Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Kein Tubeli sein Alice Schmid hat mit ihrem neuen Film «Burning Memories» einen Schlussstrich gezogen: Fertig mit der Scham.

Von Alice Galizia

«Ich hätte mir nie angemasst, das, was ich mache, Kunst zu nennen. Ich war einfach Filmemacherin», sagt Alice Schmid. Foto: Fabian Hugo, Outside the Box

Da steht sie also, allein mit dem Rollkoffer in der Wüste, blickt in die Weite. Dann geht sie, zählt jeden Schritt leise vor sich hin, der Koffer holpert hinter ihr her. Irgendwo, wo weit und breit nichts ist ausser ein Stoppschild ohne dazugehörige Strasse, hält sie an, setzt sich hin. Ausschnaufen. Sie will laufen, bis sie Worte findet für das, was passiert ist, vor über fünfzig Jahren.

Alice Schmid schaut vergnügt in die Kamera, hallo, langer blonder Zopf, sie sitzt vor Büchern und Holztäfer in der Bibliothek ihres Hauses, des alten Schulhauses in Romoos, Entlebuch, Luzern. Bald fährt sie für ein halbes Jahr nach Venedig, für eine Künstlerinnenresidenz – oder vielmehr: ein Geschenk, wie sie im Vorfeld schreibt, sie wolle das auf keinen Fall gefährden. Also treffen wir uns im Videochat.

Der vergessene Übergriff

Alice Schmid hat acht Filme über Kinder gedreht, einen Roman aus der Perspektive eines Kindes geschrieben. In ihrem neuen Film aber, da geht es um sie selbst. «Burning Memories» ist eine Aufarbeitung: Ein Gemälde von Edvard Munch hatte Schmid schlagartig an etwas erinnert, das sie viele Jahre verdrängt hatte. Mit sechzehn Jahren wurde sie in einem Schullager vergewaltigt. Niemandem hatte sie davon erzählt, überhaupt verlernte sie danach eine Weile das Sprechen – begann dafür, Tagebuch zu schreiben, bis heute schreibt sie jeden Tag. «Es ist wie eine Sucht», sagt sie. Den Übergriff aber hatte sie vergessen, fast fünfzig Jahre lang.

Worüber man nicht sprechen darf, darüber muss man Filme drehen: Alice Schmid auf Wanderschaft in ihrem neuen Film «Burning Memories» (oben) und die Bauerntochter Laura in «Das Mädchen vom Änziloch». Stills: Ciné A.S.

Was macht das mit dem Blick auf das Leben, mit dem Vertrauen in den eigenen Kopf? Ein riesiges Durcheinander sei es gewesen, sagt Schmid, ein Gewürge, Schmerz und Scham. Die Strategie zur Verarbeitung: einen Film machen. Dass das so direkt einer über sie selbst werden würde, war zuerst nicht einmal der Plan. Auch diese Geschichte wollte sie aus der Perspektive von Kindern erzählen: «Die Erwachsenen vergessen, sie verheimlichen. So will sich nichts verändern.» Ihre Cutterin gab ihr den Kontakt zu Karin Slater, einer Kamerafrau aus Kapstadt, meinte: «Die wird dich verstehen.» Mit ihr fuhr sie in die Wüste.

Der Trick der Hexe

«Der Schlüsselmoment kam am Tag, als wir aus Kapstadt hinausfuhren», sagt Schmid. Eine halbe Stunde dauerte das nur, dann waren sie in der Weite. Als es Abend wurde, begann es zu regnen. «Wir fuhren auf eine Höhe und blickten auf einmal auf eine kohlenschwarze Landschaft. Ich wollte, dass Karin Bilder macht.» Karin habe sich also mit der Kamera an den Strassenrand gesetzt, und sie, Schmid, in Regenkleidung verpackt, habe derweil versucht, die vorbeirasenden Autos von ihr fernzuhalten. «Als wir am Abend das Material anschauten, sah ich, dass sie kaum die Landschaft gefilmt hatte – dafür aber mich, wie ich wie eine Verrückte den Autos zufuchtle. Sie meinte: ‹See, this is your story.›» Ein Trick, eine Hexe, diese Karin, aber es sei ihr danach klar gewesen, dass das jetzt wohl tatsächlich der Moment war für die eigene Geschichte.

Also stellte sich Schmid vor die Kamera, Karin Slater stellte Fragen: So fand das Erzählen einen Anfang. Viele Stunden Material sind entstanden, auch mithilfe der Stapel von Tagebüchern, bis sie die Worte beisammen hatte: für die Vergewaltigung, aber auch für ihre Kindheit. Sie sprach von ihrer Schlaflosigkeit, die sie ein Leben lang schon begleitet. Von der Mutter, die sie fast täglich schlug und die zu ihr meinte, sie habe ein «schwarzes Herz». Und vom Vater, den sie liebte, der aber nie ein Wort sprach. Als Alice selber zu reden aufhörte, nach dem Übergriff, fragte niemand, was mit ihr los sei. Die Befreiung kam mit siebzehn, als sie für ein Jahr in einem belgischen Kinderheim arbeitete, ihre Sprache wiederfand – danach Lehrerin wurde, zu schreiben anfing. All das fügt sich im Film zu einer langsam und nüchtern erzählten Geschichte zusammen, es ist oft nicht leicht zu ertragen.

