Nr. 35/2018 vom 30.08.2018

«Ein Muslim ist kein Koran auf zwei Beinen»

Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze kämpft seit jeher gegen überholte westliche Vorstellungen von der islamischen Welt. Den Islamismus sieht er als Spiegelbild der rechten, reaktionären Bewegungen im Westen.

Von Yves WegelinMail an AutorIn (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Die islamische Welt wurde als rückständiger Ort skizziert, um ihre Kolonisierung zu rechtfertigen: Reinhard Schulze betrachtet ein Bild von Eugène Delacroix.

Reinhard Schulze, 65-jährig, kämpft seit fast einem halben Jahrhundert gegen einen Irrtum. Gegen den Irrtum, wonach die islamische Welt und die Muslime in Europa von irgendeiner Art wahrem und ursprünglichem Islam bestimmt würden. Oder gegen die Idee, «ein Muslim sei ein Koran auf zwei Beinen», wie der kürzlich emeritierte Islamwissenschaftler der Uni Bern sagt.

Dieser Irrtum beherrscht spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 auch in der Schweiz die Debatte, wenn es darum geht, den islamistischen Terror zu erklären – von der politischen Rechten bis tief in die Linke hinein. Die vielleicht plumpste Version dieses Irrglaubens propagiert Frank A. Meyer, der vor zwei Jahren in seiner «Blick»-Kolumne fragte: «Könnte es sein, dass der Islam – ja, der Islam, nicht der Islamismus! – die Ursache ist für Krieg und Massaker?» Als Titel für seine Kolumne wählte er: «Es könnte sein.»

Gegen die Dogmen

Schulzes Kampf begann als Kritik an der Linken, wie er im Gespräch erzählt. Damals in den siebziger Jahren habe er als Student in Bonn in Lesezirkeln kritische linke Autoren wie Karl Korsch und Walter Benjamin gelesen, die ihm Argumente gegen dogmatische, etwa maoistische Linke in die Hand gaben – und die ihm gleichzeitig ermöglichten, sein linkes Bewusstsein zu retten. Mit diesem Blick wandte er sich dann als junger Islamwissenschaftler gegen die versteinerten Dogmen der Orientalistik, die den Irrtum in die Welt gesetzt hat, der seit den Anschlägen von 2001 die Debatte beherrscht.

Warum, fragte sich Schulze, beschäftigt sich die Geschichtsschreibung über den Westen mit den gesellschaftlichen Umwälzungen, die in die heutige Moderne führten, während die hiesigen Orientalisten die islamische Welt als Abbild eines ursprünglichen, islamischen Wesens deuten? Eine Welt, die sich daher angeblich nicht fortentwickeln könne, da sie nicht von ihrer frühzeitlichen Essenz loskomme? Schulze gelangte zur Einsicht, dass es dafür keinerlei wissenschaftliche Begründung gab.

Der Grund war vielmehr ein politischer: Die Aufklärung, sagt Schulze, habe ab Ende des 18. Jahrhunderts ein verklärtes Bild des Orients gemalt, um sich als rationale Antithese davon abzuheben. Eugène Delacroix, der 1830 die Aufklärung im Westen mit einem Gemälde über die Julirevolution verewigte – auf dem die entblösste Marianne mit der Trikolore in der Hand über die Barrikade stürmt –, malte den Orient im Gegensatz dazu stets als Ort der Tyrannei. Der Imperialismus setzte diese Vorstellungen ab den 1870er Jahren dann in konkrete Politik um: Die westlichen Mächte skizzierten die islamische Welt als rückständigen Ort, um deren Kolonisierung zu rechtfertigen.

Islamische Aufklärung

Schulze rief alte Autoritäten der Orientalistik wie etwa Bertold Spuler dazu auf, ihre These, wonach die islamische Welt keine Aufklärung kenne, zu belegen. Gleichzeitig begann er, die islamischen Schriften des 18. Jahrhunderts auf aufklärerische Gedanken abzuklopfen. 1990 legte er erste entsprechende Erkenntnisse vor, sechs Jahre später publizierte er – inzwischen Professor an der Universität Bern – den Aufsatz «Was ist die islamische Aufklärung?». Darin belegte er die These, wonach auch in der islamischen Welt eine Art Aufklärung stattgefunden habe, die die Vernunft des Menschen ins Zentrum rückte.

Dies zeigt sich gemäss Schulze etwa in den Naturwissenschaften. Zu beobachten sei eine Hinwendung zur neuen Medizin und neuen Astronomie, die Algebraisierung der Geometrie, die Anwendung empirischer Methoden zur Gewinnung von Erkenntnissen oder die Anerkennung technologischer Neuerungen. Anfang des 19. Jahrhunderts seien die islamische und die westliche Welt zu einem einzigen Kommunikationsraum verschmolzen: Die islamischen Eliten hätten sich selbstverständlich als Teil der Aufklärung gesehen und mit Montesquieu, Locke oder Rousseau argumentiert.

