Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

2035 – das Jahr, in dem die Schweiz zum Bioland wird

Mit einer hoch technologisierten und forschungsgetriebenen Landwirtschaft soll der Biolandbau weltweit zum Modell werden. Auch in der Schweiz ist die Diskussion lanciert. Welche Chancen hat die Idee hierzulande?

Von Franziska Meister

Bio boomt. Bei Coop, wo rund die Hälfte aller Bioprodukte in der Schweiz über den Ladentisch geht, ist der Umsatz mittlerweile auf über eine Milliarde Franken gestiegen. Führendes Label im Lebensmittelbereich ist die Knospe von Bio Suisse, eines der weltweit strengsten Biolabels. Aktuell produzieren rund 6000 Betriebe nach den Richtlinien von Bio Suisse, fast dreizehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden biologisch bewirtschaftet. «Mehr Betriebe, mehr Fläche, mehr Konsumenten», zog Bio Suisse Anfang April Bilanz.

Das muss relativiert werden: Die absolute Zahl der Biobetriebe stagniert seit Jahren, während die Nachfrage nach Bioprodukten stetig wächst. Die Gründe dafür sind vielfältig. Da ist zum einen die Kehrseite des hohen Standards der Knospe: Für eine Zertifizierung müssen Produktions- und Verarbeitungsbetriebe eine Flut an Richtlinien erfüllen und sich regelmässig kontrollieren lassen. Die Hürde für eine Umstellung auf Biolandwirtschaft ist aber nicht nur deswegen hoch. «Der Bioackerbau gleicht einem Hochseilakt für Trapezkünstler ohne Netz», sagt Daniel Bärtschi, Geschäftsführer von Bio Suisse. Ausserdem ist der Ernteertrag unsicher und die Konkurrenz konventioneller BäuerInnen gross.

Raus aus der Nische

Die globalisierte Nahrungsmittelproduktion beruht auf einer grossindustriellen Landwirtschaft mit Monokulturen, exzessivem Pestizideinsatz und einem wachsenden Anteil an Futtermitteln für die Fleischproduktion. Taktgeber dieser Nahrungsmittelproduktion, die nicht nur die Umwelt verschmutzt und die Biodiversität zerstört, sondern auch massiv Energie verbraucht und zur Klimaerwärmung beiträgt, sind internationale Agrokonzerne wie Monsanto und Syngenta. Mehr Ertrag pro Fläche lautet ihr Credo für eine «nachhaltige Ernährungssicherung» – ein Begriff, der aktuell in aller Munde ist.

In der Schweiz haben seit Anfang des Jahres nebst dem Bauernverband auch die Bauerngewerkschaft Uniterre und die Grünen Initiativen zur Ernährungssicherung eingereicht, die allesamt dieselbe Stossrichtung verfolgen: eine klimaschonende, gentechfreie, umwelt- und tierfreundliche Landwirtschaft mit fairen Erzeugerpreisen zu fördern. Wie Bio floriert auch diese Idee … in der Nische.

Das soll sich nun ändern – mit «Bio 3.0». «Think big!» ist die Devise hinter dem Konzept, das im Umfeld des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) und der Internationalen Vereinigung biologischer Landbauorganisationen (IFOAM) entstanden ist: «Bio 3.0» steht für eine Hightech- und forschungsgetriebene Landwirtschaft, die Modernisierungen wie GPS-gesteuerte Roboter oder neue Ansätze in der Schädlingsbekämpfung grundsätzlich begrüsst – ohne deren ökologische und soziale Verträglichkeit aus den Augen zu verlieren (vgl. «Die Zeiten, in denen ein Bauer nur am ‹Chrampfen› war, sind vorbei»). «Bio 3.0» will die biologische Landwirtschaft weltweit zum Modell für nachhaltige Ernährungssicherung machen.

Dazu sollen als Erstes die Hürden für den Umstieg auf Biolandwirtschaft gesenkt werden. Zu erfüllen gälte es nur noch die Mindestanforderungen der staatlichen respektive europäischen Bioverordnungen: Verboten sind chemisch-synthetische Pestizide und gentechnisch veränderte Pflanzen und Futtermittel. Eine Art «Bio light» also. Politische Rahmenbedingungen sollen ausserdem den Ausstieg aus der konventionellen Landwirtschaft fördern. Dazu zählt in erster Linie die Einführung des Verursacherprinzips: Chemische Pestizide und andere Formen der Umweltverschmutzung will man steuerlich belasten. Allianzen mit gleichgesinnten Bewegungen aus dem Öko- und Fairtradebereich sollen den notwendigen Druck aufbauen.

