Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Es war einmal in Kolumbien

Von Florian Keller

Etwas läuft schief in der hiesigen Kinobranche. Da lässt sie das Programm über Monate veröden, und jetzt zeigt sich: Die Verleiher haben ihre spannendsten Sachen offenbar alle für den Herbst aufgespart, wo die Filme einander nun Aufmerksamkeit und Publikum streitig machen. Und weil kaum jemand Zeit hat, dreimal pro Woche ins Kino zu gehen, ist ein so eigentümliches Wunder wie «Lazzaro Felice» nur vier Wochen nach dem Start schon fast wieder aus dem Programm verschwunden. Ein Jammer.

Beeilen sollte man sich jetzt auch bei «Birds of Passage» von Ciro Guerra und Cristina Gallego, einem bildmächtigen Gangsterepos, wie man es noch nie gesehen hat. Ist das nun ein Drogenthriller über die eskalierende Feindschaft zweier Clans in Kolumbien oder ein ethnografisches Drama über das indigene Volk der Wayuu und den schleichenden Verlust seiner sozialen Ordnung? «Birds of Passage» ist beides und noch viel mehr, nämlich auch ein Gegenentwurf zu US-Serien wie «Narcos». Das beginnt 1968 mit einer rituellen Zusammenkunft der beiden Sippen in dürrer Ebene, wo ein stolzer Jüngling erfährt, welch horrenden Preis er für seine Braut zu zahlen hat. Abschrecken lässt er sich dadurch nicht: Eine Wagenladung Marihuana für ein paar Amihippies, so ist die Mitgift schnell beisammen.

Der Bräutigam steigt nun gross ins Business ein, und was folgt, ist der ewige Mythos von Aufstieg, Reichtum, Niedergang. Das Personal ist eng verwandt mit Figuren, wie man sie aus «The Godfather» kennt – bloss dass der alte Pate hier eine Patin ist und die Villa, die den neuen Wohlstand anzeigt, dann wie ein absurdes Mausoleum in der Wüste steht. Der Blutzoll ist auch enorm, doch Gewalt wird nicht zelebriert, wir sehen meist nur ihre Konsequenz. Das Verblüffendste an diesem Film ist jedoch, wie elegant Cristina Gallego und Ciro Guerra die Konventionen des Gangsterfilms mit der oralen Tradition der Wayuu verschränken. Letztere sehen wir emblematisch verkörpert in der Figur des Wortboten, der als ritueller Vermittler zwischen den Sippen fungiert – bis sein Wort der gnadenlosen Logik der Effizienz geopfert wird.

Jetzt im Kino.

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