Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Politik ist Pussyzeugs

Etrit Hasler findet Parallelen zwischen Büne Huber, Christoph Blocher und Mel Gibson

Von Etrit Hasler

Endlich hats mal einer gesagt. Es ausgesprochen. Also ausgespuckt vielmehr. Was jedeR natürlich schon wusste, aber sich nie auszusprechen traute, weil sonst sofort die Orthodoxie der Political Correctness mit ihrem Arsenal an Keulen daherstürmt und so lange auf alles einprügelt, bis es so dünn ist, dass man eigentlich nur noch Paniermehl draufstreuseln müsste, um es ein Wiener Schnitzel zu nennen.

Ich beziehe mich natürlich auf Büne Hubers Wutrede über den modernen Fussball, der ein «Scheisssport» und «uniformer Scheissdreck» sei, dessen Akteure allesamt «Pussys» und «Bescheissidioten» seien, sich «hinstellen wie Ronaldo», die «alle herumspucken» und, am schlimmsten von allem: «herumheulen». Bevor Sie jetzt kollektiv losbrüllen: «Das Pferd ist schon so was von tot, daraus kann man nicht mal mehr eine Fertiglasagne machen!» – mir ist durchaus klar, dass mein Kolumnenpartner Pedro Lenz schon in der letzten Woche darüber geschrieben hat. Aber während Kollege Lenz, der zugegeben sehr viel fussballaffiner ist als ich, sich eher auf die formalen Aspekte der Tirade eingelassen hat und zum Schluss kam, die Rede sei einfach Rock ‘n‘ Roll, möchte ich mich an einer inhaltlichen Würdigung versuchen.

Mit seinem Urschrei hat Büne Huber nämlich einem tief verankerten Gefühl Ausdruck verschafft. Jenem nämlich, dass der Mannschaftssport an sich nichts anderes ist als eine kollektive Erinnerung an archaische Schlachten, die zwischen Horden von bärtigen Testosteronmonstern ausgefochten werden, bewaffnet mit allem, was da gerade so in der Nähe des Schlachtfelds herumliegt. Zugegeben, es gibt keine Sportart, auf die das so treffgenau passt wie Eishockey: in Rüstungen gepackt, einen leicht krummen Speer in der Hand und zumindest in den Play-offs unrasierter als eine Truppe schottischer Freiheitskämpfer. Ausser natürlich, sie werden von Mel Gibson gespielt. Womit selbstredend auch bewiesen ist, dass Mel Gibson ebenfalls eine Pussy ist, aber das dürfte niemanden überraschen.

Um die Metapher einen Schritt weiterzuziehen: Entgegen der Auffassung des preussischen Militaristen Carl von Clausewitz ist Politik ja nichts anderes als die Fortführung des Krieges mit sanfteren Mitteln. Ganz diesem Leitsatz entsprechend, ist der Fussball eben nicht eine gelebte Metapher für den Krieg, sondern vielmehr für die parlamentarische Politik: Die Spiele sind zäh bis langweilig – kein Wunder reicht für die Zusammenfassung von neunzig Minuten Spiel oder Debatte häufig nur ein Satz. Die AkteurInnen sind meist besser darin, Finten oder Schauspieleinlagen zu absolvieren, als spiel- oder gesellschaftsrelevante Veränderungen herbeizuführen, und über das Benehmen der Fans brauchen wir gar nicht erst zu reden. Das ist natürlich, mit Hubers Worten, absolutes «Pussyzeugs».

Mit fast wortwörtlich dieser Begründung ist vor fast genau zwei Jahren der Hooligan der nationalen Politik aus dem Nationalrat zurückgetreten. Er habe jetzt genug Zeit mit Parlamentsarbeit «verplemperlet», verkündete der abgewählte Exbundesrat Christoph Blocher im Mai 2014. Jener Mann, der also in den letzten Tagen gerne die breite Meinungsbildung mit der Judenverfolgung vergleicht. Und der, wenn man ihn mit dem Unsinn konfrontiert, den er weiterhin in nationalen Medien verbreiten darf, so darauf reagiert, wie es eben nur ein Fussballer kann: rumheulen. Aber ich schweife ab.

Die schönste Pointe auf Hubers Pussyrede lieferte übrigens das erste Team der FC-Aarau-Frauen, die sich gleich selbst zu Pussys erklärten und Büne zu einer Wette herausforderten. Wenn er es schaffe, ein Training mit ihnen zu absolvieren, würden sie ihm ein Essen kochen, ansonsten schulde er ihnen ein Gratiskonzert. Büne lehnte via Lokalfernsehen ab: «Ich weiss ja nicht, ob ich gern habe, was die kochen.» Was für eine Pussy.

Etrit Hasler zieht grundsätzlich Eishockey dem Fussball vor, hört lieber Züri West als Patent Ochsner – beides wird ihn nicht daran hindern, sich Ende April mit Vergnügen das Aufstiegsspiel der Frauen des FC Aarau gegen den FC St. Gallen anzusehen und «Scharlachrot» von der Tribüne zu grölen.

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