Nr. 28/2016 vom 14.07.2016

Die Kleinstadt des Frontisten

Jahrzehntelang war die nordfranzösische Kleinstadt Hayange eine Bastion der Linken, 2014 wählte die Bevölkerung erstmals den Kandidaten des Front National zum Bürgermeister. Eine Geschichte über Frankreich.

Von Yves WegelinMail an Autor:in, Hayange

Nachdem wir bald eine Stunde lang über sein Leben, über Politik und die Welt geplaudert haben, rückt Didier Zolver schliesslich doch noch damit heraus: Er habe in den letzten Gemeindewahlen erstmals «la droite de la droite» gewählt – die Rechte der Rechten. Kurz, den Front National. Zolver hält kurz inne, blickt auf, als wolle er sich versichern, dass ihm keine Verachtung entgegenschlägt. Dann fährt er fort.

Wir sitzen im Café am Hauptplatz der nordfranzösischen Kleinstadt Hayange, eine Autostunde von Luxemburg entfernt. Seit Zolver vor zwei Monaten mit sechzig pensioniert wurde, trinkt er hier jeden Donnerstagmorgen seinen Espresso. Donnerstags ist Markttag. Vor dem Café haben HändlerInnen Wühltische mit billigen Klamotten aufgestellt, zwischen denen sich die BesucherInnen aneinander vorbeizwängen. Viele von ihnen haben 2014 wie Zolver gewählt. Seither sitzt im Rathaus, das am anderen Ende des Platzes über den Markt wacht, ein Mann des Front National (FN): Fabien Engelmann.

Damit ist Hayange eine von elf französischen Städten, die seit 2014 in rechtsextremer Hand sind. Vier von ihnen liegen ganz oben im Norden, sieben unten am Mittelmeer.

Die Wahl der FN-Bürgermeister löste damals in Paris ein kleineres Erdbeben aus. 24 Stunden nach Bekanntwerden der Wahlergebnisse verkündete der sozialistische Staatspräsident François Hollande der französischen Bevölkerung, dass er «ihre Unzufriedenheit» erhört habe, und ersetzte den amtierenden Premierminister durch den Rechtsabweichler Manuel Valls, der künftig einer neuen «Kampfregierung» vorstehen sollte. Eine verzweifelte Geste, aus Angst, die Gemeindewahlen seien lediglich der Vorbote für die Präsidentschaftswahlen 2017, für die FN-Chefin Marine Le Pen bereitsteht.

Niedergang der Stahlindustrie

Hayange, das war einst eines der grossen Zentren der französischen Stahlindustrie, die für die industrielle und militärische Potenz der imperialen Macht stand. 1879 hatte der Ingenieur und Unternehmer Henri de Wendel das Recht gekauft, am Eingang von Hayange – das damals wie ganz Lothringen zu Deutschland gehörte – Eisenerz abzubauen. In den folgenden Jahrzehnten – in denen Lothringen und damit auch Hayange 1918 wieder an Frankreich zurückfiel – liess de Wendel überall Stollen in die umliegenden Hügel graben und kolossale Hochöfen errichten, deren Flammen bald im ganzen Tal in den Himmel stachen und aus denen das flüssig-heisse rote Roheisen floss.

Das ist die Welt, in die Didier Zolver 1956 hineingeboren wird. Das Spital, in dem er auf die Welt kommt, gehört der Familie de Wendel, genauso wie die Mine, in der sein Vater täglich als Bergarbeiter pickelt, die Läden, in der die Mutter einkauft, die Kirche, in der die Familie am Sonntag betet, und der Friedhof, auf dem die Eltern später ihre letzte Ruhe finden. Wie es damals heisst: «Man wird mit den de Wendels geboren und stirbt mit den de Wendels.» Anders als viele anderen Familien, die in den kleinen Arbeiterhäusern der de Wendels wohnen, wächst Zolver allerdings im Haus seiner Grosseltern auf, in dem sich deren Malergeschäft befindet.

Anfang der siebziger Jahre besucht Zolver wie die meisten Jungen in Hayange das Collège der de Wendels, dessen Abschluss ihm einen Arbeitsplatz in der Stahlfabrik garantiert. Zolver bezeichnet seine damalige Generation als «goldene Jugend». Seit de Wendels Ankunft vor knapp hundert Jahren ist die Bevölkerungszahl von 4000 auf 20 000 angestiegen, auch durch ArbeitsmigrantInnen aus Italien, Spanien, Polen, Russland und später aus dem Maghreb, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Die gesamte Region kommt nach Hayange zum Einkauf, in die Bars oder ins «Molitor», das hiesige Theater. Hayange ist das «Texas von Lothringen».

Allerdings machen sich bereits damals erste Krisensymptome bemerkbar. 1971 verkündet das Stahlunternehmen, das nach einer Fusion inzwischen Wendel-Sidélor heisst, die Streichung von 2000 Stellen. 1973 folgt die Ölkrise, die auch die Stahlindustrie hart trifft. Als Zolver 1975 nach seiner Ausbildung, dem Militärdienst und einem Abstecher zur Polizei bei Wendel-Sidélor als Lokomotivtechniker zu arbeiten beginnt, bietet der Konzern bereits allen, die das Haus verlassen, eine Prämie von 50 000 Francs – das Gesetz macht es dem Konzern schwer, die Leute zu entlassen. Schon bald nimmt Zolver das Geld, lässt sich von seiner Freundin, die Personalchefin bei einer Transportfirma ist, anstellen und heiratet sie.

In den folgenden Jahren gerät der Stahlkonzern immer tiefer in die Krise, 1978 verkaufen die de Wendels ihre Anteile. Durch die Schliessung der Minen verliert Zolvers Vater mit fünfzig seine Arbeit, an deren gesundheitlichen Folgen er nur zwei Jahre darauf stirbt. Im Tal erlischt ein Hochofen nach dem anderen, auch in der Stahlverarbeitung werden Abteilungen geschlossen, eine Entlassungswelle jagt die nächste. Ironischerweise kehrt Zolver gerade in dieser Zeit in die Stahlindustrie zurück: Der Stahlkonzern lagert damals immer mehr Arbeiten aus, 1981 erhält die Transportfirma, für die Zolver arbeitet, einen Auftrag, für den ihm die Verantwortung übergeben wird.

Die familiär zerstückelte Stahlindustrie hat es nach dem Zweiten Weltkrieg verpasst, sich zu modernisieren. 1981 versucht der sozialistische Staatspräsident François Mitterrand, das Versäumnis nachzuholen, indem er die Industrie verstaatlicht, womit auch die Fabrik in Hayange in die öffentliche Hand gerät. Die Entlassungen gehen jedoch weiter. 1974 hat Hayange Konkurrenz durch ein modernes Stahlwerk in Fos-sur-Mer am Mittelmeer erhalten, das hoch konzentriertes Erz mit dem Schiff aus Mauretanien holt; viele Arbeiterfamilien aus Hayange wandern zum anderen Betrieb ab. Ab der Jahrtausendwende kommt die Konkurrenz aus China hinzu, 2008 wird die Industrie von der Wirtschaftskrise getroffen.

«Die Linke hat uns enttäuscht»

Der letzte Schlag folgt im Frühwinter 2011. Das Unternehmen, das nach seiner Reprivatisierung unter Jacques Chirac und zahlreichen weiteren Fusionen im transnationalen Konzern Arcelor-Mittal aufgegangen ist, stellt den Betrieb der letzten beiden Hochöfen ein – provisorisch, wie es heisst. Kurz darauf kommt der damalige Präsidentschaftskandidat Hollande nach Hayange, steigt am Eingang des Firmengeländes auf einen kleinen Pick-up einer lokalen Gewerkschaft und verspricht unter dem Jubel der ArbeiterInnen, er werde als Präsident dafür sorgen, dass Firmen künftig einen Abnehmer suchen müssen, bevor sie Anlagen stilllegen.

