Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

«Denken hilft»

Seinen ersten Schwarm hat er auf einem Filmplakat in Bad Ischl gesehen: Fünfzehn Fragen an Regisseur Marcel Gisler, der in Solothurn seinen Fussballfilm «Mario» zeigt.

Fragen: Florian Keller

Marcel Gisler.

WOZ: Herr Gisler, was ist Ihre frühste Kindheitserinnerung, die mit Kino zu tun hat?
Marcel Gisler: In meiner Kindheit habe ich die Sommerferien oft im österreichischen Bad Ischl verbracht. Dort steht heute noch das Lehar-Filmtheater, ein ehemaliges Operetten- und Schauspielhaus mit Kaiserloge, gebaut Anfang des 19. Jahrhunderts. 1968 hing im Aushang das Plakat von Andy Warhols «Flesh» mit dem nackten Joe Dallesandro. Der Film war ab sechzehn Jahren, und ich war erst acht. Ich erinnere mich, dass ich traurig war und stattdessen mit meiner Mutter «Dr. Dolittle» schaute, den ich dann ganz toll fand – die Reise über den Ozean im Innern der rosa Riesenseeschnecke. «Flesh» sah ich erst viele Jahre später. In meinem Film «F. est un salaud» hängt über Fögis Bett jenes «Flesh»-Poster im Weltformat.

Der erste Schweizer Film, an den Sie sich erinnern können?
Kein rein schweizerischer Film, sondern eine Koproduktion mit deutschen Schauspielern in den Hauptrollen: «Es geschah am hellichten Tag». Gert Fröbe mit der Kasperlifigur im Wald, furchteinflössend und unvergesslich.

Was halten Sie für das ärgerlichste Vorurteil über Schweizer Filme?
Dass Schweizerdeutsch sich nicht für Spielfilme eigne, obwohl es genügend Beispiele gibt, die das Gegenteil beweisen. Es ist aber richtig, dass es bei Dialektdialogen manchmal an der Sorgfalt fehlt, weil sie oft Pi mal Daumen aus dem Hochdeutschen des Drehbuchs übersetzt werden.

Was war der beglückendste Moment während der Arbeit an Ihrem neusten Film «Mario»?
Das Schönste ist für mich die Arbeit mit den Schauspielern. Wenn mir ihre Performance Tränen in die Augen treibt, gehört das zu den beglückendsten Momenten. Auch bei «Mario» gab es einige davon.

Wann haben Sie Ihren Beruf zuletzt verflucht und aus welchem Anlass?
Die Welt sträubt sich dagegen, gefilmt zu werden. Bei jedem Dreh gibt es diese Momente, wo alle möglichen Hindernisse zusammenkommen: das Wetter mit seinen Lichtwechseln, technische Probleme, eine Baustelle, die den Ton unbrauchbar macht – und wenn man endlich alles in den Griff kriegt, hat der Schauspieler einen Texthänger. Man muss dann das cholerische kleine Ungeheuer in sich, das in die Luft gehen will, im Zaum halten.

Wovon träumen Sie?
Dass sich die Menschen heute mehr von ihrer kritischen Vernunft leiten lassen würden statt von populistischen Parolen. Denken hilft.

Was macht Ihnen Angst?
Das Erstarken reaktionärer, autoritärer und nationalistischer Kräfte überall auf dem Globus und die zunehmende Missachtung demokratischer und humanistischer Werte. Wenn ich morgens die Zeitung aufschlage, beschleicht mich das Gefühl, dass wir auf ein neues dunkles Zeitalter zusteuern.

Von welchem Filmemacher, von welcher Filmemacherin haben Sie am meisten gelernt, sei das persönlich oder aus seinen oder ihren Filmen?
Vielleicht von John Cassavetes. Ich liebe alle seine Filme und seine Philosophie. Er sagte einmal, frei zitiert: «Was wir sicher wissen, ist, dass wir nichts wissen.» Er vertrat die Grundhaltung der Bescheidenheit und Demut bei der Ausübung unseres Berufs.

Bei welchem Film wären Sie wahnsinnig gerne Assistent auf dem Set gewesen? Warum?
Bei einem Film von Cassavetes. Um zu sehen, wie er mit den Schauspielern arbeitet.

