Nr. 12/2015 vom 19.03.2015

«Wir zelebrierten das Verliererimage»

In den achtziger Jahren organisierte Andreas Mösli Solidaritätsaktionen für Verhaftete der «Bewegung». Als die Revolution ausblieb, engagierte er sich 2002 ehrenamtlich beim bankrotten FC Winterthur und machte daraus einen erfolgreichen Klub mit linkem Selbstverständnis. Ein Gespräch über Arbeitermentalität, Revolte, Fussball und Grossvaters Zeit im sibirischen Straflager.

Interview: Daniel Ryser

WOZ: Andreas Mösli, wenn vom FC Winterthur die Rede ist, kommt schnell die Rede auf den FC St. Pauli. Sie haben sogar dafür gesorgt, dass beim FCW die Einlaufmusik dieselbe ist: «Hells Bells» von AC/DC. Was verbindet Sie derart stark mit Hamburg?
Andreas Mösli: Ich muss ausholen.

Bitte.
Meine Vorfahren mütterlicherseits waren Deutsche, die in Litauen lebten. Sie führten ein einfaches Leben auf dem Land in einem Kaff ohne geteerte Strassen, das bei Regen im Schlamm versank. Der Grossvater war Schmied. Er hat nicht gelesen, nicht geschrieben. Der Stolz war ein Ochsenkarren. Während des Zweiten Weltkriegs zog die Wehrmacht die Männer ein, meinen Grossvater, seine Brüder, die Brüder der Grossmutter, die Cousins. Viele von ihnen starben in Stalingrad, mein Grossvater verschwand für fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Was von der Familie übrig war, floh über das Eismeer nach Deutschland. Meine Grossmutter und ihre Kinder, darunter auch meine fünfjährige Mutter, strandeten als Asylbewerber in Norddeutschland. Sie erhielten einen Selbstversorgungshof zugeteilt: einen Stier, Kühe, Schweine, Hasen, ein wenig Land. Als der Grossvater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, hatte meine Grossmutter eigentlich schon ein neues Leben aufgebaut.

Haben Sie mit ihm über die Zeit in Sibirien gesprochen?
Er war ein grausamer Chrampfer. In Deutschland arbeitete er dann in einer Schlosserei beim Hafen. Morgens um fünf fuhr er mit dem Motorrad los, und wenn er abends, nach Hause kam, mistete er den Stall aus. Er war Kettenraucher, Ernte 23. Rückblickend würde ich sagen, er hatte depressive Züge. Über die Kriegsgefangenschaft hat er nie ein Wort verloren. Irgendwann zu Zeiten Michail Gorbatschows tauchte plötzlich einer seiner im Krieg verschollenen Brüder auf. Eine goldene Hochzeit hatte angestanden, und der Bruder hatte für ein Visum eine Kuh verkauft. Er brachte seinen Sohn mit. Der war grad aus Afghanistan zurückgekehrt, wo er für die Russen gekämpft hatte. Ein voll tätowierter Schrank. Sehr nett, aber völlig kaputt. Hat gesoffen wie ein Loch.

Aber was hat das alles mit Winterthur zu tun?
Mein Grossvater väterlicherseits, Emil Mösli, war Appenzeller, ein arbeitsloser Textilzeichner. Er wanderte nach Norddeutschland aus, um als Melker zu arbeiten. Er arbeitete sich zum Chefmelker eines Hofs mit Hunderten Kühen hoch und heiratete eine Frau, die siebzehn Jahre jünger war. So kam 1934 mein Vater zur Welt. Kurz darauf zogen sie wieder in die Schweiz. Anfang der Fünfziger kehrte mein Vater nach Norddeutschland zurück, um bei einem befreundeten Metzger eine Lehre zu absolvieren. An einem Dorffest in der Nähe von Hamburg lernte er meine Mutter kennen. 1962, drei Jahre vor meiner Geburt, kamen sie zusammen in die Schweiz. Er arbeitete als Metzger und sie bei Osram am Fliessband. Sie leben noch immer im selben Block in Wülflingen, in den sie vor 53 Jahren gezogen sind.