Vorerst existiert «Bio 3.0» lediglich als Idee auf dem Papier. Dass sie ihren Ursprung im deutschsprachigen Raum und namentlich in der Schweiz hat, ist kein Zufall. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Biolandwirtschaft so etabliert. Gleichzeitig gehen hierzulande die Biorichtlinien weit über die Mindestanforderungen hinaus, namentlich zum Schutz von Boden, Tierwohl und Biodiversität. Welche Chancen hat «Bio 3.0» in der Schweiz? Kann hier zum Modellfall werden, was in der ganzen Welt wachsen soll?

Pestizide besteuern

Der eben publizierte Jahresbericht von Bio Suisse sagt deutlich Ja. Er trägt das Jahr 2035 im Titel, wirft also einen Blick in die Zukunft. «2035 ist das Jahr, in dem der Biolandbau die konventionelle Landwirtschaft in der Schweiz flächenmässig überflügelt hat», schreibt Daniel Bärtschi als «ehemaliger Geschäftsführer». Möglich gemacht habe dies die «Einführung einer Lenkungsabgabe auf Pestizide». Seit gilt, dass die Kosten trägt, wer die Umwelt mit Giftstoffen belastet, hätten «viele konventionell arbeitende Bauern umgestellt auf Biolandbau». Dieser habe in den vergangenen Jahren vermehrt «von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen profitiert» – Jätrobotern etwa, die «Tag und Nacht auf den Feldern im Einsatz» sein können. Und das sogenannte Strip Contour Farming, bei dem in parallelen Streifen auf demselben Feld verschiedene Pflanzen ausgesät werden, könne dank Computersteuerung auch in grossem Massstab eingesetzt werden und stärke so die Biodiversität.

Bärtschi hat am Konzept von «Bio 3.0» mitgearbeitet. Dass er die grundsätzliche Stossrichtung unterstützt, erstaunt deshalb nicht. Bei der Knospe aber macht er keine Kompromisse: «‹Knospe light› ist kein Thema für uns. Die Knospe wird immer ein hoher, strenger Standard bleiben. Unsere Vision ist das Bioland Schweiz, nicht das Knospenland Schweiz.» Dazu brauche es ein tieferes Einstiegsniveau, um auf nachhaltige Betriebsführung umzustellen, eine Vorstufe zu Bio, wie etwa die Integrierte Produktion, die den Einsatz von Herbiziden auf ein Minimum reduziert.

Die Knospe als Ideal, dem man sich schrittweise mit einer zunehmend biologischen Produktionsweise annähert: Dafür lässt sich auch der Präsident des Schweizer Bauernverbands begeistern. Markus Ritter ist selber Biobauer – auch weil es sich rechnet. «Mit der Knospe hat man nicht nur eine starke Marke und gute Absatzpreise, sondern auch tiefere Kosten als konventionelle Betriebe, weil man weitgehend auf teure Handelsdünger oder Spritzmittel verzichten kann. Nebst dem Argument der Naturnähe gibt es deshalb auch gute betriebswirtschaftliche Gründe für eine Umstellung auf Bio.»

Vom Verursacherprinzip hält er weniger, weil er befürchtet, dass so die Lebensmittel verteuert würden. Daniel Bärtschi hingegen ist überzeugt, dass Lenkungsabgaben gesellschaftlich mehrheitsfähig sind. Aber auch er betont, dass konventionelle Bauern nicht bestraft werden dürfen – «weil sie dem System ausgeliefert sind». Bei diesem Argument ziehen der Geschäftsleiter von Bio Suisse und der Präsident des Bauernverbands wieder am gleichen Strick. «Syngenta, Monsanto und Bayer bestimmen den Markt – sie gestalten die Preise und empfehlen mit Spritzplänen auch den Einsatz», sagt Ritter. Er plädiert deshalb dafür, Pestizide nur einzusetzen, wenn bestimmte Schadschwellen überschritten werden.

Otto Schmid vom FiBL, der massgeblich am Konzept von «Bio 3.0» beteiligt ist, geht noch einen Schritt weiter: «Wir sollten konsequent einen schrittweisen Herbizidausstieg für die konventionelle und die integrierte Landwirtschaft fordern.» Für ihn bleibt das Verursacherprinzip aber eines der zentralen Elemente von «Bio 3.0». Nicht nur Pestizide, auch Stickstoff sowie der Energie- und CO2-Verbrauch müssten besteuert werden. Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität sollen bei «Bio 3.0» endlich stärker in den Fokus rücken.

Schmid, der selber einen kleinen Biobetrieb führt, denkt von der Basis der BiobäuerInnen her. In der Schweiz sei man mit dem bisherigen Weg, die Labelrichtlinien zunehmend strenger zu machen, an einen Punkt gelangt, wo sich die Bauern von der ganzen Administration in ein Korsett gezwängt fühlten. Um Bio zum Modellfall in der Landwirtschaft zu machen, gelte es, den Biolandbau mit andern Instrumenten weiterzuentwickeln und den Biobauern und -bäuerinnen wieder mehr Selbstverantwortung zurückzugeben. Mithilfe von Checklisten etwa, aufgrund derer sie die Bodenfruchtbarkeit oder die Biodiversität selber beurteilen können.