Hollande verspricht nicht, dass die beiden Hochöfen einst wieder brennen werden. Doch es ist das, was die Menschen hören. Weil sie es hören wollen. Im Mai wird Hollande zum Präsidenten gewählt, im November werden die Öfen endgültig stillgelegt. 600 Stellen werden gestrichen. Heute ist Hayange tot – die Strassen leer, die Häuser grau, das «Molitor» den Spinnen überlassen. Die Einwohnerzahl ist von 20 000 auf 15 000 gesunken – dass sie nicht noch stärker gefallen ist, liegt einzig an Luxemburg, in dessen Richtung sich jeden Morgen eine stockende Blechlawine in Bewegung setzt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über zehn Prozent. Mit der Einstellung der beiden Öfen hat auch Zolvers Transportunternehmen seinen Auftrag verloren. Als Abteilungsleiter musste Zolver alle achtzig Angestellten entlassen und ging selber in Frührente.

Zolver war sein Leben lang «un homme de gauche», wie er sagt, ein Mann der Linken. Wie alle Stahlarbeiter. Hayange war seit dem letzten Weltkrieg fast durchweg in kommunistischer und sozialistischer Hand, wie viele Gemeinden im industrialisierten Norden Frankreichs. Ab den achtziger Jahren, sagt Zolver, hätten immer mehr seiner Kollegen den FN gewählt, und als 2008 die Wirtschaftskrise einsetzte, habe auch sein Herz zunehmend für den FN zu schlagen begonnen. Warum? «Solange man zu essen hat, ist alles gut. Doch hier stirbt eine ganze Region, weil es keine Arbeit mehr gibt. Da muss man etwas ändern.»

Alle fünf Jahre, sagt Zolver, kämen neue Präsidentschaftskandidaten nach Hayange und würden Hilfe versprechen – zuletzt Hollande, den er 2012 noch gewählt habe. Doch sie hielten ihre Versprechen nicht. «Die Linke hat uns enttäuscht. Wir haben genug!» Warum also nicht den FN versuchen, fragt Zovler? – «Aus Protest?» – «Ja, aus Protest.» Aber nicht nur. Gleichzeitig repräsentiere die Partei, seit Marine Le Pen 2011 ihren Vater an der Spitze abgelöst hat, eine neue Politik. Deshalb habe er Engelmann vom FN gewählt. Und auch wegen Engelmann selbst: «Unter ihm ist die Stadt sicherer geworden, die Grünflächen und Blumen sind gepflegt – und die Steuern hat er uns bisher auch nicht erhöht.»

Wird er also in den Präsidentschaftswahlen 2017 Le Pen wählen? «Der Front National ist auf nationaler Ebene zu radikal», sagt Zolver. «Le Pen ist wie Donald Trump, der die Mexikaner in ein Schiff stecken und auf die andere Seite zurückschicken will. Wir müssen human bleiben, ich habe nach wie vor eine republikanische Seele.» Wenn jedoch im zweiten Wahlgang ein Konservativer gegen Le Pen antreten würde, sagt Zolver, dann würde er wohl Le Pen wählen.

Und warum nicht konservativ? Als Sohn einer Arbeiterfamilie, sagt er, käme das für ihn niemals infrage.

Le Pens Mann war Trotzkist

Fabien Engelmann, 37-jährig, weiss, wie man zu Arbeiterinnen und Arbeitern spricht. Er war selber einer. Bis zu seiner Wahl als Bürgermeister war er Hauswart im Rathaus einer Nachbargemeinde. Und er war ein Linker. Zuerst bei der trotzkistischen Lutte ouvrière, später bei der Neuen antikapitalistischen Partei, für die er 2010 in einer Wahl kandidierte. Noch im selben Jahr verliess er die Partei, um sich Marine Le Pen anzuschliessen. Seither hasst er Linke. Er habe gesehen, sagt Engelmann bei unserem Treffen im Rathaus, dass ich über Twitter die Gruppe Hayange en Résistance kontaktiert habe. Der klein gewachsene Mann droht von seinem gepolsterten Bürosessel in seiner mehrere Meter hohen Kommandozentrale beinahe verschluckt zu werden. Diese Leute, sagt er, seien Islamverehrer, die niemanden repräsentierten. Mit ihnen zu reden, sei Zeitverschwendung.