Bei den Besuchen der Grosseltern in Norddeutschland entdeckten Sie die Liebe zum FC St. Pauli?
Als Zürich brannte, sass ich auf dem Bauernhof meiner Grosseltern herum und hörte in der Stube Punkplatten. Ich konnte nicht mehr rumsitzen, Hamburg war ja ganz in der Nähe. Also fuhr ich dorthin und entdeckte die besetzte Hafenstrasse. Und das Millerntor, das Stadion des FC St. Pauli. Das war eine regelrechte Befreiung. Ich hatte 1981 mit Fussball aufgehört. Hatte bei Wülflingen gespielt, linker Flügel. War dann in die U-16-Auswahl gekommen. Aber der militärisch geführte Fussball nervte. Lieber gründete ich eine Band. Wir nannten sie «Abriss». Abriss und Fussball, das passte nicht mehr zusammen. Und das nicht bloss aus Lifestyle-Gründen. Fussball war damals in unseren Augen in der Hand von Reaktionären: Die Fans waren Faschisten und die Besitzer der Klubs rechtsbürgerliche Bonzen. Deshalb hat mich St. Pauli so begeistert: Hier pilgerten Punks, Anarchisten, Kommunisten, Freaks zum Fussball.

Sie waren Punk im Winterthur der achtziger Jahre. Richard Dindos Film «Verhör und Tod in Winterthur» zeichnet ein ziemlich düsteres Bild jener Zeit.
Ich absolvierte damals eine Lehre als Maschinenzeichner bei Rieter. Als ich eines Morgens zur Arbeit kam, wunderten sich die Büezer: «Was, du bist noch auf freiem Fuss?» Ich wusste überhaupt nicht, wovon die reden. Sie fragten: «Hörst du kein Radio?»

Was war passiert?
Die Polizei hatte an jenem Morgen Dutzende junge Menschen verhaftet. Es war das Ende einer Serie von Protestaktionen und Anschlägen. Angefangen hatte es mit eingeschlagenen Scheiben und Farbbeuteln, dann brannte ein Militärfahrzeug, ein Bagger auf einer Baustelle. Und dann kam es zu der Sache mit Rudolf Friedrich. Die Medien nannten es «Anschlag auf Bundesrat Friedrich». Wir nannten es «Anschlag auf Friedrichs Fensterladen». Es war eine Pseudobombe, die dort montiert war. Es war ein Anschlag auf sein Haus, nicht auf ihn. Was nicht heisst, dass es nicht hätte schiefgehen können. Auch wenn nie ganz klar war, wer die Bombe eigentlich gelegt hatte, drehten Bürgertum und «Landbote» durch. Eine unglaubliche Hetzkampagne gegen die Jugendlichen begann. Wir organisierten eine Solidaritätsdemonstration für die Verhafteten.

Wie haben Sie die Zeit als Punk überstanden?
Indem wir uns organisierten. Die Beizen schlossen um 23 Uhr? Also besetzten wir für jeweils eine Nacht ein leer stehendes Haus und veranstalteten Konzerte bis in den Morgen. Zudem engagierte ich mich in der Genossenschaftsbeiz Widder. Klar, da hat man den Druck auch zu spüren bekommen: Ich wohnte in einem anderen Stadtteil. Nach jeder Nachtschicht wurde ich von der Schmier kontrolliert. Sie kannten zwar längst unsere Namen, passten uns dennoch immer ab.

Haben die sich erklärt?
Dank Subversivenjäger Ernst Cincera und all diesen paranoiden Irren, die der Kalte Krieg hervorbrachte, dachten die ernsthaft, wir seien von Moskau finanzierte Schläferzellen.

Und, nie Geld aus Moskau erhalten?
Als Punks und Trotzkisten wären wir als Erste im Gulag gelandet. Unsere Präsenz wurde als Angriff auf eine heile Welt wahrgenommen. Eine Freundin meiner Mutter sah mich mit verstrubbelten Haaren und zerrissenen Jeans in der Stadt rumhängen: «Dein Sohn stirbt den Drogentod!» Heute läuft doch jeder Spiesser krasser rum. Als wir mit meiner zweiten Band, den Swinging Zombies, an den Musikfestwochen spielten und ein Bild von uns in einer Broschüre des Stadtmarketings landete, gab es Vorstösse im Parlament und Leserbriefe: Was für eine Schweinerei die Stadt mitfinanziere! Der Geschäftsführer des Gewerbevereins Junge Altstadt schrieb, unsere Musik sei Tierquälerei für Menschen.

