Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Die Rebellen auf dem Kunstrasen

Syriens Nationalteam erregte zuletzt mit guten Ergebnissen in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft viel Aufsehen. Doch die Auswahl repräsentiert nicht das ganze Land. Zu Besuch bei der «Nationalmannschaft des freien Syrien».

Von Meret Michel, Berlin

Mit den roten Sternen der Revolution auf der Brust: Freundschaftsspiel der «Nationalmannschaft des freien Syriens» gegen den Berliner TSV Mariendorf, Mai 2017.

Bassel Hawa wirkt angespannt, als er auf dem Sofa in seiner Wohnung im Westen Berlins sitzt und auf den Fernseher schaut: nach vorne gebeugt, die Finger verschränkt.

Die Kamera fährt die Reihe der Spieler entlang, kurz vor dem bedeutendsten Match in der Geschichte des syrischen Fussballs. «Heimspiel» gegen Australien, in Malakka, Malaysia – aus Sicherheitsgründen kann die Begegnung nicht in Syrien stattfinden. Trotzdem ist die Auswahl des Landes kurz davor, sich zum ersten Mal überhaupt für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Die Spieler singen inbrünstig die Nationalhymne ihres Landes.

Humat ad-dijar, aleikum salam – Beschützer des Heimatlandes, Friede sei mit euch.

«Beschützer des Heimatlandes, von wegen!», sagt Hawa. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit Aufdruck des Logos seines Fussballvereins, FC Spandau 06. Früher spielte er in den Nachwuchsteams der syrischen Nationalmannschaft. Und wäre die Revolution nicht gewesen, der Krieg, die Flucht und sein neues Leben in Deutschland – Bassel Hawa würde jetzt wohl mit dem Team um die WM-Qualifikation spielen.

Dieser Gedanke quält ihn manchmal. In solchen Momenten wünscht er sich, die Revolution wäre nie geschehen. Aber zurückgehen und wieder mit der Nationalmannschaft spielen, wie das andere getan haben: undenkbar. «Diese Mannschaft repräsentiert nicht das syrische Volk», sagt Hawa. Es sei das Team von Baschar al-Assad.

Keine Lust auf das «Regime-Team»

Bassel Hawa ist jetzt 26, und statt für die syrische Nationalelf – das «Regime-Team», wie er sagt – spielt er heute bei einer anderen Nationalmannschaft: jener des freien Syrien. Eine Nationalmannschaft, die ohne offizielle Anerkennung durch die Fifa, ohne Vorstand, ohne eigenes Stadion und ohne Geld für sich reklamiert, die legitime Auswahl des syrischen Volkes zu sein. Oder wenigstens jenes Teils der SyrerInnen, die das Regime ablehnen.

Die Geschichte dieser Mannschaft ist, anders als diejenige der offiziellen Nationalelf, keine Erfolgsgeschichte. Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen muss man sagen: Eigentlich ist sie gescheitert. Die Auswahl ist bis heute nicht anerkannt. Und viele SyrerInnen unterstützen die offizielle Mannschaft, auch wenn sie auf der Seite der Opposition stehen. Für sie sind Fussball und Politik verschiedene Dinge.

Bassel Hawa träumte schon als Kind davon, für die Nationalmannschaft zu spielen. Sein Vater Abd al-Fattah Hawa war bis zu seinem Tod ein berühmter Nationalspieler in Syrien und sein Sohn Bassel auf bestem Weg dorthin: 2006 wurde er in die nationale U-18-Auswahl berufen und blieb in der Jugendmannschaft, bis er 2010 seinen Militärdienst leisten musste.

Der Nachwuchskicker desertiert

Das war ein Jahr bevor der Arabische Frühling Syrien erreichte. Hawa, noch immer in der Armee, erlebte, wie Soldaten auf friedliche DemonstrantInnen schossen. Er wollte nicht dasselbe tun. 2013 desertierte er.

Als er die Armee verliess und in das von Rebellen besetzte Anadan bei Aleppo floh, wusste Hawa, dass er seinen Traum von der Nationalmannschaft begraben musste. Er habe keine Wahl gehabt, sagt er: «Jeder, der ein Herz hat, hätte dasselbe getan.» Nach einem Jahr in Anadan floh er mit seiner Familie in die Türkei. Dort fing er an, bei der freien syrischen Mannschaft zu spielen.

Das Wehen der Hoffnungen und das Schlagen des Herzens sind in der Flagge, die ein ganzes Land vereinigt.

