Nr. 15/2016 vom 14.04.2016

Ein Strahl in der Geisteswüste

Pedro Lenz über die Feuerrede eines Berner Kultbarden

Von Pedro Lenz

Ich war am Arbeiten, als der erste Anruf kam. Der Sportreporter eines Privatradios wollte eine Stellungnahme: «Lässt du dir als Fussballfan so etwas bieten?» Ich wusste nicht, worum es geht. Der Reporter erzählte mir von einer Tirade Büne Hubers im «Teleclub». Der Musiker habe im Berner Eishockeystadion Allmend ein Liveinterview gegeben, in dem er alle Fussballer als Schwalbenmacher und frisurorientierte, unterarmtätowierte «Pussys» bezeichnet habe.

Ich kam nicht dazu, mir das Video anzusehen, weil wenig später schon der nächste Lokalsender anrief. Es folgten Anrufe und Mails von diversen Zeitungsredaktionen. Den ganzen Tag hätte ich Stellung nehmen sollen. Sehr bald begann ich mich zu fragen, was los ist. In Syrien ist Krieg. In Panama verstecken Milliardäre aus aller Welt das Geld, das der Öffentlichkeit gehören sollte. In Europa machen sie die Grenzen dicht. Aber die Breaking News handeln von einem Musiker, der Fussballer beschimpft.

Noch Tage später ist Büne Hubers «Teleclub»-Rede das Gesprächsthema in Bern: «Büne ist ein geiler Hund!» – «Büne hat doch keine Ahnung von Fussball!» – «Endlich spricht einer Klartext!» Die kurze Feuerrede des Musikers hat etwas in den Menschen angerührt, das weit über den Inhalt seiner Worte hinausgeht.

Das letzte vergleichbare Ereignis im Umfeld des Berner Sportjournalismus war eine Liveradioreportage aus dem Stade de Suisse. Albi Saner, regionale Sportradiolegende, hatte einen emotionalen Ausbruch am Sender Capital FM, als Henri Bienvenu, damaliger Stürmer des BSC Young Boys, in der 93. Minute den Siegtreffer für YB gegen den FC St. Gallen schoss. Das war im Mai 2010. Das entsprechende Youtube-Video mit dem Titel «Albi Saner dräit düre» hat über 174 000 Aufrufe.

Beide Ereignisse, der Emotionsausbruch von Albi Saner und die Fernsehrede von Büne Huber, haben eine Gemeinsamkeit: Sie sprengen den engen Rahmen der Sportberichterstattung in Radio und Fernsehen. Denn Sportsendungen in den elektronischen Medien dieses Landes folgen normalerweise dem ungeschriebenen Gesetz, wonach alles unter Kontrolle bleiben muss.

Seit Jahrzehnten hören wir in Sportsendungen die immer gleichen, abgedroschenen, einschläfernden Plattitüden. Alles ist ausgewogen. Jede Aussage ist kontrolliert, temperiert und einstudiert. Niemand ist ungerecht. Jeder Satz hat den Anspruch, niemandem wehzutun und gleich wieder vergessen zu werden. Als leierten sie ein angefaultes Mantra herunter, reden Sportlerinnen und Sportler von Kampfbereitschaft, Herausforderung, Disziplin, Teamgeist und was der Floskeln mehr sind. ExpertInnen erklären uns die taktischen und technischen Hintergründe. ReporterInnen sagen Sätze wie «Ein schön herausgespielter Treffer!» oder «Da war die Hintermannschaft nicht sortiert». Starfussballer bleiben in der Endlosschlaufe ihrer auswendig gelernten Binsenwahrheiten hängen («Wir nehmen Spiel für Spiel» – «Wir müssen nach vorne schauen»). Und in die Trockenheit dieser allgegenwärtigen Geisteswüste kommt dann auf einmal einer wie Büne Huber und pisst mit gesundem, starkem, fröhlichem Strahl ein verbales Ausrufezeichen in den Sand.

Büne Hubers Rede hat Flow, sie hat Tempo, sie hat Rhythmus, Charme, Emotion und Inhalt, sie ist unausgewogen, sie ist nicht berechnend und nicht vorbereitet, kurz: Sie besteht aus lauter Eigenschaften, die wir beim Sportkonsum im Fernsehen sonst vermissen.

In Bern, wo die Leute entweder den Fussball oder das Eishockey, aber selten beides gleichzeitig lieben, wird vereinzelt auch über den Inhalt der Rede gestritten. Viel wichtiger als der Inhalt ist allerdings die Form. Und in diesem Punkt sind sich alle einig: Büne Hubers TV-Kurzauftritt war Rock ’n’ Roll, weil er gezeigt hat, was möglich wäre, wenn Sport im Fernsehen nicht wie eine Wissenschaft, sondern wie eine Leidenschaft behandelt würde.

Pedro Lenz (51) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Als Fussballer spielt er zuweilen – untätowiert und unfrisiert – für die Schweizer Schriftstellernationalmannschaft.

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