Eine schönere Bezeichnung der Musik kann man sich als Punk doch gar nicht wünschen.
Selbstverständlich. Aber für mich ging es nicht darum, jemanden zu ärgern, meine Eltern zum Beispiel. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihnen, auch wenn mein Vater, ein engagierter Gewerkschafter, drei Wochen nicht mehr mit mir sprach, als ich mir die Haare färbte. Ich wollte einfach machen, worauf ich Lust hatte. Zudem war Punkrock für mich durchaus auch ein authentischer Ausdruck der Winterthurer Büezertradition: Lederjacken, Bier, Musik. Zürich, das war eher etwas für Hippies. Winterthur war nie wirklich liberal. Das Gerücht hält sich bis heute, dass Rieter und Sulzer dahintersteckten, dass die Beizen um 23 Uhr schlossen. Nach dem Motto «Winterthur ist kein Vergnügungsviertel, hier wird gearbeitet».

Wann brach die Enge auf?
Mit dem Niedergang des real existierenden Sozialismus sassen plötzlich Sozialdemokraten in guten Jobs. Ernst Wohlwend, einst das grosse Feindbild der Bürgerlichen, sass plötzlich im Stadtrat. Solche Leute hatten ein gewisses Verständnis für die Jugend. Mit dem Salzhaus, dem Gaswerk, dem Kraftfeld entstanden neue Gefässe, die kurz vorher noch undenkbar gewesen wären. Plötzlich musste man für ein gutes Konzert nicht mehr nach Zürich.

Trotzdem hat die Winterthurer Jugend auch vor zwei Jahren aufbegehrt: gegen Aufwertung, Standortmarketing, Repression. Einer jungen Demonstrantin wurde von der Polizei mit einem Gummigeschoss ein Auge ausgeschossen. Hat Sie die Eskalation überrascht?
Bei den jungen Menschen hat sich einiges angestaut. Überrascht Sie das bei all dem Konsumdruck, dem Druck am Arbeitsplatz, der Entsolidarisierung der Gesellschaft? Mich nicht. Trotzdem hat mich diese Eskalation überrascht. Als Geschäftsführer eines Vereins steht man mit fast der ganzen Stadt in Kontakt und natürlich auch mit der Polizei. Die Signale aus Polizeikreisen deuteten in eine andere Richtung: Man habe nichts gegen diese Tanzdemo. Nichts machte den Anschein, dass es Krawall geben könnte. Im letzten Moment änderte sich die Tonlage.

Wie meinen Sie das?
Im letzten Moment kam die von Mario Fehr befehligte Kantonspolizei hinzu, und plötzlich hiess es: Man dulde die Demo nicht und werde sie im Keim ersticken. Das wurde dann auch getan. Nach der Demo konzentrierte sich im Parlament alles auf die Winterthurer FDP-Polizeivorsteherin. Der Name Mario Fehr fiel nicht. Dabei waren es seine Leute, die kamen, rumballerten und wieder abzogen. Der SP war es im Gemeinderat recht, dass man auf die FDP schimpfte, aber lieber doch nicht zu laut, damit die Bürgerlichen nicht auf die Idee kamen, den Fehr ins Spiel zu bringen. Mehrere Lokaljournalisten sagten mir später, die Kantonspolizei habe sich auf der Redaktion über die angeblich tendenziöse Berichterstattung beklagt. Diese Leute sind sich offenbar nicht gewohnt, dass eine Zeitung kritische Fragen stellt.

Warum sind Sie eigentlich immer in Winterthur geblieben?
Viele der Leute, die ich in den achtziger Jahren gut kannte, sind ausgewandert: nach Zürich, nach Basel, ein paar wenige nach Bern. Ich arbeitete in der Fabrik bei Rieter, bei Sulzer, später als Volontär und Redaktor bei der «Arbeiterzeitung», als PR-Mann für das Salzhaus, im Open-Air-Kino, beim Interkulturellen Forum, spielte in Bands, engagierte mich in der Genossenschaft Widder, arbeitete für vier Jahre beim «Tages-Anzeiger» als Redaktor für die Winterthur-Seiten – es gab also immer wahnsinnig viel zu tun. Andererseits fühlte ich mich trotz allem immer wohl hier. Die Mentalität und die Grösse entspricht mir.

In einer Kurzgeschichte beschreibt der Autor Tom Combo Winterthur als die Stadt, die mit Einstein jenen Mann beherbergt hatte, der fähig war, die Atombombe zu bauen, und mit Mussolini jenen Mann, der verrückt genug gewesen wäre, sie einzusetzen. Fragt in der Geschichte der eine: «Und was hätten wir mit der Bombe getan?» Sagt der andere: «Auf Zürich geworfen.»
Das beschreibt die Winterthurer Mentalität sehr treffend.

