Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

«Willst du jetzt ernsthaft zu den Glatzköpfen?»

In ihrem Spielfilm «Silberwald» zeichnet die Regisseurin Christine Repond präzis nach, wie fremdenfeindliche Kampagnen auf Jugendliche wirken können. Am Sonntag wurde der Film am Drehort im Emmental aufgeführt – ansonsten wird er in der Schweiz wenig zu sehen sein.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Nach der Schlägerei schnappt Patrick nach Luft. «So schnell verreckt keiner!», ruft Sascha. Die beiden haben sich geprügelt, weil Patrick wissen wollte, ob Sascha mit Sarah ins Bett sei nach dem Hip-Hop-Konzert. Das Geld für die Tickets hatte Sascha in der Garderobe des Frauenturnvereins geklaut. Die Freunde kehren zurück ins Dorf, wo aus dem Wirtshaus Stimmen nach draussen dringen: «So kann es nicht weitergehen!» Es ist Parteiversammlung, sie handelt von den Asylsuchenden und dass die nach dem Diebstahl nicht länger das Schulhausareal betreten dürften. Schnee liegt den ganzen Film hindurch, es ist kalt im namenlosen Dorf.

Der Andrang ist gross am vergangenen Sonntagmorgen im Kino Roxy in Signau im Emmental. Mehr als hundert Leute sind gekommen, um sich den Film «Silberwald» anzusehen, der in der Umgebung gedreht wurde. Viele haben als Statistinnen oder Helfer mitgewirkt. Vor der Vorführung gibt es Süssmost und Snacketti, im Kinosaal läuft Volksmusik. Die beiden Forstwarte Stefan Blaser und Peter Fankhauser nehmen eine Prise Schnupftabak und erzählen, wie sie die Filmcrew mit ihrem Pick-up durch den Wald gefahren und selbst in einer Szene mitgespielt haben. Den Film haben sie noch nicht gesehen.

Eine Jugend in der Schweiz

Am Anfang beschleichen einen Zweifel, ob es sich nicht doch um einen Präventionsstreifen aus der Sozialarbeit handelt: pädagogisch wertvoll, aber künstlerisch anbiedernd. Die Ausgangslage ist eine (männliche) Jugend in der Schweiz, wie sie wohl vielen bekannt vorkommt: gegen die Strassenlampen kicken, bis das Licht ausgeht, vor dem Jugendtreff sitzen und kiffen. Die Ausbrüche aus dem Alter sind Spritzfahrten mit dem Töffli: Bier trinken auf einem Hochsitz im Wald und die Freundschaft beschwören. Doch schnell entwickeln die kargen Bilder einen geradezu unheimlichen Sog. Achtzig Minuten lang hält die Kamera auf Sascha, den bleichen Jungen mit den schulterlangen blonden Haaren. Die übrigen Personen bleiben unscharf im Hintergrund. Die alleinerziehende Mutter ist am Telefon zu hören, wie sie ihren Nachtdienst organisiert oder sich beklagt, dass Sascha keine Lehrstelle gefunden hat. Draussen vor der Zimmertür in der Mietwohnung.

Saschas Freunde, neben dem anstiftenden Patrick der hasenfüssige Moni, sind der Meinung: Ein Mädchen kriegt nur, wer Geld hat und ein Auto. Sascha stapft deshalb durch den Schnee zu einem Bauer und fragt nach Arbeit. Der bietet ihm an, er könne im Wald beim Holzfällen helfen. Doch der Verdienst bleibt schmal. Die Eskalation nimmt ihren Lauf: Sarah verliebt sich in einen anderen, Sascha provoziert betrunken im Jugendtreff. Mit seinen Freunden dringt er immer tiefer in den Wald vor, bis sie eine leuchtende Hütte entdecken, in der Rechtsradikale ihre Partys feiern.

«Silberwald» ist das Spielfilmdebüt der 29-jährigen Christine Repond. Die Regisseurin ist in einem Dorf am Rand des Emmentals aufgewachsen, heute lebt sie in München. In Signau erzählt sie von der Recherche zu ihrem Film. «Mich hat die Frage interessiert, wie die fremdenfeindlichen Kampagnen auf Jugendliche einwirken.» Mit ein Auslöser war der Wahlkampf der SVP vor vier Jahren mit den Schafsplakaten.

Repond führte achtzig Interviews mit SchülerInnen, die das zehnte Schuljahr besuchen und auf der Suche nach einer Lehrstelle sind. «Dabei ist mir aufgefallen, dass manche die Meinungen über Fremde unkritisch von den Eltern und Grosseltern, aber auch von aktuellen politischen Hetzkampagnen übernehmen. Und dass die Jugendlichen umso fremdenängstlicher oder gar fremdenfeindlicher sind, je weniger Kontakt sie mit Ausländern haben.» Gewiss sei das Emmental noch eine Idylle mit sogenannt intakten Familien. «Doch auch hier lastet auf vielen Jugendlichen ein grosser Druck, beispielsweise wenn sie den Betrieb der Eltern übernehmen müssen.»

