Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Ein Ganzes aus tausend Mosaiksteinen

Monika Slamanig könnte nie ein bürgerliches Leben führen. Die Autorin pendelte elf Jahre lang zwischen Südafrika und der Schweiz. Ihr Roman «Durstland» berichtet von einer immer absurder werdenden Wüstenreise zweier Frauen.

Von Meret Michel

Monika Slamanig hat zwei pfannenfertige Romane in der Schublade: «Wenn ich keinen eigenen Stil entwickeln kann, ist es für mich nicht gut genug.» Foto: Urs Bucher, «St. Galler Tagblatt»

Als Monika Slamanig zum ersten Mal durch die Karoohalbwüste im südlichen Afrika fuhr, wurde für sie ein Traum wahr. Ein Traum, den sie öfter hatte: ganz allein über eine endlose leere Ebene zu ziehen. Platz. Stille. «Aufatmen», sagt sie. Seither ist sie süchtig nach diesem Ort und kehrt immer wieder zurück – elf Jahre lang pendelte sie halbjährlich zwischen Südafrika und der Schweiz hin und her. Monika Slamanig ist eine Rastlose auf der Suche nach Ruhe.

Durst nach Wüste

Ihr Sehnsuchtsort, die Karoo, ist auch der Schauplatz ihres neuen Romans «Durstland», mit dem die Verlagsgenossenschaft St. Gallen (VGS) die Reihe Edition Literatur Ostschweiz eröffnet hat. Es ist eine Geschichte von zwei Frauen, die gemeinsam eine Reise von der Karoo in die namibischen Wüsten Namib und Kalahari machen. Die Figuren sind schlicht «ich» und «sie»: Während «ich» sich nach Einsamkeit und der Weite der Karoo sehnt, wünscht «sie» sich ein «wir» – eine unauflösbare Situation, die sich immer mehr zuspitzt und durch Pannen am Auto, die Alkoholsucht von «ihr» und der störrischen Art von «mir» immer absurder wird. «Durstland» ist nicht nur eine Fahrt durch die unendlichen Landschaften der Karoo, sondern vor allem die Reise zweier Personen, die mit sich selber unterwegs sind.

Die Geschichte ist zwar ein Roman, einige Begebenheiten aber sind von Ereignissen aus Slamanigs Leben inspiriert: etwa jene prägende Szene, als «ich» in ihrem eigenen Haus von einem Einbrecher überrascht wird, fliehen muss und mit dem Schrecken davonkommt. Das war, als Slamanig das erste Mal für ein Jahr nach Südafrika ging in der Absicht, auszuwandern und sich dort ein Leben aufzubauen. Der Dieb war nachts durch ihr Schlafzimmerfenster eingestiegen. «Seither», sagt Slamanig, «hatte ich Angst, allein in einem Haus zu leben.» Das habe sie fertiggemacht, denn allein leben sei das, was sie gewohnt sei. Slamanig ist, obwohl sie in Afrika wie in der Ostschweiz ein breites Beziehungsnetz hat, eine Einzelgängerin.

In der Schweiz hatte sie es schon früher nicht lange ausgehalten. Es war ihr immer zu eng. Am Tag, an dem sie die Sekundarschule abgeschlossen hatte, kaufte sie sich ein Austriaticket und zog Richtung Osten los. «Ich hatte eine schwierige Jugend und wollte nichts wie weg.» Nach der Rückkehr ging sie zwei Jahre als Au-pair und Pflegehelferin in die Westschweiz, dann ein halbes Jahr nach Italien, danach folgten «ein Jahr in Ecuador, Spanien, ein halbes Jahr Irland und Paris». Sie machte die Dolmetscherschule, «weil mich Sprachen schon immer faszinierten», und wurde Übersetzerin.

Mit dem Schreiben begann sie, als sie zehn war, Tagebuch und Kurzgeschichten. Nach der Ausbildung arbeitete sie erst bei der nicaraguanischen Nachrichtenagentur ANN in Zürich und machte sich dann mit einem «Schreibbüro», wie es damals hiess, im Bahnhof von Bühler in Appenzell Ausserrhoden selbstständig. Sie verfasste Beschwerdebriefe, Werbetexte, redigierte Diplomarbeiten und Geschichten von HobbyschreiberInnen.

«Fuck off, this is mine!»

Wenn es ums Schreiben geht, hat Monika Slamanig hohe Ansprüche an sich selbst: «Ich habe zwei pfannenfertige Romane in der Schublade», sagt sie. Nie veröffentlicht. «Wenn ich keinen eigenen Stil entwickeln kann, ist es für mich nicht gut genug.»

Bei «Durstland» ist ihr das definitiv gelungen. Der Text, halb Deutsch, halb Englisch, switcht zwischen SMS-Stil, Slam-Poetry und lyrischen Passagen, er kreiert eine eigene Welt, sodass man beim Lesen die starre Hitze der Wüste ebenso fühlt, wie einem der innere Dialog des Sturkopfs «ich» manchmal auf den Geist geht. Eine Kostprobe: «Ich kann es nicht ausstehen, wenn jemand mir die Hand auf den Arm legt, ständig anhalten, rauchen, Bier trinken oder etwas mitteilen will, mit mir teilen will, was nicht zu teilen ist, weil es ungeteilt mir gehört, mir allein. Ich möchte sie anschreien: Fuck off, this is mine! You wanted her to come. Und weil du dich schuldig fühlst, erträgst du sie. Wegen der Angst im Dunkeln erträgst du sie.» Die Geschichte besteht aus tausend Mosaiksteinen, Wörtern, Sätzen, Szenen, die sich zu einem Ganzen zusammenfügen.

Besuch mit vollgeschriebenen Blättern

So wie in Slamanigs Leben. René, zum Beispiel, war so ein Mosaikstein. Er war ein schräger Vogel, der jeweils zu ihr ins Schreibbüro im Bahnhof kam: ein siebzigjähriger Künstler, der als Spinner galt, weil er sein halbes Leben in der Psychiatrie verbracht hatte. «Der hatte den Garten voll mit Skulpturen im Tinguely-Stil», sagt sie. Eines Tages sei er zu ihr ins Büro gekommen, einen Stapel vollgeschriebener Blätter unter dem Arm, und wollte, dass sie eine Geschichte daraus tippte. «Anarchistischer Stil», sagte sie, «das hätte Jahre gedauert.» Bald darauf löste sie das Büro auf, um das erste Mal länger nach Afrika zu gehen. Als sie zurückkam, war René tot. Das habe sie so verstört und nicht losgelassen, dass sie eine Kurzgeschichte über ihn schrieb: «Johann und die metaphysische Dimension der Mechanik». Die reichte sie bei einem Wettbewerb des Literaturmagazins «Entwürfe» ein und gewann prompt.

Wir verabschieden uns am Hauptbahnhof Zürich. Für Monika Slamanig nur ein Zwischenhalt, sie ist gerade unterwegs von St. Gallen nach Aarau. In Afrika war sie nun länger nicht mehr. Die letzten vier Jahre pendelte sie zwischen St. Gallen und Wien. «Ein bürgerliches, Schweizer Leben werde ich aber nie führen können», sagt die 52-Jährige.

Vielleicht ist Einzelgängerin gar nicht das passende Wort für sie. Auf sie trifft diese Floskel wirklich zu, die man bei vielen anderen heute oft so leichtfertig dahersagt: Monika Slamanig zieht einfach ihr Ding durch.