Der syrische Fussball war in den letzten Jahren wie ein Seismograf, der die politische Entwicklung im Land widerspiegelte. Die Saison 2010/11 der syrischen Liga wurde unterbrochen, als die Aufstände im Frühling 2011 begannen. Danach wurde nur noch in Städten gespielt, die das Regime kontrollierte: in Damaskus und Latakia, später wieder in Homs und Hama und schliesslich, 2016, in Aleppo. Dutzende Profispieler verliessen Syrien, um im Ausland zu spielen, oder gaben ihre Karriere ganz auf. Einige wurden im Krieg getötet, andere vom Regime inhaftiert. Und manche tauschten ihre Fussballschuhe gegen ein Gewehr und schlossen sich dem Widerstand an.

In dieser Zeit erklärte auch der beste Spieler des Landes, Firas Al-Khatib, dass er nicht mehr mit der Nationalmannschaft spielen werde, solange das Regime seine eigene Bevölkerung bombardiere. Und während abtrünnige Generäle die Freie Syrische Armee gründeten, um gegen Assad zu kämpfen, riefen einige Profispieler im Ausland eine alternative Nationalmannschaft ins Leben: die des freien Syrien.

Damals gingen vom US-amerikanischen Pentagon bis zu den arabischen Golfstaaten fast alle davon aus, dass der Fall des Assad-Regimes nur eine Frage der Zeit sein würde. Heute ist der syrische Präsident noch immer an der Macht, gefestigter denn je nach den vergangenen sieben Kriegsjahren. Gleichzeitig ist die offizielle syrische Nationalmannschaft so stark wie nie zuvor.

Gestrandet im Idyll

Das Dorf Riezlern in Vorarlberg liegt in einem weitläufigen Tal, 1086 Meter über Meer, 2500 EinwohnerInnen, ein Idyll für TouristInnen. Für Nihad Saadeddine ist es aber eher ein Käfig mit unsichtbaren Gitterstäben. Je drei Stunden mit dem Auto sind es von hier nach München oder Bregenz; weit und breit spricht hier kein Mensch seine Sprache.

Saadeddine ist Kapitän der freien syrischen Nationalmannschaft. Seit anderthalb Jahren lebt er im Kirchhaus hier in Riezlern, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Jetzt sitzt er auf der Holzbank in der Küche und zündet sich eine Zigarette an. Er raucht viel, obwohl er erst vor drei Jahren angefangen hat. Mit 33. Der Stress, sagt er.

Die Küche ist auch sein Arbeitszimmer. Von hier aus versucht er, Freundschaftsspiele gegen Regionalligateams in Berlin zu organisieren, kommuniziert mit seiner Mannschaft oder versucht, Spieler in und ausserhalb von Syrien zu überzeugen, in der Auswahl mitzukicken. Das ist nicht so einfach. Denn wer bei Saadeddine im Team spielt, bekennt sich damit zur Opposition. Oft höre er die Antwort: «Ich würde ja gerne, aber meine Familie ist in Syrien.»

Aus dem Herz der Revolution

Saadeddine stammt aus dem Homser Viertel Baba Amr, das viele als Herz der Revolution betrachten. Mit sieben Jahren fing er an, Fussball zu spielen, beim Homser Verein al-Karama. Im März 2011 schloss er sich den friedlichen Protesten an. Ein halbes Jahr später waren rund anderthalbtausend Menschen tot, und das Regime begann, Fassbomben auf Homs abzuwerfen. Ein Scharfschütze schoss Saadeddine ins Knie. Er floh nach Tripoli im Libanon. Und begründete das Projekt, an dem er bis heute arbeitet: den Aufbau einer Nationalmannschaft des freien Syrien.

Das sei sein Beitrag zur Revolution gewesen, sagt er. Er könne nicht mit Waffen kämpfen, er sei Fussballer. Und aufzuhören war für ihn keine Option. Also legte er los, tat sich mit anderen Profis zusammen, die ebenfalls geflohen waren. Andere taten gleichzeitig dasselbe in der Türkei: Sie gründeten eine Nationalelf des freien Syrien.

Beide Teams haben nie mehr als Freundschaftsspiele gegen libanesische oder türkische Klubs gespielt. Und Saadeddine war klar: Offiziell anerkannt würde das Team im Libanon nicht, allein schon deshalb, weil die schiitische Hisbollah, eine Verbündete Assads, ein Team der Opposition nicht dulden würde. 2015 kam er über ein Programm des Uno-Flüchtlingshilfswerks mit seiner Familie nach Österreich – und begann sofort, syrische Kicker in Europa zu kontaktieren.