Alice Schmid setzt dem eine ruhige Bildsprache entgegen, Beobachtungen aus der Wüste, Landschaften, Tiere. Da ist keine Bitterkeit zu spüren, nicht einmal Wut, nur eben diese so banale Feststellung: Es geht jetzt nicht um diesen Typen, nicht um die Mutter; es geht um mich. Den Schmerz über das, was passiert ist, werde sie wohl nie los. «Aber die Scham, die kannst du überwinden. Es kann sehr befreiend sein, zu erzählen.»

Schmid streift auch im Gespräch kaum mehr die vielen Schwierigkeiten, die sie erlebt hat, winkt eher ab, sagt: «Ich war ein Tubeli. Ich habe es mir viel zu schwer gemacht.» Aber man sieht ihr schon an, dass sie stolz ist auf das, was sie seither geschafft hat.

Eine freche Scheese

Überhaupt, sich Dinge zutrauen: «Ich hätte mir nie angemasst, das, was ich mache, Kunst zu nennen. Ich war einfach Filmemacherin», sagt Schmid. Eine Exotin halt, «die mit den Kindern». Der Dokumentarfilm «Die Kinder vom Napf» (2011) war gewissermassen eine Kehrtwende. Ein Jahr lang begleitete Schmid eine Gruppe von Kindern aus der Entlebucher Gemeinde Romoos, zwischen Schul- und Bauernhofalltag, Kühen, Trachten und Energydrinks – dem Idyll auf der Spur, ohne zu idealisieren, auch ohne es so richtig zu finden. Der Film wurde zum Publikumserfolg.

«Seither bin ich keine Unbekannte mehr», sagt Schmid, die daheim einen Ordner mit allen Ablehnungen hat, die sie für ihre Filme bekam, keine Finanzierung, keine Unterstützung. «Ich habe viel geweint. Aber ich bin auch eine freche Scheese, gell», sagt sie, lacht, erzählt: wie sie einmal zum Privatsender Pro Sieben nach München fuhr und dort vorgab, zu einer Sitzung über das Kinderprogramm eingeladen zu sein.

Am Empfang schickte man sie verdutzt hoch in den achten Stock, wo auch die zuständige Dame noch nie etwas von einer Alice Schmid gehört hatte. Allerdings liefe gerade eine Sitzung, ob sie nicht vorsprechen wolle. «Ich hatte alles haargenau vorbereitet, habe von meinem Film erzählt und dass ich Geld brauche für die Postproduktion. Am Ende haben sie mir ein Hotel mit Vollpension bezahlt. Ich habe Räume und Material zur Verfügung gestellt bekommen, um den Film in München fertig zu machen.» So ist «Briefe an Erwachsene» (1994) damals doch noch auf die Welt gekommen: ein Film über ein kambodschanisches Mädchen, dessen Eltern es in einer Hütte versteckten – sie schämten sich dafür, dass es die Beine durch eine Landmine verloren hatte.

Romoos, die Heimatgemeinde der «Kinder vom Napf», hat Schmid nicht losgelassen. Nach dem Dreh ist sie geblieben, seither wohnt sie im alten Schulhaus. Und was wäre eine Entlebucher Gemeinde ohne Mythos und Schauermärchen – so gibt es hier die Sage vom Änziloch, einem Talkessel, wo ein Mädchen herumgeistere, seit man es in altvorderer Zeit dorthin verbannt habe. In Romoos gilt: Darüber sprichst du nicht. Und da gehst du auch nicht runter.

Schmid sagt, die Leute hätten ihr nur vage Auskunft geben wollen, hätten es auch nicht gern gesehen, wenn sie in den Kessel hinuntergewandert sei. Nur Laura, eines der Kinder aus ihrem Film, habe gefragt, ob sie an dieses Mädchen glaube. So ist Schmids letzter Film entstanden, «Das Mädchen vom Änziloch» (2016), der am Ende neben dem Mythos vor allem Laura selbst zum Thema nimmt. Laura, die sich einsam fühlt, deren Familie kaum mit ihr spricht – und die mit dem Schreiben eines Tagebuchs zu Worten findet, um sich auszudrücken.

Die Handorgel im Gepäck

Natürlich wirkt das rückblickend wie ein Spiegel für Alice Schmids eigene Geschichte. Es habe sich daraus auch eine Freundschaft zwischen ihr und Laura entwickelt, sie komme viel zu Besuch. «Wir reden nicht viel, wir spielen zusammen Schwyzerörgeli, und oft kommt Laura auch zum Schreiben hierher», sagt Schmid. Das Akkordeonspielen sei auch so ein Geschenk in ihrem Leben, die Musik ein Trostpflaster. Für die meisten ihrer Filme hat sie auch die Musik selber produziert, so auch für «Burning Memories». Ihr drängendstes Problem im Moment unseres Gesprächs: wie sie die Handorgel nach Venedig bekommt. Sie habe viel zu viel Gepäck.

Und viel zu viel hat sie sich vorgenommen: Gespräche führen, in Venedig sollen ja jetzt, ohne TouristInnen, wirklich nur noch alte Menschen sein. «Mir kommt das vor wie Poesie.» Weiter: in sechs Monaten den zweiten Roman schreiben und jeden Tag eine Kurzgeschichte; malen, Musik machen und laufen, laufen. Es fällt nicht schwer zu glauben, dass sie das alles durchzieht.

Im Frühjahr im Kino.

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