzierte sich öffentlich von seinem Chef und kündigte an, die Band zu verlassen. Er wollte in Europa bleiben, das sich für die neuen Tendenzen viel aufgeschlossener gezeigt hatte.

Einen Monat später war Dolphy in den Niederlanden unterwegs. Er stellte ein Ensemble für Konzertauftritte zusammen, zu dem der junge Drummer Han Bennink gehörte, der schon etliche US-amerikanische Jazzgrössen begleitet hatte. «Die Amerikaner waren generell sehr freundlich, aber hauptsächlich an Alkohol und Mädchen interessiert», erinnert sich Bennink. «Die grosse Ausnahme war Eric Dolphy. Er übte jede freie Minute wie besessen, trank keinen Alkohol, rauchte keine Joints, war allein an Musik und Kunst interessiert. Wir haben viel geprobt.»

Tragischer Tod

Im Juni 1964 stand Berlin auf dem Programm. Der Vibrafonist Karl Berger und seine Frau, die Vokalistin Ingrid Sertso, hatten Dolphy zu einem dreitägigen Clubgastspiel in die geteilte Stadt eingeladen. «Wir hatten ihn für die Eröffnung des Berliner Jazzclubs ‹Tangente› gewonnen», erinnert sich Berger. «Er kam, konnte aber nur noch am ersten Abend spielen. Drei Tage später, am 29. Juni, war er tot. Er starb an einer unerkannten Diabetes.» Die Jazzwelt war geschockt. Gerüchte machten die Runde, dass Dolphy wegen seiner Hautfarbe im Berliner Krankenhaus nicht mit der gebotenen Dringlichkeit behandelt worden sei. In der Notaufnahme sei man von einer Drogenüberdosis ausgegangen und habe ihn zur Ausnüchterung einfach im Krankenbett liegen lassen.

«Ich bekam noch einen Brief von ihm – ob ich im Jazzclub Montmartre in Kopenhagen mit ihm spielen könne. Der Brief traf ein, als er bereits tot war. Sein plötzlicher Tod war eine absolute Tragödie», sagt Drummer Han Bennink, und Dolphys New Yorker Wohnungsnachbar Joe Overstreet ergänzt: «Eines Tages hatte ich ihn im Hausgang getroffen. Er sagte, dass er zu Konzerten nach Europa reisen werde. ‹Ich hoffe, du kommst nicht zurück, dann habe ich endlich wieder meine Ruhe›, scherzte ich. – Er kam nicht zurück!»

«So long, Eric!» von Aki Takase und Alexander 
von Schlippenbach ist bei Intakt Records erschienen. Das Tributkonzert am Unerhört!-Festival findet am Samstag, 29. November 2014, 
in der Roten Fabrik Zürich statt (vgl. «Wo Jazz auch entsteht» im Anschluss an diesen Text).

Unerhört!-Festival

Wo Jazz auch entsteht

Die Beschäftigung mit der Jazzmoderne, wie sie im Eric-Dolphy-Projekt zum Ausdruck kommt, ist einer der Schwerpunkte am diesjährigen Unerhört!-Festival. Darüber hinaus verfolgt das Festival, das vom 24. bis am 30. November in Zürich stattfindet, Spuren in der Gegenwart: Zu hören sein werden einige der jüngeren Talente aus der Schweizer Szene, die auch international Beachtung finden, darunter das Stimm-Drum-Duo Andreas Schaerer und Lucas Niggli, der Berner Schlagzeuger Julian Sartorius oder das Zürcher Saxofonquartett Spittin’ Horns von Barbara Wehrli Wutzl. Auch eine Big Band spielt auf: Der deutsche Jazzposaunist Nils Wogram leitet die Jazz-Big-Band der Musikhochschule Luzern und präsentiert eigene Kompositionen.

Das Unerhört! soll auch ein Ort sein, an dem der Jazz überhaupt erst entsteht: Als Gastkomponisten eingeladen sind der Pianist Vijay Iyer und der Saxofonist Rudresh Mahanthappa, beide US-Amerikaner mit indischer Herkunft. Sie erarbeiten mit den Musikhochschulen in Zürich und Luzern je ein Projekt, im Museum Rietberg treffen die beiden Meister schliesslich aufeinander. Das Festival bietet auch eine Entdeckung von Zürcher Spielorten: Die Konzerte finden im Fabriktheater, im Jazzclub Moods oder im Haus Konstruktiv statt – und sogar im Alterszentrum Bürgerasyl Pfrundhaus, wo Luciano Biondini auf dem Akkordeon italienische Songs spielt. ks

Das ganze Programm des Zürcher Jazzfestivals, das am 24. November 2014 beginnt, ist ersichtlich unter www.unerhoert.ch.

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