Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

«Ich möchte nichts erfinden, das Leben erfindet alles selbst»

Die Romane von Ulrike Edschmid zeichnet die intensive Vergegenwärtigung des eigenen Lebens aus. In ihrem neuen Roman erzählt sie, wie ihr Mann von einer Leiter stürzt und das Leben des Paares fortan in einer anderen Geschwindigkeit verläuft. Ein Besuch in der Wohnung, wo sich alles ereignet hat.

Von Ulrike Baureithel, Berlin

Im Jahr 1940 residierte in dem repräsentativen Altbau noch ein jüdisches Manufaktur- und Kurzwarengeschäft. Heute rauscht der Verkehr der Berliner Kantstrasse vorbei, mit dem die sommerlichen Grossbaustellen um die Wette lärmen. Die Gegend ist international, ein Thairestaurant findet sich neben einem russischen Catering, und in der Nebenstrasse animiert der spanische Wirt vorübergehende PassantInnen, sein Lokal zu besuchen.

Im Entree des gewaltigen Eckhauses verschlissene Spuren nobler Zeiten, Marmor, Spiegel und Stuck. Die Stufen in die zweite Etage sind abgetreten von den häufig wechselnden MieterInnen, die mir vertraut sind, ohne dass ich sie je getroffen hätte, denn ich kenne sie aus dem Roman, den ich in meiner Tasche habe. Oben werde ich begrüsst von einer nicht sehr grossen, schmalen Frau in einer selbstgeschneiderten pludrigen Hose und einem kurzen Samtjäckchen, eigenwillig und stilsicher. Frei atmen lässt es sich in diesen weiten, hellen Räumen, die aufgeteilt sind in zwei Universen, verbunden durch eine riesige Küche. Dort, wird mir Ulrike Edschmid später erzählen, trifft sie sich mit ihrem Mann, wenn sie aus ihren jeweiligen Werkstätten kommen. Um das Haus und diesen namenlosen Mann geht es in ihrem neuen Roman «Ein Mann, der fällt».

Dem Schmerz ausgesetzt

Sie habe immer etwas über dieses Haus schreiben wollen, erzählt die 77-jährige Autorin, als wir in ihrem Arbeitszimmer sitzen, nicht vollgestopft, sondern ordentlich aufgeräumt, mit selbstgezimmerten Bücherregalen und einem Porträt von Virginia Woolf über dem abgewetzten Holztischchen. Das Haus und die Wechsel der BewohnerInnen gäben auf ganz spezielle Weise Auskunft über das Leben. «Ich fand es so interessant, wie das gesellschaftliche Leben aufeinandertrifft, sich bricht, zusammenfällt und wieder neu entsteht. Die ganzen Störungen der Welt fliessen hier, in diesem Haus, zusammen und sind wahrnehmbar.»

Dennoch hat es zwanzig Jahre gedauert, bis sie das Projekt endlich in Angriff genommen hat. Es fehlte der Faden, der die vielen Geschichten und Anekdoten hätte zusammenbinden können. Auf das Naheliegende, das Schicksal, das sie und ihren Mann mit diesem Haus verbindet, kam sie erst, als der zeitliche Abstand es erlaubte, sich den Ereignissen von 1986 noch einmal zu stellen. «Irgendwann nach der Jahrtausendwende gab mein Mann seine Stelle in einem grossen Stadtplanungsbüro auf, wollte noch einmal neu anfangen. Wir dachten damals, wir müssten uns klarmachen, wo wir stehen, was geschehen ist. Deshalb begannen wir, seine Erinnerungen an die damalige Zeit auf Tonband aufzuzeichnen.»

Anfangs war das ein therapeutisches Unternehmen, denn «der Mann, der fällt», leidet unter starken Schmerzen, alle Therapien hatten nicht angeschlagen. Er selbst wollte das Material dann aber nicht verarbeiten, sondern reichte es an seine Frau weiter. «Da wusste ich: Das ist der Stoff, der die Geschichte des Hauses zusammenhält.»

Der «Stoff», das sind die Wechselfälle des Lebens, die in vielen Büchern Edschmids eine Rolle spielen. Hätte ein Fliesenleger nicht Ludwig Wittgenstein gelesen und wäre stattdessen zum vereinbarten Renovierungstermin erschienen, wäre der Protagonist des Romans wohl nicht von der Leiter gefallen und hätte sich diese folgenreiche Verletzung, die ihn gehunfähig machte, nicht zugezogen. «Die Welt ist alles, was der Fall ist», sagt Wittgenstein, so auch der Zufall. Als die Autorin von einer Lesung zurückkehrt, ist ihr Mann im Krankenhaus, ein Körper, der nur noch bis zur Brust erspürt werden kann und an Schläuche gefesselt ist. Das erträumte Leben des Paares liegt erst einmal unter «Schutt, Dreck und abgerissenen Tapeten».

«Es hat wehgetan, sich diesem Schmerz wieder auszusetzen.» Edschmid liest alte Tagebücher, Briefe. «Damals lebte ich ja wie unter einer Glasglocke, ich habe wie verrückt in der Wohnung renoviert. Wenn ich diese Arbeit nicht gehabt hätte, wäre ich zusammengebrochen.» Der Roman erzählt von der Fertigstellung der Wohnung, von den verbissenen Versuchen ihres Mannes, sich der medizinischen Diagnostik zu entziehen und wieder auf die Beine zu kommen. «Ich wollte keine Krankengeschichte schreiben. Es ging mir um die Schönheit, die ich in diesem Kampf erlebt habe, die Leistung und die Würde, die damit verbunden war, die Lebensästhetik.»