Als die imperialen westlichen Mächte ab den 1870ern der islamischen Welt immer aggressiver entgegentraten, kam es zum Bruch: Die islamische Welt begann, sich vom Westen abzugrenzen, indem sie sich eine neue islamische Identität zurechtzimmerte. Die ersten islamistischen Bewegungen entstanden, wie 1928 die Muslimbrüder in Ägypten. Doch dieser Bruch, sagt Schulze, markiere entgegen einer verbreiteten Meinung alles andere als einen Rückfall in die Vergangenheit. «Die islamische Rückweisung der Moderne ist selbst Teil der Moderne.»

In seinem zum Standardwerk avancierten Buch «Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert» zeigt Schulze auf, dass gerade die Muslimbrüder zu einem wesentlichen Teil ein Produkt der Weltwirtschaftskrise waren, die der ländlichen Bevölkerung, die in den Städten ihr Glück suchte, die Zukunft raubte. Auch die iranische Revolution 1978, mit der sich der politische Islam ins Bewusstsein des Westens katapultierte, sei ein Phänomen der Moderne: «Der Islam hat die Idee aufgenommen, wonach die Gesellschaft durch eine Revolution neu geordnet werden könne.» Und gerade der IS, sagt Schulze, sei durch den Rückgriff auf die traditionelle Theologie nicht zu verstehen: «Die Vorstellung, dass man Gott einen Dienst erweise, wenn man einen anderen Menschen tötet, ist im Islam vollkommen neu.»

Im Westen, ergänzt Schulze, verdränge man zudem zu gerne, wie widersprüchlich die Aufklärung auch hier verlief: «Was ist mit dem Faschismus? Dem Völkermord an den Juden? Der Ermordung der australischen Ureinwohner? Sind das etwa alles Betriebsunfälle?» Kaum, meint Schulze. Vielmehr habe die Aufklärung zur Selbstermächtigung des Menschen geführt, die sich in der Geschichte immer wieder selbst gegen den Humanismus der Aufklärung gewendet habe, wie Max Horkheimer und Theodor Adorno zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in ihrer «Dialektik der Aufklärung» argumentierten.

Ist der Islamismus also vielleicht gar das Spiegelbild der rechten, reaktionären Bewegungen, die sich derzeit auch im Westen erneut ausbreiten? Ja, sagt Schulze. Die Gesellschaften in Jordanien, der Türkei oder Ägypten seien jenen von Deutschland, Frankreich oder der Schweiz derart ähnlich, dass in ihnen dieselben politischen Strömungen zu beobachten seien. Es gelte hier wie dort die alte soziologische Erkenntnis, dass rund ein Drittel der Bevölkerung anfällig für rechtsreaktionäre Ideen sei.

Ein gefährlicher Irrtum

Als Schulze in den neunziger Jahren seine Erkenntnisse über aufklärerische Gedanken in der islamischen Welt vorlegte, hagelte es von den alten Orientalisten heftige Kritik. Inzwischen hat sich seine Sicht jedoch unter vielen jüngeren IslamwissenschaftlerInnen etabliert – insbesondere seine sozialwissenschaftliche Sicht, die die Phänomene in der islamischen Welt als Teil der Moderne versteht statt als Abbild einer Art islamischen Wesens. Die politische Debatte, in der noch immer die Vorstellung dominiert, MuslimInnen seien Korane auf zwei Beinen, hinkt der Wissenschaft um Jahre hinterher.

Schulze, der neu Direktor des beratenden Forums Islam und Naher Osten der Uni Bern ist, hält diese Vorstellung jedoch nicht nur für einen wissenschaftlichen Irrtum – er hält sie auch für politisch gefährlich. Eine liberale, offene Gesellschaft zeichne sich dadurch aus, dass sich alle daran beteiligen können, die dies wollen. Mit der rhetorischen Frage, ob der Islam zu dieser Gesellschaft gehöre oder nicht, würden die MuslimInnen von dieser ausgeschlossen. Sie würden aus der Aufklärung verbannt. «Das erinnert mich an die Debatte über die Juden im 19. Jahrhundert, die letztlich im Holocaust endete. So etwas möchten wir nicht nochmals erleben.»

Kürzlich ist zu Reinhard Schulzes Emeritierung eine Festschrift erschienen: «Islam in der Moderne, Moderne im Islam» (Wissenschaftsverlag Brill). WOZ-Redaktor Yves Wegelin hat dafür einen Beitrag verfasst: «Der Rechtsnationalismus als Spiegelbild des Islamismus. Ein journalistischer Essay».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch