Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Eskalation in Oberbayern

Von Karin Hoffsten

Vor Jahren schuf der damalige Bundespräsident Joachim Gauck den Begriff «Dunkeldeutschland» und meinte damit die Affinität zu völkischem Gedankengut in den östlichen Bundesländern. Dass Dunkeldeutschland auch im Westen liegen kann, zeigt Leonhard F. Seidls Roman «Fronten»: Hier liegt es in Oberbayern.

In der Polizeistation der fiktiven Gemeinde Auffing kommt es zu einem Mehrfachmord. In Rückblenden entwickelt der Autor nun die Lebenswelten dreier Menschen, die mit dem Verbrechen zu tun haben: der traumatisierte Kriegsflüchtling aus Bosnien, die junge kurdische Ärztin und der oberbayrische Dorfjüngling mit ernsthaftem Bildungsproblem. In kraftvoller und jeweils ganz eigener Sprache gestaltet Seidl kurze Einblicke in Kindheit und Jugend der ProtagonistInnen; Schritt für Schritt wird so nachvollziehbar, wie es zur Eskalation kommen konnte.

Leonhard F. Seidl ist ein engagierter, scharfer Beobachter. Inspiriert von einem realen Fall von 1988, orientiert sich der Roman – dessen Einordnung als Krimi nicht ganz nachvollziehbar ist – an der aktuellen politischen Entwicklung in Deutschland. Die Figuren agieren im Spannungsfeld zwischen behaupteter Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen und einer wachsenden Akzeptanz von Fremdenfeindlichkeit und rechtsradikalen Ideologien.

Die Atmosphäre ist durchgehend bedrohlich, nicht nur für den im Jugoslawienkrieg aufgewachsenen Bosnier und die Kurdin, deren Familie in der Türkei verfolgt wurde und die jetzt im Dorf schon allein wegen ihres Kopftuchs Misstrauen weckt. Auch der elternlose Auffinger Bub, der bei den Grosseltern aufwächst, ist seit frühester Kindheit furchterregenden Fantasmen ausgesetzt: Die Grosseltern sind bekennende ReichsbürgerInnen, fürchten sich vor Chemtrails und sitzen nur mit Aluhut vor dem Fernseher, um sich vor gefährlichen Strahlen zu schützen. Den gequirlten Schwachsinn verarbeitet der Enkel, indem er zum Neonazi und schliesslich zum Mörder wird.

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