Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Vierzig Jahre nach «Tscharniblues» stehen die Protagonisten von damals wieder vor der Kamera. 
Was ist aus ihren Träumen geworden?
 Tscharnerguet, du darfsch no mau.

Von Alice Galizia

Der farbige Spielzug bleibt, er ist denkmalgeschützt: Aron Nick und sein Vater Bruno im Tscharnergut. Foto: Ursula Häne

Er wolle raus, sagt Yves, reisen gehen, weg von diesen «huere Schissblöck». Nur das Geld fehle ihm noch. Es ist 1979, und im Tscharnergut drehen ein paar junge Menschen einen Film, obwohl sie kaum Geld und keine Ausrüstung haben. Zwischen den Häusern der ersten Hochhaussiedlung Berns spielt «Dr Tscharniblues», die Geschichte von Yves, Bäne und weiteren Freunden. «Weg von hier» wollen sie, Erfolg haben, alles soll anders sein als bei ihren Eltern. Ein erster Schritt ist dieser Film: einfach mal machen.

Regie führt Bruno Nick, die Figuren im Film sind angelehnt an die Biografien der Schauspieler: Bernhard «Bäne» Nick, Yves Progin, Christoph «Eggi» Eggimann, Stephan Ribi und Stefan «Stüfi» Kurt. Das Geld für den Dreh erarbeiten sie sich mit kleinen Nebenjobs, die Ausrüstung bekommen sie geliehen. «Dr Tscharniblues» dauert 37 Minuten, ganz fertig schaffen sie ihn nicht. Die bereits gedrehten Szenen basteln sie zusammen und ergänzen sie mit einigen Stimmungsbildern. Eine Stimme aus dem Off erzählt, was in den Lücken passiert ist. Vom Plot her kaum ein aufregender Film: Zwei Freunde leben in der Hochhaussiedlung Tscharnergut und machen zusammen Musik. Der eine, Bäne, ist motiviert, will Erfolg haben; der andere, Yves, verbringt seine Freizeit lieber mit Kiffen: «Z Ganze schisst mi chlei a.» Es kommt, wie es kommen muss: Yves verpasst den ersten Auftritt der beiden im Bierhübeli, weil er mit Freunden kiffen geht, Bäne geht allein hin und ist sauer, «Du mit dire kabutte Wäut», wirft er Yves vor. Freunde bleiben sie trotzdem.

Trotz eher dünner Handlung wird der Film an den Solothurner Filmtagen 1980 zum Überraschungserfolg. Denn um den Plot geht es gar nicht so sehr: Als Fenster zur Jugend wird «Dr Tscharniblues» wahrgenommen, ein wildes, unkonventionelles Machwerk. Ein Film über junge Menschen in Bern, aus ihrer eigenen Perspektive.

Arena der Balkone

Ist man in Bern, fühlt es sich weit weg an, das Tscharnergut. Eine Hochhaussiedlung in Bümpliz-Bethlehem, die erste im Raum Bern, erbaut in den Fünfzigern. Es wird als Problemquartier wahrgenommen und liegt im Dreieck zwischen dem unmondänen Europaplatz, dem Westside-Center und dem Wohlensee. Über eine Viertelstunde dauert die Tramfahrt vom Zentrum aus – für Bern ist das weit. Ist man dann mal da, will sich das Klischee nicht wirklich mit der Realität decken: Grünflächen, Spielplatz, ein «Dorfplatz» mit Café, Gemeinschaftszentrum, Tagesstätte und Kita, reges Quartierleben. Von Problemquartier keine Spur.

Das Tscharnergut hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt, viel weniger Kinder und Jugendliche leben heute hier als noch in den Sechzigern und Siebzigern, viele AusländerInnen sind zugezogen. Die Mieten sind im städtischen Vergleich nach wie vor günstig. Das «Tscharni»: fünf zwanzigstöckige Hochhäuser, acht achtstöckige Scheibenhäuser, so angeordnet, dass in der Mitte von jeweils vieren ein rechteckiger Platz entsteht. Unter ArchitektInnen gilt die Siedlung bis heute als Vorzeigeprojekt des verdichteten Bauens.