Atombomben auf Zürich werfen wollen?
Nein, die Mischung aus Minderwertigkeitsgefühl und Trotz. Man steht im Schatten einer grossen Stadt, die sowieso eine Sonderstellung im Land geniesst. Man motzt und ist irgendwie doch neidisch. Und versucht, die Sache mit Humor zu nehmen. Einmal hat Winterthur probiert, aus dem Schatten Zürichs zu treten. Die Winterthurer Demokraten bauten eine nationale Eisenbahnstrecke von Winterthur nach Basel, über Bülach und Baden, vorbei an Zürich. Die Sache ist fürchterlich schiefgegangen. Die Schulden mussten sie noch bis vor nicht allzu langer Zeit abstottern.

Der Stadtteil Töss, wo ich lebe, ist geprägt von Sulzer, Rieter, Loki. Sehr viele Häuser gehörten diesen Firmen. All die Büezerfamilien wohnten in diesen kleinen Backsteinhäuschen. Ich war einer der wenigen im Quartier, in dessen Familie niemand bei Rieter oder Sulzer arbeitete. Das ist prägend, auch für den Charakter der Menschen. Das Understatement, die Arbeitermentalität, das Kleinbürgertum, Augen zu und durch, das fehlende Selbstbewusstsein gegenüber der Bankenstadt Zürich. Ich bin sowieso der Meinung, Winterthur müsste sich von Zürich abspalten und die Hauptstadt des Thurgaus werden.

Wie bitte?
Winterthur ist zu gross, um irgendeine Stadt in einem Kanton zu sein. Die sozialen und politischen Probleme sind aufgrund der Grösse jene einer Hauptstadt, ohne dass wir in Bern etwas zu melden hätten. Winterthur und Thurgau haben dasselbe Wappen, nur dass Winterthur irgendwann von den Habsburgern an die Eidgenossenschaft überging und Untertanengebiet wurde. Die daraus folgenden Einschränkungen im Wirtschaftsbereich legten den Boden für die lokale Maschinenindustrie, weil dies ein Gewerbe war, das Zürich nicht störte. Auch der Thurgau wurde von den eidgenössischen Vögten ausgeplündert und ist ein Gebilde ohne Anfang und Ende und ohne urbanes Zentrum. Der Thurgau hat auf Winterthur gewartet.

2002 haben Sie begonnen, sich beim FC Winterthur zu engagieren. Damals stand der Klub vor dem Konkurs. Anfang März wurde nun die neue Gegentribüne eingeweiht – gebaut für zehn Millionen Franken. Mit neun Millionen euphorisch unterstützt von einer Stadt, die eigentlich an allen Ecken und Enden sparen muss. Wie wurde aus einem, der Solidaritätsdemos für verhaftete Genossen organisierte, der Geschäftsführer eines der inzwischen solidesten Fussballklubs des Landes?
Die damalige Vereinsführung, die bei den Wahlen offiziell den heutigen SVP-Nationalrat Jürg Stahl unterstützte, hatte den Klub mit Schulden an die Wand gefahren. In einem letzten Rettungsversuch holten sie 2001 einen Mann namens Hannes W. Keller als Sponsor ins Boot, einen Physiker und Querkopf, einen Unternehmer und Patron mit rebellischer und sozialer Seite, der mit seiner Druckmesstechnik Millionen gemacht hatte. Keller merkte schnell, dass irgendwas nicht stimmte, denn die wollten immer noch mehr Geld.

Und er lieferte und lieferte?
Darauf hatten die wohl spekuliert. Stattdessen warf Keller einen Blick in die Bücher und entdeckte, dass der Verein keine Sozialleistungen zahlte und 2,5 Millionen Franken Schulden hatte. Keller ist ein sehr sozialer Mensch. Die Sache mit den Sozialleistungen versetzte ihn in Rage. Statt abzudanken, liess er sich zum Präsidenten aufstellen. Sie hatten gar keine andere Wahl, als ihn zu wählen. Und kaum war er gewählt, mistete er den Laden aus.

Und wie kamen Sie zu Ihrem Engagement?
Wir, eine lustige Ansammlung von etwa fünfzig Leuten aus der Winterthurer Alternativszene, hatten Ende der Neunziger die Bierkurve gegründet. Und weil wir ironische, sarkastische Menschen sind, zelebrierten wir das Verliererimage des Vereins. Wir machten Stimmung, auch wenn es damals nichts zu feiern gab. Als klar war, dass der Verein finanziell am Ende war, organisierten wir eine riesige Soli-Party und sammelten so 15 000 Franken, die wir Keller überreichten. Als Symbol für unseren Wunsch, dass der Verein unbedingt weiterexistieren müsse.

