Nr. 31/2016 vom 04.08.2016

Die Freiheit, nicht aufsteigen zu müssen

Erstmals seit 1989 kam es Ende Juli wieder zum Klassiker zwischen dem FC Zürich und dem FC Winterthur. Die WOZ begleitete zwei Winterthurer Fans auf ihrem Umweg nach Zürich.

Von Adrian Riklin (Text) und Milad Ahmadvand (Foto)

Jetzt erst, zwischen Küsnacht und Thalwil, zeichnen sich die Silhouetten der Stadt Zürich ab. Heinz Rösli und Thomas Ganz stehen am Bug der «Limmat» und schauen nordwärts. Stunden zuvor trafen wir uns zwanzig Luftlinienkilometer von hier am Winterthurer Bahnhof, um auf Umwegen – mit der S7 nach Rapperswil und von dort mit dem Schiff – nach Zürich zu reisen.

Rösli, 1954 in Winterthur geboren, heute im Tösstal zu Hause, ist FC-Winterthur-Fan seit über fünfzig Jahren. Besonders eingeprägt hat sich ihm der Cupfinal 1968 in Bern gegen den FC Lugano, der 1: 2 verloren ging. Ganz, 1961 in Winterthur geboren, war damals sieben Jahre alt. Weil er an jenem Sonntag mit der Familie spazieren musste, verfolgte er das Spiel am Radio. Es war das Jahr, als die bislang letzte ruhmreiche Vereinsphase mit Spielern wie Timo Konietzka, Eigil Nielsen und Peter Risi eingeläutet wurde. Seither verpassen die beiden fast kein Spiel. Rösli, der gelernte Fernmeldeapparatemonteur, der heute in der Sicherheitsbranche mit Schwerpunkt Einbruchschutz tätig ist; Ganz, der gelernte Offsetfotograf, der heute als selbstständiger medizinischer Masseur arbeitet.

«Erstklassig zweitklassig»

Kurz vor dem Anlegen beim Bürkliplatz beginnt es zu regnen. Gewitterwolken über der Stadt. Ja, nervös sei er schon den ganzen Tag, sagt Rösli an der Tramhaltestelle. So gelassen, wie er wirkt, auch im Tram, durchnässt zwischen jungen FCZ-Fans, muss es sich um eine glückliche Nervosität handeln. In Ganz’ Gesicht blitzt derweil Entschlossenheit auf.

Bald dreissig Jahre sind vergangen, seit der FCW letztmals in einem Meisterschaftsspiel gegen den Zürcher Stadtklub angetreten ist: in der Saison 1988/89, als der FCZ für ein Jahr in der Nationalliga B spielte. Und jetzt also, mit dem unerwarteten Abstieg des FCZ: hier der Zürcher Stadtklub mit einem Zwanzig-, da der FCW mit einem Vier-Millionen-Jahresbudget. Und doch gibt es eine Verwandtschaft: Beide Klubs umweht noch immer der Ruf von Arbeitervereinen. Während beim FCZ dieses Image nur noch bedingt stimmt, pflegt es der FCW umso beherzter. Zu verdanken ist das auch Andreas Mösli, dem Geschäftsführer: Der ehemalige Punkrocker, Politaktivist und Journalist hat dem Verein zu einem einzigartigen Charisma inklusive einer vereinseigenen «Sozialcharta» verholfen.

Im FCW-Slogan «Erstklassig zweitklassig» spiegelt sich die Tugend, die Mösli und Co. aus der finanziellen Not gemacht haben: das Gegenteil des Grössenwahns von Investoren wie etwa beim FC Wil. Die Freiheit, nicht aufsteigen zu müssen. Und die Schützenwiese als «Wohlfühloase» (Ganz) in der einstigen Arbeiterstadt, die mit ihren Fachhochschulen Jahr für Jahr junge Leute aus der ganzen Deutschschweiz anzieht und auf rund 110 000 EinwohnerInnen angewachsen ist: «Kein Vergleich mit den achtziger Jahren», erinnert sich Ganz, «als wegen der frühen Polizeistunde die Strassen ab 23 Uhr leer waren und die Arbeitskräfte brav zu Hause.»