In der Grauzone

Ortschaften wie Burgdorf oder Langenthal sind zudem bekannt für Neonazigruppen. Repond hat sich mit Aussteigern der Szene getroffen. «Dass sie zu Rechtsextremen wurden, hatte viel mit ihrer Biografie zu tun: Sie fanden beruflich keinen Tritt oder keine Freundin. Die Gruppe gab ihnen das Gefühl von Stärke.» Die SVP und die Neonazis seien bestimmt nicht das Gleiche, betont Repond. Sie interessiere sich vielmehr für die Grauzone dazwischen, wo etwas in Gewalt umschlage. «Ich wollte ein Klima der Ausgrenzung beschreiben, das meiner Meinung nach auch in der Schweiz vorkommt. Darauf hinweisen, dass es ein Desinteresse an der Jugend gibt. Dass einige nicht integriert sind, unabhängig davon, ob sie nun Schweizer sind oder Ausländer.»

Alle blicken voneinander weg. Die Szene nach der Schlägerei zeigt dies vielleicht am deutlichsten: Drinnen im Wirtshaus sind die Asylbewerber schuld, sollen weg vom Schulhausareal, es werden fiktive Grenzen gezogen. Draussen überschreitet Sascha selbst eine Grenze, nimmt eine Katze und hält sie in den Brunnen, um Patrick zu zeigen, dass man so schnell nicht «verreckt». Als er die Katze eine Minute später aus dem Wasser zieht, ist sie tot. Die Freunde legen das Tier unter ein Auto, es soll wie ein Versehen wirken.

Repond erzählt eine Entwicklungsgeschichte. Sie handelt von Ablehnung und der Suche nach Anerkennung, von Zweifeln und Gewalt. Mit der man offenbar nirgends hinkann in diesem Land. Rumballern mit der Softgun im Wald, die Faust im Sack machen in der Beiz.

Überzeugend wirkt die Geschichte nicht zuletzt dank der drei jugendlichen Darsteller, Saladin Dellers, Naftali Wyler und Basil Medici. Die Regisseurin klapperte monatelang Schulen im Kanton Bern ab, um sie aus 200 Interessenten auszuwählen. Das Drehbuch bekamen sie nie vollständig zu lesen, um möglichst intuitiv zu spielen. Der Versuch ist gelungen: Dellers als Sascha gelingt die Wandlung vom verschüchterten Jungen zum Neonazi. «Mir ist eine möglichst hohe Authentizität wichtig», sagt Repond, die ihr Filmstudium mit einer Arbeit zum «Realismus im deutschen Film» abgeschlossen hat. Als Vorbilder nennt sie Regisseure wie den Österreicher Ulrich Seidel oder die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne mit ihren verstörenden Dokudramen.

Es wären also zu entdecken: eine kritische Regisseurin und drei talentierte Schauspieler, eine präzise Recherche und eine beängstigende ästhetische Umsetzung. Ein anderer Heimatfilm, vielleicht gar kein Heimatfilm, weil er dort ansetzt, wo sich die Abgründe des Begriffs auftun. Kurz: eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart der Schweiz.

Kein Verleih interessiert

Doch die Schweizer Filmszene, über deren Förderung an vielen Podien gestritten wird, hat offenbar nicht darauf gewartet: «Silberwald» fand, obwohl er an internationalen Festivals lief und einige Auszeichnungen gewann, keinen Verleih. Im Dezember wird der Film im Kino Kunstmuseum in Bern zu sehen sein, allenfalls ziehen weitere Programmkinos nach. Das Fernsehen, das ihn mitproduziert hat, wird ihn zeigen. Der Film sei den Verleihern zu wenig zielgruppengerecht, heisst es bei der Firma Dschoint Ventschr, die den Film produziert hat. «Ich glaube, die Schweizer wollen im Kino einfach am liebsten über sich selbst lachen», meint Repond.

Ihr Film zeigt die Abwege, immer tiefer in den Wald hinein. Mit seinen Abzweigungen und Weggabelungen, so beschreibt es Repond, stehe er sinnbildlich für das Leben mit seinen «Möglichkeiten und Verführungen». Der Weg muss nicht zwingend in die leuchtende Hütte der Neonazis führen, aber die Freunde kommen ihr doch immer näher. In einer eindringlich gefilmten Szene schneidet sich Sascha schliesslich die Haare ab. «Willst du jetzt ernsthaft zu den Glatzköpfen?», fragt Patrick.

In der zweitletzten Szene gehen sie gemeinsam vom Bahndamm hinunter Richtung Asylheim, in der Hand die Molotowcocktails, die sie von den Neonazis erhalten haben. Sascha, der nach einem Unfall der Mutter nachdenklicher geworden ist, und Patrick, der im elterlichen Wirtshaus einem immer grösseren Stress ausgesetzt ist.

Nach der Vorführung gibt es Applaus, doch die ZuschauerInnen verlassen den Saal rasch: «Danke, adieu!» Schauspieler Saladin Dellers erzählt, er kenne einzelne Leute, die in die rechtsextreme Szene abgedriftet seien. Und Kiffen sei unter Jugendlichen noch immer angesagt, bestätigt Kollege Basil Medici. Forstwart Stefan Blaser meint, der Film sei durchaus realistisch: So sei das hier mit dem Aufwachsen und der Liebe. Und die Rechtsextremen, gibt es die im Emmental? «Wer sie sucht, der findet sie, wie die Hütte im Wald.»

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