Nr. 22/2018 vom 31.05.2018

Die Skeilein in der Abendsonne

Von Laura Ferrari

«dasinzo schteikuader xi. so chnühöchi graui betonblök.» Der Protagonist, ein junger Mann, sitzt auf einem Bahnhofplatz in einer namenlosen Stadt, acht Stunden von Zürich entfernt. Die Abendsonne scheint auf die nicht wirklich beeindruckende «skeilein», während er auf seine Exfreundin Raffi wartet. So beginnt die Novelle «acht schtumpfo züri empfernt» von Dominic Oppliger. So beginnt die Geschichte eines Mannes, der zurückschaut auf die letzten sechs Monate. Auf die Zeit, seit er und Raffi sich getrennt haben.

Oppligers literarisches Debüt liest sich wie eine Aneinanderreihung assoziativer Gedankengänge, die den roten Faden überraschenderweise immer wieder findet. Der Text zieht Schlaufen, er holt aus, um dann doch wieder an den Ursprung des Gedankens zurückzukommen. Einer dieser Punkte sind die «füolette hose», die der Protagonist trägt, während er auf Raffi wartet. Eine einfache, violette Leinenhose, doch offensichtlich ein Fixpunkt, von dem viele kleine Geschichten ausgehen.

Dominic Oppliger schreibt, wie er spricht. Sein literarisches Debüt wirkt auf den ersten Blick in einer spontanen Mündlichkeit verfasst, bei genauem Hinschauen jedoch merkt man, wie akribisch genau der 35-Jährige an der Sprache gearbeitet, gar eine eigene kreiert hat. Der Text sieht fast aus wie ein Bild, das es zu entziffern gilt. Wenn er aus seinem Buch liest, gibt das diesem wiederum eine neue Gestalt, denn Oppligers Text will gehört werden, er ist auch dazu da, vorgetragen zu werden.

Die Eigenwilligkeit der Sprache, die man beim Lesen immer wieder aufs Neue aufschlüsseln muss, ist aber keineswegs ermüdend. Vielmehr lädt sie dazu ein, das Buch gleich ein zweites Mal zu lesen, denn sobald man den Text in einem Fluss zu lesen vermag, wird das Geschriebene mit seinem Rhythmus fast zu einem Song. Oppliger selbst war lange als Schlagzeuger tätig, unter dem Namen Doomenfels brachte er drei Alben heraus. Auch die Sprache verwendet er nun fast so, wie ein Musiker sein Instrument spielt: ein sorgfältiges Herantasten und Ausprobieren, bis die Melodie perfekt stimmt.

Lesungen: 9. Juni 2018 in Luzern, Kulturhof Hinter Musegg, ab 4. Juni 2018 in Zürich, vor den Sommerkonzerten in der Bäckeranlage.

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