Wilde Jugend zwischen Berner Wolkenkratzern: Bruno Nicks Generationenfilm «Dr Tscharniblues» sorgte 1980 in Solothurn für Furore. Still: Trinipix

Hier sind sie aufgewachsen, die Protagonisten des «Tscharniblues». Die manchmal unangenehme Wohnlage haben sie sich zunutze gemacht, mit den Balkonen rundherum, sodass man sich als Kind nirgends verstecken konnte. Mit dem «Tscharniblues» wird die unfreiwillige Bühne inmitten der Arena der Balkone zur bewussten.

Jetzt, mit rund sechzig Jahren, haben sich die Freunde von damals nochmals im Tscharni versammelt, für «Tscharniblues II», den ersten Dokumentarfilm von Aron Nick, Sohn von Bernhard Nick und Neffe von Bruno Nick. In Einzelgesprächen mit Aron Nick, in der Gruppe und bei gemeinsamen Aktivitäten blicken sie zurück und erzählen von heute: Was ist geworden aus den Träumen von damals? Wo stehen sie nun, kurz vor der Pension? Vierzig Jahre nach dem ersten Film ist auch «Tscharniblues II» heuer Eröffnungsfilm der Solothurner Filmtage.

Sie sind heute an unterschiedlichen Punkten im Leben, aber die Freundschaft ist geblieben. Damals seien sie «chli driglaueret», sagt Bernhard Nick einmal im Film. Mit dem Alter habe auch der Wert der Freundschaft zugenommen. Ganz oft geht es in den Gesprächen im Film darum, wo sie jetzt stehen: Ist das, was wir erreicht haben, als Erfolg zu werten? Sind wir gescheitert, weil wir nicht das geworden sind, was wir uns damals vorgestellt haben?

Sie lassen sich treiben: Aron Nicks «Tscharniblues II» eröffnet die diesjährigen Filmtage. Still: Trinipix

Bernhard Nick und Stephan Ribi erzählen auch von ihren Brüdern: Bruno Nick, der damalige Regisseur und ein vielversprechendes Talent, «hochgradig politisch ungerwägs», hatte einige Jahre nach Erscheinen des «Tscharniblues» eine Psychose, ihm sei «ä Sicherig tätscht», erzählt Bernhard. Er sei nicht richtig mit dieser Welt klargekommen, ist vielleicht auch an den eigenen Ansprüchen an sich gescheitert. 2014 starb er an Krebs. Von der Schwierigkeit, mit einem kranken Menschen auf Augenhöhe zu bleiben, nicht in eine Sozialarbeiterrolle zu verfallen, spricht auch Stephan Ribi: Sein Bruder war heroinabhängig; er stirbt während der Dreharbeiten. Auch das wird im Film behandelt.

Das Recht, erfolglos zu sein

«Tscharniblues II» ist ein Generationenfilm, in dem Aron Nick auch immer wieder nach Unterschieden zwischen den Freunden von damals und ihm selbst sucht. Er kennt sie ja seit seiner Kindheit, seine Vorbilder seien sie gewissermassen. Und er beneide sie um die Lockerheit, die sie offenbar gehabt hätten. Besonders faszinierend sei für ihn gewesen zu sehen, wie sein Vater, sein Onkel und deren Freunde damals einfach so mit Filmen begonnen hätten, ohne viel Vorbereitung oder wirklichen Plan. Er habe das Gefühl, es sei in dieser Zeit einfacher gewesen, das Leben von Tag zu Tag in Angriff zu nehmen, sagt er, «ich selbst bin viel organisierter». Er fühle sich als Teil einer Generation, die früh gelernt habe, strukturiert zu arbeiten und sich selbst zu optimieren. Die mit der Angst lebe, andernfalls nicht mehr mithalten zu können. «Heute muss alles positiv sein: Auf Social Media kann man Likes vergeben oder Herzchen, Differenzierteres fällt da weg.» Die Aussage seiner Protagonisten, dass jeder das Recht darauf habe, erfolglos zu sein, sei für ihn deshalb zentral. Dieser Satz fällt im Film immer wieder, vielleicht etwas gar oft. Schaut man den Männern zu, wird gerade dies klar: Was «die Gesellschaft» als erfolgreich ansieht, spielt für den Einzelnen gar nicht so eine grosse Rolle. Eigentlich ist es eine banale Einsicht: Enttäuschungen, Schicksalsschläge – das gehört dazu, aber trotzdem ist es nicht immer einfach, damit umzugehen. Doch wie ehrlich die Männer im Film damit umgehen, wie offen sie auf Aron Nicks teils sehr direkte Fragen antworten, ist vielleicht gerade wegen dieser Einfachheit berührend.