Damit war der Verein noch lange nicht gerettet.
Nein, aber es war eines jener Zeichen, die Keller dazu bewogen, den Verein zu retten. Bis heute hat er fünfzehn Millionen eingeschossen. Mein alter Weggefährte und Widder-Genosse Michael Sauerland und ich haben im September 2002 die Stadionbar Libero gegründet, einen Kollektivbetrieb, der zu einem Treffpunkt für Fans, Spieler, Familien werden sollte. Rechtlich waren wir vom Verein abgekoppelt, da damals nicht klar war, wie lange es ihn noch geben würde. Wir organisierten Lesungen, Konzerte; hochgestochen gesagt, etablierten wir ein linkes Projekt. Und so rutschte ich in den Vorstand und arbeitete ein Jahr lang ohne Lohn. Ich hatte keine Familie, konnte mir diesen Lebensstil ein Jahr lang leisten. Das war das Ziel: ein Jahr lang alles geben, damit der Verein überlebt. Die Rechnung ging auf: Nach einem Jahr war der Verein gerettet, und ich wurde von Keller angestellt.

Wie rettet man ehrenamtlich einen bankrotten Fussballklub?
Wir klapperten Dutzende Gläubiger ab: «Eigentlich schulde ich dir 50 000. Ich zahl dir 15 000, und auf den Rest verzichtest du. Wenn du Nein sagst, geht der Verein in Konkurs, und dann kriegst du gar nichts.»

Schöne Arbeit.
Ja, wahnsinnig angenehm.

Wie konnte ein Klub auf diesem Niveau derartig Schulden anhäufen?
Man frisiert die AHV, schiebt Schulden hin und her. Ein Beispiel: Wir entdeckten Einnahmen von 120 000 Franken für Fernsehrechte. Fernsehrechte für die damalige Nationalliga B? Die Spiele liefen ja gar nicht am TV. Es wurde eine Unterfirma gegründet, die dem Verein diese Rechte auf dem Papier abkaufte, damit die Rechnung beim Jahresabschluss stimmte. Das Geld gab es gar nie. Ein einfacher Buchungstrick, bei dem du hoffst, dass es die Revisionsstelle akzeptiert. Aber irgendwann verbläst es dich natürlich. Das lief ja damals nicht nur in Winterthur so. In Lugano musste der Präsident mit dem Auto in den See fahren, weil er so viele Schulden angehäuft hatte.

Wie hatte es überhaupt so weit kommen können? Der FC Winterthur war einst ein stolzer Verein gewesen.
Er war dreimal Schweizer Meister, stellte Nationalspieler. Vor hundert Jahren. Wir hatten sportlich den grössten Erfolg, als es noch keine Profis gab. In den zwanziger Jahren kam dann der Profifussball, und die guten Spieler wanderten ab zu GC und zum FC Zürich. Zwei verliessen Winterthur Richtung FC Turin. Profisport, ja oder nein? Diese Frage wurde im Verein hitzig diskutiert, mit flammenden Reden gegen den Kapitalismus. Der Amateursport wurde als Gegenkraft zur kommerziellen Arbeitswelt idealisiert. Der FC Winterthur entschied sich damals tatsächlich dagegen, eine Profimannschaft sein zu wollen. Der einzige Profi war der Trainer. Er erhielt seinen Lohn direkt vom Stadtpräsidenten. Das war nobel, aber der Klub verschwand durch diesen Entscheid für dreissig Jahre von der Bildfläche.

Die sportlich erfolgreichste Zeit im Profisport waren die sechziger und siebziger Jahre. Wie kämpfte sich der Klub zurück?
Es ist die Bilanz einer Arbeiterstadt: Die Erfolgsgeschichte des FCW war verbunden mit der Konjunktur. Als die Stadt in den Sechzigern durch die Industrie erblühte, machte auch der städtische Fussball wieder von sich reden. Präsident Hans Wellauer, bezeichnenderweise ein Frauenfelder Bauunternehmer, holte 1967 für viel Geld den Superstar Timo Konietzka, der dafür Angebote von Inter Mailand und Real Madrid ausschlug. Konietzka schoss in der ersten Saison über dreissig Tore und den FCW in den Cupfinal. 1975 schafften wir es noch einmal in den Cupfinal. Beide Spiele verloren wir zwar. Trotzdem sind diese beiden Niederlagen bis heute unsere grössten sportlichen Erfolge.