Im Ruhekokon

Parallel protokolliert Edschmid die Veränderungen im Haus, das im Lauf der Jahrzehnte zum Spekulationsobjekt wird. In der vierten Etage stirbt der Steuerberater, die griechisch-orthodoxe Gemeinde, der die griechische Eigentümerin einst Unterschlupf gewährt hatte, zieht aus, es folgen betende KoreanerInnen. MieterInnen kommen und verschwinden wieder. Was bleibt, ist der lärmende Spanier, vor dessen Reaktion sich Edschmid seit Erscheinen des Buches fürchtet.

Im Unterfutter des Romans geht es um die Auseinandersetzung mit der Zeit. Die Tatsache, dass der Protagonist sich zwar allmählich an Krücken, aber nur noch sehr langsam bewegen kann, verändert das Zeitregime des Paares. «Subjektiv ist unsere Zeit langsamer geworden, aber ich gerate damit auch in Widerspruch, weil ich schnell etwas tun kann. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass wir in einem Ruhekokon leben, wir können nicht irgendwohin hetzen und etwas zusammen erleben, wir müssen die Dinge heranholen.» Deshalb nimmt das Paar die schnelllebige äussere Zeit sehr stark wahr. «Je bedrängender sie wird, desto mehr müssen wir Ruhe bewahren. Unsere eigene Zeit, unser Tempo ist der Massstab.»

Wenn Ulrike Edschmid solche Sätze sagt, blickt sie konzentriert unter den weissen Locken, mit wachen Augen. Sie spricht langsam, nachdenklich, ein bisschen rau, manchmal bleiben Sätze auch in der Luft hängen. Die intensive Vergegenwärtigung, die ihre Romane auszeichnet, wiederholt sich auch im Gespräch. «Ich kann nur über das schreiben, was ich kenne», sagt sie. «Ich möchte nichts erfinden, das Leben erfindet alles selbst. Das Fiktive entsteht beim Schreiben ohnehin, aber für mich ist die Realität das Korrektiv.»

Dabei war das Schreiben über eine Person, mit der man zusammenlebt, eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. «Anfangs wollte ich in der dritten Person schreiben, aber das war pathetisch. Also versuchte ich es wieder mit der Ich-Form.» Aber ständig literarisch mit einem Menschen befasst zu sein, der am anderen Ende der Wohnung arbeitet und den man in der Küche trifft, sei schwer.

Schwierig war das auch bei ihrem Roman über den aus Zürich stammenden Filmstudenten Philip S., dem Lebensgefährten aus den sechziger Jahren, der aus seinem Leben kippte, sich politisch radikalisierte und von der Polizei erschossen wurde. Beim Schreiben des Romans schien es, «als hätten wir einen Untermieter, den mein Mann gar nicht kannte. Irgendwann sagte er: ‹Jetzt muss er ausziehen, es reicht.›»

Was Ulrike Edschmid interessiert, sind nicht die politischen Zeitereignisse, die sich in ihren Büchern spiegeln, sondern die Beziehungen zwischen den Menschen, die Paarbeziehungen. Als ich mit ihr über die RAF und den Deutschen Herbst sprechen will, blockt sie ab: Sie habe keine Lust, etwas zu erklären, und sei auch keine Expertin für den politischen Untergrund. Wichtig ist ihr vielmehr das selbstversichernde Gespräch, mit «ihren» Frauen, die sie im Buch «Diesseits des Schreibtischs» veröffentlicht hat. «Im Gespräch mit den Schriftstellerfrauen, über die ich in den achtziger Jahren recherchierte, habe ich das Du gesucht, das Gegenüber. Ich war 24 Jahre alt, als ich meinen ersten Mann Enzio, den Sohn von Schriftsteller Kasimir Edschmid, geheiratet habe. Im Haus des Schwiegervaters war es erdrückend, ‹die Frau an seiner Seite› zu erleben, diese Zelebrierung des Schriftstellers und die repräsentierende Ehefrau. Ich wusste, ich schaffe das nicht, ich bin nicht so. Aber wer bin ich eigentlich?»

Fast unterkühlt, immer diskret

Ulrike Edschmid deutet auf ein Foto über dem Schreibtisch, wo die Bilder ihrer Liebsten hängen, darunter eines von Philip S. «Das bin ich», erklärt sie bei einem anderen Bild. Ein junges, verträumt blickendes Mädchen in einem weissen Kleid. Die Burg Schwarzenfels, wohin die Mutter mit den beiden Kindern während des Kriegs evakuiert worden war und sich mit Webarbeiten durchschlug, ist für sie ein wichtiger Bezugspunkt. Edschmid holt alte Bildbände hervor, blättert: «Da war die Küche, dort das Nachbarschloss. Und das ist der Bergfried.» Das archaische Dorf in der Rhön, in dem die 1940 in Berlin geborene Edschmid aufwuchs, hat sie vielleicht genauso geprägt wie «meine wundervolle Mutter», von der sie die Gabe fürs Textilhandwerk geerbt haben mag.

Denn die Lebenschroniken, die die Autorin fast unterkühlt, immer diskret und Intimitäten aussparend zusammensetzt, wirken wie eine poetische Übersetzung der Tagesdecken, die die Kunsthandwerkerin in ihrer Werkstatt am anderen Wohnungsende fertigt. Textile Träume in Brokat, Samt und Seide breitet sie vor mir aus, einer königlich elegant, der andere leuchtend gelb wie die Sonne, die aufeinanderliegenden Stoffstücke zusammengehalten durch Biesen. Man möchte sich darauf ausstrecken oder darin einkuscheln wie in die Flickenteppiche des Lebens, die Edschmid mit so leichter Hand und sorgfältig zusammenknüpft. In jedem Text eine Spur von Textil und in jedem Textil die Textur des Begehrens.

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