Die Linke, sagt Engelmann, habe die Arbeiterklasse verraten. Engelmann ist angetreten, um für sie zu kämpfen. Einst sah er den Feind im internationalen Kapital, das das internationale Proletariat kneble. Heute sieht er den Feind im ausländischen Kapital und den ausländischen ArbeiterInnen, die die französischen Firmen und ArbeiterInnen von aussen bedrohten. Entsprechend will er nicht mehr wie einst das Kapital bekämpfen und die Macht der Arbeiter weltweit stärken. Wie Le Pen fordert er hohe Zollschranken, den Austritt aus dem Euro – und letztlich aus der EU. Für französische Firmen will er gar tiefere Steuern. «Früher war ich Internationalist, heute will ich zurück zum Europa der Nationen», sagt Engelmann. «Und ich bin wirtschaftsliberaler geworden.»

Die Gefahr sieht Engelmann jedoch vor allem im Islam, der Frankreich von innen bedrohe. Er erzählt von seiner Kandidatur für die Neue antikapitalistische Partei 2010, als auf einmal eine junge Muslimin mit Kopftuch mit ihm auf der Liste stand. An diesem Punkt habe es klick gemacht. «Erst hatte die Linke die Arbeiter verraten, nun verriet sie auch noch ihre übrigen Ideale, um sich in den Dienst des Islams zu stellen.» Frankreich werde schleichend islamisiert und verliere seine Identität, ist Engelmann überzeugt. Das Land werde über den Teller «halalisiert», in den Supermärkten gebe es ganze Halal-Regale, die Metzgereien seien halal, die Schulkantinen. Und dann zitiert Engelmann Marx, nach dem Religion das Opium des Volks ist.

Kein Wunder. Marine Le Pen hat dem Rassismus ihres Vaters, Jean-Marie Le Pen, der an die «Ungleichheit der Rassen» glaubt, längst ein antiklerikales Mäntelchen übergezogen. Früher war der Algerier das Problem, heute ist es der Muslim. Damit punktet sie auch unter französischen Linken, die in der Tradition der Französischen Revolution in jeder religiösen Regung gleich den Teufel sehen – und sei es der Verzehr von Halal-Fleisch. Bei Engelmann kommt etwas Weiteres hinzu: Der Tierliebhaber und Vegetarier, der einst als Jugendlicher in seiner Freizeit Hunde aus dem Tierheim spazieren führte und bis heute ein Verehrer der Tierschützerin und FN-Sympathisantin Brigitte Bardot ist, erträgt es nicht, wenn man Schafen den Hals aufschlitzt.

Engelmann knüpft mit seinem Beitritt zum FN noch in einem weiteren Punkt an seiner Vergangenheit an. Seine Mutter war 1962 mit ihrer Familie von Algerien nach Frankreich gekommen, nachdem Präsident Charles de Gaulle die französische Kolonie in die Unabhängigkeit entlassen hatte und so «die Franzosen verriet», wie es in Fabien Engelmanns Autobiografie heisst. Sie hat stets den Algerienkriegsveteranen und FN-Chef Jean-Marie Le Pen gewählt, der diesen angeblichen Verrat bis heute verurteilt. Heute sagt auch Engelmann: «Algerien verdankt Frankreich alles.»

Über die Wirtschaftskrise und den Islam sprach Engelmann in seinem Wahlkampf 2014 allerdings nicht viel. Die Wirtschaftskrise? Da hat er nicht viel auszurichten. Der Islam? «Man muss ehrlich sein: Hayange ist nicht eine sehr islamisierte Stadt», sagt Engelmann. Er glaube auch nicht, dass ihn die Leute wegen seiner Haltung zum Islam gewählt hätten. Engelmanns Wahlprogramm umfasste drei Punkte: Sicherheit, Sauberkeit, Steuersenkungen. Seit seiner Wahl habe er die Gemeindepolizei aufgestockt, den Stadtreinigungsdienst gestärkt und die Wohnungssteuer um zwei Prozent gesenkt. «Die Steuersenkung ist symbolisch», räumt er ein, doch andere Gemeinden hätten die Steuern erhöht.

