Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

Wenn in der Schweiz das Internet ausgeht

Fällt der Strom für längere Zeit aus, kracht auch das Internet zusammen und mit ihm kritische Infrastrukturen, von den Verkehrsampeln bis zur Trinkwasserversorgung. Vorbereitet ist die Schweiz auf ein solches Szenario nicht, wie eine Übung zeigte.

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Man stelle sich vor: Aus dem Hahn kommt kein Tropfen Trinkwasser mehr, aus der Tanksäule kein Benzin, den Geschäften gehen die Lebensmittel aus, kein Telefon funktioniert mehr, der öffentliche Verkehr bricht zusammen, Spitäler können Kranke nicht mehr versorgen. Und alles nur, weil der Strom ausgefallen ist und für Monate nur ungenügend zur Verfügung steht. Im November 2014 hat der Sicherheitsverbund Schweiz (SVS) zu diesem Szenario eine dreiwöchige Übung durchgeführt. «Nein, wir haben den Stecker nicht gezogen», sagt Toni Frisch, ehemaliger Chef der Katastrophenhilfe und Leiter der Übung. Durchgespielt worden ist, ob Kommunikation und Koordination zwischen den verschiedenen Sicherheitsorganen auf Bundes- und Kantonsebene überhaupt noch funktionieren.

Stromnetz wird immer verletzlicher

Sie tun es nicht. Das Fazit der Übung, zu der am 28. Mai in Interlaken eine Konferenz stattgefunden hat, ist erschreckend: Innert Tagen würde eine flächendeckende Notlage entstehen, weil zahlreiche kritische Infrastrukturen zusammenbrechen. «Uns hat es kalt erwischt», sagt Frisch. «Wir haben das Ausmass und die Komplexität einer länger dauernden Strommangellage total unterschätzt.»

Das erstaunt dann doch einigermassen. Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags hat bereits 2011 untersucht, was passiert, wenn der Strom weiträumig über mehr als eine Woche ausfällt. «Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu vermeiden», lautete die Erkenntnis der Studie.

Strom, so der deutsche Wissenschaftsautor Thomas Grüter, ist längst zum zentralen Lebenssaft unserer digitalen Gesellschaft geworden. In seinem Ende 2013 publizierten Buch «Offline! Das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft» warnt er vor einer fatalen Abhängigkeit, in die wir uns begeben haben, seit das Internet immer mehr Infrastrukturanlagen steuert: von Verkehrsampeln bis zum Flugverkehr, vom Bankomaten bis zum Zahlungsverkehr an der Börse, von den Benzin- und Trinkwasserpumpen bis zum Atomkraftwerk. All diese internetbasierten Steuersysteme brechen über kurz oder lang zusammen, wenn die Stromversorgung fehlt oder lückenhaft ist.

«Unsere Aufgabe ist es, einen Blackout zu verhindern», sagt Pierre-Alain Graf, CEO der Netzgesellschaft Swissgrid, die dafür verantwortlich ist, dass die Stromversorgung in der Schweiz reibungslos funktioniert. Doch die endet längst nicht mehr an den Landesgrenzen. Die Schweiz ist in ein europaweites Stromnetz eingebunden, das dafür sorgt, dass Verbrauch und Erzeugung von Strom stets ausgeglichen sind. Swissgrid hat dieses Netz mitsamt dem Schweizer Verteilnetz in einem Simulator modelliert, um so das Verhalten im Fall eines Blackouts proben zu können.

Wie komplex und gleichzeitig prekär es ist, eine Überlastung des Stromnetzes zu verhindern, illustriert Graf mit dem Beispiel der Sonnenfinsternis vom 20. März 2015. Weil diese die Stromversorgung aus Fotovoltaikanlagen massiv senkte, galt es im Vorfeld, Stromlücken zu verhindern. «Wir haben uns zwölf Monate im Voraus darauf vorzubereiten begonnen, und zwar europaweit. Das war ein massiver Aufwand!»

Angst vor Cyberattacken

Bereits ist ein noch grösseres, um ein Vielfaches komplexer zu steuerndes Stromverteilnetz geplant: Der europäische Supergrid umfasst nicht nur Europa, sondern auch Nordafrika, Kleinasien und die Arabische Halbinsel. Via Internet soll er das Stromangebot von Zehntausenden von Fotovoltaik- und Windkraftanlagen, von Biomassekraftwerken und anderen Quellen erfassen, auswerten und über zentrale Leitstellen dorthin leiten, wo der Strom aktuell gebraucht wird.

Diese Abhängigkeit vom Internet macht den Supergrid extrem verletzlich, wie Thomas Grüter in seinem Buch kritisiert. «Ein erfolgreicher Schlag gegen die Software zur Steuerung des Super-Grid würde in ganz Europa die Lichter ausgehen lassen.» Und zwar auf unbestimmte Zeit, wie Grüter befürchtet – denn «das Internet ist nach spätestens zwei Tagen Stromausfall tot und damit ist es kaum noch möglich, das kolossale und zugleich filigrane Netzwerk wieder aufzurichten.»

Pierre-Alain Graf glaubt nicht an ein solches Szenario. Das Swissgrid-System laufe getrennt vom Internet, betont er. Angst vor einem Cyberangriff auf sein Netz hat er trotzdem. Bei Swissgrid überwacht ein kleines Team permanent die Sicherheit und wehrt Angriffe an der Peripherie des Swissgrid-Netzes ab. «Aber was ist, wenn diese Abwehr nicht mehr reicht?»

Die Angst vor Cyberattacken treibt auch den Schweizer Sicherheitsverbund um, wie an der Konferenz in Interlaken deutlich wurde. Für den Bundesrat habe ein sicheres Datennetz für die Kommunikation im Krisenfall oberste Priorität, betonte Verteidigungsminister Ueli Maurer wiederholt. Bereits am 20. Mai hat der Bundesrat daher ein Sicheres Datenverbundnetz (SDVN) in Auftrag gegeben. Auf Nachfrage der WOZ präzisiert Maurer, dass dieses Netz bereits existiere: Die Armee verfügt über ein eigenes Glasfasernetz, das stromunabhängig funktioniert. Der Zugang dazu war bislang stark begrenzt. Nun sollen im Rahmen des SDVN über die kommenden drei bis vier Jahre alle «kritischen Beteiligten», die für die Sicherheit und Versorgung des Landes essenziell sind, angeschlossen werden.

Danach will Maurer möglichst bald in einer neuen Übung den Ernstfall proben. Die Bevölkerung soll sich in der Zwischenzeit Notvorräte zulegen: Mineralwasser, Reis und Batterien für die Taschenlampe.

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