Dann kam die Wirtschaftskrise.
Und es ging steil abwärts. Die achtziger und die neunziger Jahre sind zum Vergessen, eine einzige Katastrophe.

Wo verfolgen Sie inzwischen eigentlich die Spiele? Auf der VIP-Tribüne?
So was haben wir gar nicht. Durch dieses VIP-Wesen ist sowieso eine seltsame Kultur entstanden, in der sich Fans und Funktionäre feindselig gegenüberstehen. Ich empfinde dies heute häufig so: Der Verein, das sind irgendwelche anonymen Menschen hinter VIP-Scheiben, und die Fans, das sind die Asozialen da unten. Man findet sich gegenseitig böse oder zumindest komisch, als bestünde der Verein eigentlich aus zwei Vereinen. Leute sind Fans eines Vereins, den sie gleichzeitig auch als ihren Feind betrachten. So entsteht eine Klassengesellschaft: oben der Verein, die Sponsoren, unten das Volk. Dann hast du eine Mannschaft, die das Geilste ist, wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft, behandelt das Volk die Mannschaft wie den letzten Dreck: «Straftraining! Ausgang sperren! Hundert Liegestützen! Lohn nicht zahlen! Rausschmeissen!»

Das kommt auch in Winterthur vor?
Was denken Sie denn? Beim Fussball reden auch Menschen mit eigentlich linkem Bewusstsein plötzlich so, als seien sie von vorgestern. Aber unsere Spieler sind normale Arbeitnehmer mit Rechten und Pflichten. Wie würde jeder andere Arbeitnehmer reagieren, wenn man ihm wegen eines Fehlers den Lohn halbiert?

Zwei Vereine in einem, die sich nicht mögen – wie wirkt man dem entgegen?
Ein Verein muss natürlich keine Familie sein, aber eine Gemeinschaft durchaus. Dafür ist es auch nötig, dass man sich als Geschäftsführer unter den Fans bewegt.

In den hyperventilierenden Debatten der Gegenwart liest man dauernd von «echten Fans» oder eben Leuten, die «keine Fans» seien; es wird gefordert, dass sich die einen von den anderen distanzieren oder sogar einschreiten, wenn sich die einen daneben benehmen.
Die Selbstjustiz haben wir zum Glück abgeschafft. Diese Bezeichnungen und Forderungen sind typisch für eine Politik, die immer mehr mit Schnelllösungen reagiert. Bei Problemen sagen die Vereine ja auch gerne: «Das sind nicht unsere Fans!» Das kannst du noch lange sagen. Es sind trotzdem deine Fans, wenn sie sich als das verstehen. Und mit all diesen Leuten musst du dich aktiv auseinandersetzen.

Es kommt bei uns ja auch vor, dass irgendein Arbeiter aus Ostdeutschland mit rechten Szeneklamotten in der Kurve steht. Du musst akzeptieren, dass Fussball alle anspricht, nicht nur die Netten. Und du kannst nicht von Hand verlesen, wer reinkommt. Du musst auch akzeptieren, dass es Leute gibt, die einfach nur Fussball und Bier wollen und sich einen Scheissdreck dafür interessieren, dass wir beim FCW eine Sozialcharta haben.

Aber es ändert eben extrem viel, wenn du nicht anonym bist. Wenn du die Leute ansprichst. Kürzlich spielten wir in Eschenbach in der Nähe von Luzern. Neben dem Stadion grasten ein paar Kühe, alles friedlich. Dann kamen ein paar Luzerner Hooligans aufgelaufen. Die wollten einfach mal abchecken, was läuft. Ich gesellte mich zu ihnen. Einer fragte nach einer Zigarette. Wir rauchten. Irgendwann fragte er: «Sag mal, bist du nicht der Geschäftsführer?» Wir standen da und rauchten, und er war völlig irritiert, dass wir auf Augenhöhe miteinander reden konnten.

Das geht immer gut?
Einmal hat mir einer die Nase gebrochen.

Unerfreulich.
Das war die Ausnahme. Die Regel ist eine andere. Es ist kein Zufall, dass sich unsere Fanszene nicht über den Hass gegen andere Mannschaften definiert, so wie dies bei einigen anderen der Fall ist. Unser Grundgedanke ist eine solidarische Gesellschaft. Klar, wir sind ein Fussballverein. Und Fussball ist eine sehr ernste Sache. Das rechtfertigt trotzdem keine Diskriminierung. Egal was Leute sagen, die sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung stehlen: Man kann als Verein eine Grundstimmung beeinflussen.

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