Gretchenfrage: François Truffaut oder Jean-Luc Godard? Und warum?
In meinen frühen bis späten Flegeljahren Godard. Er war der Rebell des Kinos, und ich bewunderte ihn für seine formale Kühnheit, für seine Verweigerungshaltung, seine Provokationen und seinen «je-m’en-foutisme». Er war der Zertrümmerer und Erneuerer des Kinos. Heute denke ich, dass neben all seinen Verdiensten auch viel Schall und Rauch dabei war, und ich fühle mich dem gemässigteren Temperament und klassischeren Erzählstil eines Truffaut ebenso verbunden.

Kinos sind ja auch Pilgerstätten. Wo steht das schönste Kino, das Sie je besucht haben?
Da muss ich eine Rangliste erstellen: 1. das Lehar-Theater in Bad Ischl, aus nostalgischen Gründen; 2. der Zoo-Palast in Berlin mit seiner Fünfziger-Jahre-Architektur, das erste Kino mit mehr als tausend Plätzen, das ich besucht habe; 3. das Kino International, das Ostberliner Pendant zum Zoo-Palast, ebenfalls ein Grossraumkino und ein beeindruckendes Zeugnis der architektonischen Moderne.

Welche drei Filme würden Sie für die einsame Insel einpacken?
«Ludwig» von Luchino Visconti, die integrale Version. Aber eigentlich lieber Bücher: «Anna Karenina» von Leo Tolstoi und «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» von Marcel Proust, 5400 Seiten. Da kann man ein Jahr dran lesen und dann wieder von vorn anfangen. Filme, die man geliebt hat, werden in der Erinnerung immer schöner, und wenn man sie dann wieder sieht, ist man oft enttäuscht. Bei Büchern passiert mir das weniger.

Ihr peinlichster Lieblingsfilm?
«The Devil Wears Prada». Weil ich ihn so oft angeschaut habe, bis meine anspruchsvollen Berliner Arthouse-Freunde die Augen verdreht haben.

Ein sträflich unterschätzter und/oder vergessener Film, für den Sie hier gerne ein bisschen missionieren würden?
«Almost There» von Jacqueline Zünd. Ich finde, er wurde letztes Jahr von der Presse und von Preisjurys nicht genügend gewürdigt. Seit «Goodnight Nobody» hat Jacqueline Zünd einen ganz eigenen Stil kreiert, zwischen Dokfilm und Fiktion, mit wunderbaren, sehr genau komponierten Bildern.

Der wichtigste Rat, den Sie jungen Filmschaffenden mit auf den Weg geben würden?
Zieh dein Ding durch! Machen ist wichtiger als davon träumen! Als ich mit 22 zum zweiten Mal die Aufnahmeprüfung an die Filmschule nicht geschafft hatte, gab mir der Regisseur Rosa von Praunheim in Berlin genau diesen Rat. Also griff ich zur Videokamera und legte mit Freunden einfach los. Drei Jahre später habe ich mit verschiedenen Darlehen meinen ersten 16-Millimeter-Film gedreht, der dann prompt in Locarno im Wettbewerb lief.

Marcel Gisler

Geboren in Altstätten im St. Galler Rheintal, lebt Marcel Gisler (57) seit 1981 in Berlin. Er hat zweimal den Schweizer Filmpreis gewonnen: erstmals vor neunzehn Jahren mit seinem schwulen Rockstardrama «F. est un salaud» (1998) und dann mit seinem ersten Dokumentarfilm, «Electroboy» (2014).

Fünf Jahre nach seinem letzten Spielfilm, «Rosie», zeigt Gisler in Solothurn nun sein Fussballdrama «Mario». Max Hubacher spielt darin einen jungen Fussballer, der kurz vor dem Durchbruch bei den Young Boys steht, als er sich in seinen deutschen Sturmpartner verliebt.

«Mario». Regie: Marcel Gisler. Schweiz 2018. In: Solothurn, Reithalle, Sa, 27. Januar 2018, 20.30 Uhr, und Mo, 29. Januar 2018, 20.45 Uhr. Ab 22. Februar 2018 im Kino.

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