Das sieht auch Tania Wiedmer so: Die Agronomin war zwischen 2007 und 2011 als Inspektorin unterwegs, um Biobetriebe zu kontrollieren. Seit 2013 züchtet sie in der Romandie Hochstammobstbäume und Beeren und engagiert sich im Verein Bioforum Schweiz dafür, statt auf Kontrollsysteme vermehrt auf Selbstdeklaration und Coaching zu setzen. «Bio light» sieht sie skeptisch: «Das Ziel ist umfassender, es geht um den Boden, um gesunde Lebensmittel, um soziale Aspekte. Dazu braucht es Pionierarbeit, die in eine andere Richtung geht.»

Als Beispiel nennt Wiedmer die partizipativen Garantiesysteme aus Frankreich, wo sich Produzentinnen, Konsumenten und Fachleute lokal und regional untereinander vernetzen. Auch in der Schweiz entstehen immer mehr regionale Vertragslandwirtschaften wie etwa Ortoloco ausserhalb von Zürich. «Diese Nähe schafft Vertrauen», sagt Wiedmer. «Im Bioladen in Bulle nehmen sie meine getrockneten Apfelringe auch ohne Label.» Für sie ist klar, dass ein nachhaltiges System nicht beliebig vergrösserbar ist. «Sonst spürt man den Boden nicht mehr und verliert den Bezug zum Lebenden.»

An der Bodenfrage scheint sich das Potenzial von «Bio 3.0» in der Schweiz zu kristallisieren – vor allem, wenn technische Innovationen vermehrt in den Fokus rücken. Denn während Biolandwirtschaft definitionsgemäss an den Boden gebunden ist, kommt vieles, das heute mit Blick auf nachhaltige Ernährungssicherung als innovativ gilt, ohne Boden aus: Kreislaufsysteme wie Aquaponik etwa, die Fisch- und Gemüsezucht kombinieren, Urban Farming auf städtischen Hochhäusern oder der jüngst von Migros und Coop lancierte «lebende Salat», der in Hydrokultur verkauft wird und zu Hause weiterwachsen kann. Doch «hors-sol», da wird Otto Schmid dezidiert, «kann niemals Bio sein».

Er ist überzeugt: Würde man die Forschung zu nichtchemischen Alternativen wie sensorgesteuerten Unkrautrobotern oder biologischer Schädlingsbekämpfung stärker fördern, liessen sich auch die Probleme mit herbizidresistenten Unkräutern lösen. «Dann braucht es keinen Mais und keine Soja mehr, die gentechnisch verändert wurden, um resistent gegen Breitbandherbizide wie Glyphosat zu sein.»

Wertschöpfung statt Mengensteigerung

Noch nicht überzeugt ist Ernst Frischknecht, ein Urgestein im Schweizer Biolandbau. Er war lange Präsident von Bio Suisse und wirkte elf Jahre im Stiftungsrat des FiBL mit. «In den Schweizer Forschungsanstalten fehlt das Verständnis für den Boden, für die natürlichen Prozesse im Boden und für die Bedürfnisse des Bodens», sagt er. «Neunzig Prozent der Forschung, auch bei Bio, befasst sich mit der Bekämpfung von Symptomen, also von Schädlingen, Krankheiten, Unkräutern, statt nach den Ursachen zu fragen.» Dennoch sieht er «Bio 3.0» als Chance, die technologiegetriebene Forschung mit einem verbesserten Verständnis für die Prozesse und Zusammenhänge im Boden zu verknüpfen.

Dazu muss – und hier stimmen Frischknecht, Wiedmer und Bauernverbandspräsident Ritter bei der Strategie von «Bio 3.0» vollkommen überein – die landwirtschaftliche Ausbildung grundsätzlich neu ausgerichtet werden. «Am wichtigsten ist, was in den Köpfen passiert», sagt Ritter. «Und dazu müssen alle Beteiligten diese Mechanismen erst einmal verstehen, und zwar vom Bauern über den Betriebsberater und den Landwirtschaftslehrer bis hin zu den Bundesämtern und zum Bauernverband.» Gemeint ist auch ein fundamentaler Wandel auf ideologisch-ökonomischer Ebene. Ritter spricht von Wertschöpfung statt reiner Mengensteigerung. Im Konzept von «Bio 3.0» lautet die Strategie «Suffizienz statt Effizienz». Die Diskussion ist lanciert.

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