Symbolisch. Das beschreibt beinahe die gesamte Politik von Engelmann. 2014 veranstaltete er erstmals in Hayange eine Fête du cochon, ein Schweinefest, wie es traditionell im Jura gefeiert wird. Der Vorwurf, Engelmann habe damit die hier lebenden MuslimInnen provozieren wollen, ist nicht weit hergeholt. Am Fest lief auch eine Gruppe von Neonazis auf. Engelmann liess Trottoirgeländer sowie ein öffentliches Kunstwerk in Blau bepinseln, der Farbe des FN. Nach den Attentaten in Paris Ende 2015 – zur gleichen Zeit, als Marine Le Pen Hayange besuchte, um ihre rechte Hand Florian Philippot zu stützen, der hier in den Regionalwahlen kandidierte – liess er die stählerne Notre-Dame, die auf dem Hügel über Hayange wacht, in der Trikolore beleuchten, sodass es aussah, als würde auf dem Hügel eine Flamme brennen, das Emblem des FN.

Lokale Résistance

Marc Olenine steht am Fuss der Notre-Dame und schaut ins Tal hinab auf das Rathaus. Der 64-jährige Firmenberater ist der Kopf der Gruppe Hayange en Résistance, die sich dem Kampf gegen Engelmann verschrieben hat. Anfang der achtziger Jahre hatte Olenine in Hayange für den Parti communiste kandidiert, verliess diesen aber bald wieder, weil man rechten Populismus nicht mit linkem Populismus besiegen könne, wie er sagt. Aufgeschreckt durch Engelmanns Kandidatur, kandidierte er jedoch 2014 erneut für eine unabhängige linke Liste. Als er und seine Gefährten am Wahlabend in einer Bar ihren Frust über Engelmanns Sieg im Alkohol zu ertränken suchten, beschlossen sie, die Liste in einen Widerstandsverein umzuwandeln.

Olenine ist sich bewusst, dass die Gründe für den hiesigen Aufstieg des FN ausserhalb von Hayange liegen. Entsprechend sei es auch kaum möglich, ihn von hier aus zu stoppen. Die Gründe sieht Olenine in den wirtschaftlichen Umwälzungen und der Wirtschaftskrise, die die hiesige Stahlindustrie und damit ganz Hayange getroffen haben. «Der Grossteil von Engelmanns Wählern sind Krisenopfer. Die Leute fühlen sich von den traditionellen Parteien betrogen, sie wählen Engelmann, um zu revoltieren.» Einen Augenblick glaubt man, Zolver zu hören.

Olenine weiss zwar, dass Engelmanns politische Macht nicht über Hayange hinausreicht. Und dennoch ist er besorgt. Er ist über Engelmanns Symbolpolitik besorgt, mit der dieser die Beschränktheit seiner Macht kompensiere. Diese lokale Symbolpolitik lege den Boden für den Aufstieg des FN auf nationaler Ebene. Die blau angemalten Stadtgeländer, die Fête du cochon, die Beleuchtung der Notre-Dame in den Farben der Trikolore – Olenine ist sich sicher: «Es tobt ein Krieg der Symbole.» Tatsächlich ist darin wohl der Grund zu suchen, warum 2014 der Sieg des FN in elf Kleinstädten in Paris für so viel Wirbel sorgte und Präsident Hollande dazu bewog, eine «Kampfregierung» zu beschwören.

Olenine kämpft gegen Engelmanns Symbolpolitik. Etwa indem er sie zusammen mit seinen MitstreiterInnen als solche öffentlich denunziert. Vor allem aber ist er daran, eine Gruppe von glaubwürdigen PolitikerInnen aus allen traditionellen politischen Lagern auf die Beine zu stellen, die Engelmann in den nächsten Gemeindewahlen 2020 bezwingen soll. Denn ganz machtlos, sagt Olenine, sei man gegenüber dem Aufstieg des FN in Hayange nicht: Die Wahl von Engelmann sei auch ein Unfall gewesen. «Ihm standen fünf Listen gegenüber, die sich gegenseitig die Stimmen raubten – und ein Bürgermeister, der nach seiner dritten Legislatur am Ende seiner Kräfte war.» Am Ende wurde Engelmann mit 35 Prozent der Stimmen gewählt.

Olenine, Kind einer Stahlarbeiterfamilie, der selber jedoch den «menschenfressenden Maschinen» der Industrie durch ein Universitätsstudium entging, wie er sagt, weiss allerdings, dass Engelmann einen entscheidenden Trumpf in der Hand hält: «Kein anderer repräsentiert die Krisenverlierer so gut wie er. Sie sehen Engelmann als einen der ihren.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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