23.11.2018

Spur führt zu Milliardär von Finck

Recherchen der WOZ und des «Spiegels» zeigen: Die deutsche Rechtspartei AfD wurde mutmasslich von August von Finck gefördert, dessen Firmenimperium in die Schweiz reicht.

Von Anna Jikhareva, Jan Jirát und Kaspar Surber

Doch nicht so ordentlich wie behauptet: Die AfD hat ein Problem mit ihrer Finanzierung. Stefanie Loos, Reuters

Er zählt zu den reichsten Deutschen: Das Vermögen von August von Finck junior wird auf rund 7,5 Milliarden Euro geschätzt. Recherchen des «Spiegels» und der WOZ legen nahe, dass er sein Geld nicht nur in Firmen steckte. Die Rechtspartei Alternative für Deutschland (AfD) konnte in entscheidenden Momenten immer wieder auf die Unterstützung aus von Fincks Umfeld zählen.

So bestätigen zahlreiche in der Gründungsphase der Partei beteiligte Personen, dass der Aufbau indirekt durch den Milliardär gefördert wurde. Wie der WOZ und dem «Spiegel» vorliegende Rechnungen dokumentieren, wurden die Ausgaben der Partei mit einem Umweg über eine Münchner Kommunikationsagentur bezahlt. Als Mittelsmann soll Ernst Knut Stahl fungiert haben, der als rechte Hand von Fincks in zahlreichen Verwaltungsräten des Familienimperiums sitzt. Stahl liess einen ausführlichen Fragenkatalog unbeantwortet.

Der damalige Bundesschatzmeister der AfD, Norbert Stenzel, schätzt die von der Agentur bezahlte Summe auf «100’000 bis 120’000 Euro». Die Geschäftsführerin der Agentur, Dagmar Metzger, beziffert den Betrag auf 35’000 Euro; diese Zahl findet sich auch in den Rechenschaftsberichten der Partei. Ob die Auslagen aus dem Vermögen von August von Finck bezahlt wurden, liess Metzger offen.

Erst Gold, dann Werbung

Die Unterstützung lief auch nach der Gründungsphase weiter. In den Jahren 2014 und 2015 betrieb die AfD einen Goldshop im Internet, mit dem sie pro Jahr laut eigenen Angaben jeweils rund zwei Millionen Euro umsetzte. Weil sie damit «Einnahmen aus Unternehmenstätigkeit» vorlegen konnte, wurde sie gemäss dem deutschen Parteiengesetz förderungswürdig. Ende 2015 schob der Bundestag dieser Gesetzeslücke einen Riegel vor, worauf die AfD ihren Shop einstellte.

Wie eine der WOZ und dem «Spiegel» vorliegende Lieferliste der AfD-Geschäftsstelle zeigt, war die Firma Degussa Sonne/Mond Goldhandel AG einer der Hauptlieferanten des Goldes. Die Handelsfirma mit Sitz in Cham im Kanton Zug gehört zu von Fincks Imperium.

Ab dem Frühjahr 2016, nur wenige Wochen nach der Einstellung des Goldshops, erhielt die AfD schliesslich Unterstützung von einem ominösen Werbeverein namens Recht und Freiheit. Gemäss Schätzungen finanzierte dieser Plakatwerbung und Gratiszeitungen in der Höhe von mindestens zehn Millionen Euro.

Die Wahlzeitung «Extrablatt», die später in «Deutschland-Kurier» umbenannt wurde, wird von der Agentur Goal AG von SVP-Werber Alexander Segert gestaltet. Auch hier weist die Finanzierung zu von Fincks Imperium. So traf sich dessen Beauftragter Ernst Knut Stahl im März 2017 mit einem deutschen Verleger, um ihn für die Lancierung des «Deutschland-Kuriers» zu gewinnen. Der Verleger bestätigt das Treffen und die Anfrage. Stahl schweigt sich darüber aus, auch Segert nimmt dazu keine Stellung.

AfD unter Druck

Seit August von Finck 1990 die familieneigene Bank Merck, Finck & Co. verkaufte, hat er sein Vermögen in zahlreiche Firmen in der Schweiz investiert. Die Milliardärsfamilie hält eine Mehrheit am Industriebetrieb Von Roll sowie eine bedeutende Beteiligung am Warenprüfkonzern SGS. Erst in diesem Frühling trennte sie sich von der Hotelkette Mövenpick. Von Finck besitzt ein Schloss in Weinfelden, zuletzt trat der 88-Jährige als Donator der Biomedizinforschung an der ETH in Erscheinung.

Seit mindestens zwei Jahrzehnten unterstützt der Milliardär zudem das konservative und libertäre Milieu – mit Spenden unter anderem an die FDP, die erste Anti-Euro-Partei «Bund freier Bürger» sowie den «Bürgerkonvent», dem etwa die heutige AfD-Politikerin Beatrix von Storch angehörte.

Politisch gilt der öffentlichkeitsscheue von Finck als rechtsnational und autoritär. Ein Bonmot über ihn lautet: «Rechts vom Gustl steht bloss noch Dschingis Kahn.» Sein Vater, der Bankier August von Finck senior, bewunderte Adolf Hitler und finanzierte den Aufstieg der Nazis mit. Bei der Neulancierung der Marke Degussa für den Goldhandel liess von Finck junior jede historische Sensibilität vermissen: In den Schmelzöfen der Degussa war im Zweiten Weltkrieg das Zahngold deutscher JüdInnen verarbeitet worden.

Die AfD kam in letzter Zeit wegen ihrer ungeklärten Finanzierung stark unter Druck. Der Verein Recht und Freiheit steht im Verdacht der illegalen Parteienfinanzierung. Und zuletzt wurde eine Strohmannspende an AfD-Fraktionschefin Alice Weidel aus der Schweiz publik. In diesem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft Konstanz.

Der Baron, die AfD und die Nazis: Eine schrecklich rechte Familiengeschichte.
Einen ausführlichen Bericht über August von Finck und die Finanzierung der AfD finden Sie in der WOZ Ausgabe Nr. 48 / 2018. Die Recherchen sind am Samstag, 24. November 2018, auch als Titelgeschichte des «Spiegels» erschienen.

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