Kein Geld, keine Anerkennung

Heute spielen 25 Männer bei der Mannschaft des freien Syrien in Berlin. Sie wollen der Welt zeigen, dass es genug Fussballer gibt, die sich nicht mit dem offiziellen syrischen Team identifizieren wollen. Ihr Ziel ist es, als zweite syrische Mannschaft anerkannt zu werden, am besten von der Fifa oder zumindest dem Deutschen Fussball-Bund. Dass sie dies jemals erreichen, ist unwahrscheinlich. Die Fifa jedenfalls übt offiziell keine Kritik am syrischen Regime.

Die freie syrische Mannschaft finanziert sich selber. Gemeinsame Trainings gibt es nur sehr selten, da die Spieler über ganz Europa verteilt leben. «Wir bezahlen alles selbst», sagt Saadeddine, zieht seinen Geldbeutel aus der Jacke und ein Bündel Scheine aus dem Beutel – 300 Euro, drei Viertel seines Monatsgelds. Davon müsse er die neuen Trikots bezahlen, die er in der Türkei bestellt habe. «Ich bin stur», sagt Saadeddine. «Das Regime will doch, dass wir aufgeben. Aber diesen Gefallen tue ich dem Regime nicht. Wir werden weiterspielen.»

Unser Geist ist trotzig und unsere Geschichte ruhmreich, und die Seelen unserer Märtyrer sind grosse Wächter.

Im Fenster von Hawas Wohnung in Berlin hängt die Flagge der Revolution, grün-weiss-schwarz mit drei roten Sternen. Draussen wütet gerade ein schwerer Sturm. Eigentlich hätte die Mannschaft heute spielen wollen, zeitgleich wie die offizielle Nationalelf – ein Protestspiel, um auf die Verbrechen des Regimes aufmerksam zu machen. Doch es hat sich kein Gegner gefunden, der kurzfristig Zeit gehabt hätte.

Hawas Mutter kommt ins Wohnzimmer und setzt sich neben ihn. Erster Freistoss für Syrien, sie atmet hörbar auf, hält die Hände vors Gesicht. Sie fiebert mit der Nationalelf. «Das sind unsere Leute, unser Land», sagt sie. Klar sei sie gegen die Regierung. Aber sie wünscht sich trotzdem einen Sieg für die Mannschaft. Ihr Sohn widerspricht: «Was würde geschehen, wenn jemand im Publikum die Flagge der Revolution zeigen würde?», sagt er. «Sie würden ihn umbringen.»

Nur wenn bei einem Spiel der syrischen Nationalmannschaft beide Flaggen wehen könnten, diejenige der Opposition wie die der Regierung, meint Hawa, würde diese Mannschaft alle SyrerInnen repräsentieren. «Solange Oppositionelle verfolgt und getötet werden, kann diese Mannschaft nicht für uns stehen.»

Der Starkicker gibt klein bei

Es gibt ein Foto, das Bassel Hawa zeigt, wie er mit Firas Al-Khatib um den Ball ringt – dem Starkicker, der die Nationalelf aus Protest gegen das Regime verlassen hatte. Die beiden Spieler auf dem Bild tragen weiss-grüne Trikots in den Farben der Revolution. Firas Al-Khatib hat auch ein paar Tage bei der freien syrischen Mannschaft mitgespielt, bevor er in Kuwait einen Vertrag mit dem Klub Al Qadsia unterschrieb.

Im Februar 2017 kehrte Firas Al-Khatib nach fünf Jahren im Exil zur offiziellen Auswahl zurück. Der beste Spieler, den Syrien je hervorgebracht hat, ist heute zugleich der umstrittenste. Denn ohne Al-Khatib stünden die Syrer heute nicht so nahe vor der WM-Qualifikation. Seine ehemaligen Gefährten sind jedoch bitter enttäuscht: Er habe die Revolution verraten, sagen sie. «Ich verstehe nicht, wie die Spieler in der Nationalmannschaft das aushalten», sagt Hawa. Es seien ihre Freunde gewesen, die inhaftiert oder getötet worden seien. Und sie würden einfach weiter für das Regime spielen.

Das Spiel gegen Australien endet 1 : 1. Am Abend danach steht Hawa vor dem Vereinsheim des FC Spandau 06, ein Malzbier in der Hand. «1 : 1 habt ihr gestern gespielt, was denkst du davon?», fragt ihn ein älterer Mann, der draussen eine Zigarette raucht. Hawa lächelt nur. Seine Vereinskollegen in Spandau wissen nicht, dass er gegen sein eigenes Team ist, und Hawa sagt, ihm fehlten die deutschen Worte, um es ihnen zu erklären. Er trinkt seine Flasche aus und geht nach Hause.

PS: Inzwischen hat die offizielle syrische Nationalelf die Qualifikation für die WM verpasst.

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