Der Sport aber hat es immer noch schwer in der Stadt. Trotz des guten Images, das sich der FCW erarbeitet hat – in der Nachwuchsförderung, in der Fanarbeit, in der Integration. Der Versicherungskonzern Axa, das grösste Unternehmen in der Stadt, leistet sich pro Jahr grad mal 5000 Franken für den Fussballverein. Und jetzt, da der Physiker Hannes W. Keller als Präsident zurückgetreten ist und auch den Rückzug seiner Keller AG für Druckmesstechnik als Hauptsponsor angekündigt hat, muss der Klub neue Geldgeber suchen. Das wird nicht einfach – zumal die städtische Sparpolitik auch beim FCW angekommen ist. Überhaupt, die Politik. Unter dem sozialdemokratischen Stadtpräsidenten Ernst Wohlwend (2000–2012), sagt Ganz, habe es noch Visionen gegeben: «Heute wird immer mehr nur noch verwaltet, abgebaut, kaputt gemacht.» Seit Beginn des Jahres muss der FCW der Stadt mehr Miete für das Stadion zahlen sowie die gesamten Energiekosten auf dem Areal selber tragen. Aufgrund der immer strengeren politischen und ligainternen Vorgaben sind zudem auch die Sicherheitsausgaben massiv gestiegen.

Längst vergossene Tränen

19.40 Uhr, Letzigrund: Hysterisch ruft der Speaker die Spielernamen und ihre Rückennummern aus. Gelber Petardennebel von der Zürcher Südkurve, weisser Petardennebel von den Winterthurer Fans in der Nordkurve. Friedliches Hin und Her der Chorgesänge. Zuschauerzahl: 13 700. Um die 2000 sind aus Winterthur angereist – einige gar mit dem Fahrrad.

Der FCZ legt los wie die Feuerwehr. Vor allem auf der linken Angriffsseite, wo die Niederschläge am meisten Pfützen hinterlassen haben. «Am Rand der Regularität», ärgert sich Ganz. Nach elf Minuten erzielt Roberto Rodriguez das 1: 0 für den FCZ. «Man sieht, dass sich unser Team in einem Umbruch befindet», gibt Rösli zu bedenken. Ganz, langjähriger Juniorentrainer beim FC Wülflingen, fügt hinzu: «Wir haben keine Spieler, die den Unterschied ausmachen können.»

In der zweiten Hälfte schraubt der Heimklub das Tempo zurück, und der FCW vermag die Partie über weite Strecken ausgeglichen zu gestalten. Bis Armando Sadiku in der 83. Minute mit dem 2 : 0 alles klar macht. Doch Rösli und Ganz sind sich einig: Der Auftritt in der zweiten Halbzeit stimmt zuversichtlich. «Die Körpersprache war positiv», bilanziert Ganz.

Traurig? Nein, das sei er nicht, sagt Rösli im Tram zum Hauptbahnhof, von wo sie mit dem Zug zurück nach Winterthur fahren: «Die letzten Tränen habe ich 1979 vergossen.» Es war der Tag, als der FC Lugano die Winterthurer Aufstiegsträume kurz vor dem Schlusspfiff mit einem Penalty zerstörte. Der Schütze war Ottmar Hitzfeld.

Nachtrag: Im zweiten Saisonspiel verlor der FCW letzten Samstag auf der Schützenwiese gegen den FC Aarau mit 1:2. Rösli: «Nach einer guten ersten Halbzeit verlor die Mannschaft völlig den Faden. Vielleicht ist das Team noch keine Einheit geworden, wurden doch erneut acht neue Spieler eingesetzt.»

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