Nr. 06/2016 vom 11.02.2016

Zement am Firmament

Alles Dada oder was? Zürich schmückt sich mit Verrückten, dabei ist die Stadt so undada wie schon sehr lange nicht mehr. Die Gegenrede aus dem Cabaret Voltaire.

Von Pastor Leumund

Zu Dada schickte mich ein Buch von Kurt Schwitters, das mir als Jugendlichem in die Hände fiel. Die Freiheit, angebliche Sätze im Verlauf grandios abknicken zu lassen, inspirierte mich nachhaltig. Ich verknickte meine Gedichte, die sich zu Predigten verdichteten. Dann knickte auch noch die Mauer ab.

In verschütteten Untergeschossen besetzter Hinterhöfe hatte Mark Divo mir im Prenzlauer Berg bereits eine bewohnte Skulptur der Superlative als Kapelle für meine dadaistischen Gottesdienste zur Verfügung gestellt. Anfang 2002 lud er mich nach Zürich ein. Das schon ewig leer stehende Cabaret Voltaire würde nun instandbesetzt werden. Sie bräuchten nur noch ein geistiges Oberhaupt. Ich hatte mich damals in Berlin in ein Angestelltenverhältnis als menschlicher Zeitungsscanner verstrickt und war bereit für einen Bruch.

Potenzial der unlogischen Zone

Vor vierzehn Jahren waren Züris Parallelkulturen unschlagbar, als sie mit Dada-Pilgern aus aller Welt fusionierten. Im besetzten Cabaret Voltaire wurde ein offenes Begegnungszentrum mit Gästebetrieb aus dem Boden gestampft, in dem kollektiv gelebt, veranstaltet und an dem Potenzial der unlogischen Zone geforscht wurde, um dem Dadaismus einen würdigeren Pilgerort zu schenken als die nach dem Umbau geplante Apotheke. Um dieses Anliegen zu bekräftigen, wurde von den Eindringlingen die Fondation Kroesus pour l’humanité zu dem Zweck gegründet, jährlich internationale Dada-Festwochen auszurichten. Sämtliche Veranstaltungsgewinne der ersten Festwochen wurden anlässlich bekannt gegebener Ausschüttungen aus dem Fenster geworfen.

Die Krösus-Stiftung trat mit der Stadt Zürich in Verhandlung und bot ihr an, statt weiterer Ausschüttungen nun für den Erhalt des Cabaret Voltaire als unkommerzielles Pilgerzentrum zu sammeln. Die Krösus-Miliz stürmte mit Papppanzern das Zürcher Polizeihauptquartier und überreichte einen ein Meter grossen Fehdehandschuh. Kurz darauf landete bei der Räumung das Inventar des Dada-Zentrums frühmorgens im Schuttcontainer und der obdachlose Stiftungsrat auf Matratzen vor den Schaufenstern des Niederdorfs. Wohlgesonnene Kulturbeamte konsultierten daraufhin kompatible Kuratoren, die Dadaismus studiert hatten. Das Angebot, gemeinsam mit den Besetzern das Cabaret Voltaire wiederzueröffnen, entpuppte sich als taktisches Manöver. Während die Krösus-Stiftung weitergezogen war, wurde im Cabaret Voltaire feierlich die Dada-Swatch eingeweiht. Ich musste feststellen, für die Gentrifikation von Dada gekämpft zu haben, und konvertierte ernüchtert zum Realdadaismus.

Heute bin ich froh, dass im Cabaret Voltaire nicht Starbucks drin ist und Touristen etwas über Dadaismus erfahren können, auch wenn mir die dadaistische Praxis mehr am Herzen liegt. Das Vermächtnis der Dadaisten ist für mich nämlich eine dringende Aufforderung, Kunst und Legenden in kollektiver Eigenregie selbst zu produzieren. Ich verstehe, dass jemand die Miete zahlen muss, wenn man im Niederdorf eine Gedenkstätte für Dada pflegen möchte, aber gewisse Kompromisse tragen für mich antidadaistische Züge wie die Zahl Hundert. Eine Debatte, wie ein lebendiges Dada-Zentrum strukturiert sein müsste, um nicht nur für Touristen interessant zu sein, kann ich nicht entdecken.

Konform am Ruder

Es gibt sicherlich viele Zürcher, denen eine Gedenktafel gereicht hätte. Mich wundert es nicht, dass das Konservieren von Anekdoten über unangepasste Kulturaktivisten, die sich ihre Freiräume selbst organisieren, in erster Linie mit Steuergeldverschwendung in Verbindung gebracht wird. Angesichts der Generation Konform, die jetzt das Ruder übernommen hat, verbinde ich damit eher die Rettung der Werte des Abendlandes. Auch wenn wir Ricola Brokkoli noch nicht kaufen können, der Vorgeschmack ist da. Dada – Wer hats erfunden? Vereinigte Randständige. Nicht vereidigte Anständige. Vernunft und Wohlstand sind mit Dada unvereinbar. Solche Vereinigungen sind meistens das Gegenteil von Dada. Es sind nicht die Marktwerte, die bedroht sind. Ohne Obdach für das Prekariat hat Dada in Zürich fertig. Ersetzen Sie das Wort «Dada» gerne mit den Wörtern «Kultur» oder «Freiheit» oder «Kunst». Es geht um das Vertrauen in das Chaos, ohne das Dada nicht möglich sein kann. Besonders im Hochsicherheitstrakt namens Schweiz nicht.

Zürich schmückt sich mit Verrückten. Doch gefördert wird das, was brav ist, sich ins System einpasst, verkauft werden kann. So wird es den Kunststudenten heute eingetrichtert. Sie denken, künstlerischer Erfolg ist, wenn ihre Arbeit an der Diplomschau von einem Galeristen für den nächsten Messeauftritt mitgenommen wird. Zürich feiert hundert Jahre Dada, doch diese Stadt ist gerade so undada wie schon sehr lange nicht mehr.

Das Kuckucksei im Niederdorf

Es fragt sich: Will Zürich Wirklichkeitsflüchtlinge und das Verbreiten von horizonterweiternden Frechheiten beherbergen, oder will es sich nach dem Gedenken schnell wieder verbergen? Bröckelt bald die Solidadarität ?

Vor hundert Jahren sind Künstler und Deserteure vor dem brutalen Unsinn des Kriegs in die verstörende Idylle Zürichs geflüchtet und haben ein Kuckucksei ins Niederdorf gelegt, das in der Lage ist, uns alle weltweit zu überleben. Dada wird immer die angewandte Infragestellung des herrschenden Systems bleiben. Solange die Profiteure von Krieg und Stumpfsinn weiterhin unseren Horizont bestimmen, bleibt Dada Zement am Firmament. Für mich ist die Frage nicht, was ist von Dada übrig, sondern, was ist seit Dada von der Wirklichkeit übrig.

Pastor Leumund, 1967 als Jan Theiler geboren, hat diese Rede anlässlich des Dada-Jubiläumsfests am 5. Februar im Cabaret Voltaire in Zürich gehalten. 2002 wirkte er als geistiges Oberhaupt bei der Besetzung des Cabaret Voltaire, heute lebt er als konfessionsloser Prediger, Musiker und Künstler in Berlin, wo er auch Vorsitzender der von ihm gegründeten Bergpartei ist.

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