Im Leben eingerichtet

In «dene huere Schissblöck» wohnen die fünf nicht mehr, aber weit weggegangen sind sie auch nicht. Und das scheint in Ordnung so zu sein. Ab und zu wird vom damaligen Idealismus gesprochen, vom Willen, etwas zu verändern. «Hüt gsehts vilech us, aus wäre mr bürgerlech, abr d Ideologie het gar nid so gwächslet», sagt Stephan Ribi einmal. Doch wie politisch sie heute sind, wird in «Tscharniblues II» abgesehen davon kaum thematisiert. Der Film konzentriert sich auf die persönlichen Schicksale, darauf, wie sich die fünf auf ihre Weise im Leben eingerichtet haben, als Lehrer etwa oder als Schauspieler.

Für die Dreharbeiten lebten sie alle zusammen noch einmal in einer Wohnung in einem Tscharni-Block. Der Spielplatz wird während der Dreharbeiten gerade abgerissen, ein neuer gebaut, doch der Zug mit den bunten Waggons von damals bleibt – er ist denkmalgeschützt. Ihre Bühne wird kaum erweitert, weiter weg von den Hochhäusern des Tscharni als an den nahen Wohlensee wagen sie sich nicht. Die Stadtentwicklung seit den späten Siebzigern oder die Veränderungen im Mikrokosmos Tscharnergut werden ebenfalls nicht angesprochen. Das ist schade, wäre aber vielleicht auch zu ambitioniert gewesen. «Einmal waren wir in Zürich und haben da gedreht, aber das hat nicht funktioniert», sagt Aron Nick. Das Tscharni sollte die Bühne für den Film bleiben, alles andere habe störend gewirkt. So bleibt der Fokus auf einer Freundschaft zwischen fünf Männern; bietet ihnen noch einmal ein Fenster, um sich der Welt zu zeigen. So wie sie sich damals selbst eins aufgemacht haben, vierzig Jahre jünger, mit längeren Haaren und einer geliehenen Kamera.

In: Solothurn, Landhaus, Sa, 26. Januar 2019, 15 Uhr; Di, 29. Januar 2019, 9.30 Uhr. Ab 11. April 2019 im Kino.

Klassentreffen? Zähne zeigen!

Was ist von den alten Idealen geblieben? Das fragt an den Solothurner Filmtagen nicht nur «Tscharniblues II», auch der Genfer Regisseur Fred Baillif («Tapis rouge») versammelt in seinem neuen Film eine Gruppe von in die Jahre gekommenen AktivistInnen. Alain Simonin etwa: Vor vierzig Jahren gehörte er einer Aktionsgruppe an, die sich für die Einführung des Zivildiensts einsetzte. Wer aus Gewissensgründen den Militärdienst verweigerte, sollte nicht länger mit  Gefängnis bestraft werden. In der Füdlibürgerschweiz kam das  schlecht an: Sie seien die DschihadistInnen von damals gewesen, amüsiert sich Simonin im Film.

«La Preuve scientifique de l’existence de dieu» heisst diese Dokufiktion, die nicht einfach eine Runde von alten AchtundsechzigerInnen porträtiert, sondern laut darüber nachdenkt, was das heute bedeutet: politisch engagiert zu sein. Regisseur Baillif jedenfalls wollte mit Simonin und dessen einstigen WeggefährtInnen kein altersmildes Klassentreffen drehen, sondern der konformistischen Gegenwart die Zähne zeigen.

Die Gruppe entwickelte ihre Rollen im Kollektiv: Aus Alain wird ein Grossvater, dessen Enkel in der Rekrutenschule tödlich verunfallt, aus Michel ein schiessfreudiger Antimilitarist und aus André ein Regisseur, der einen Film im Film dreht. Nach und nach werden Alains einstige MitstreiterInnen für eine Aktion gegen die Waffenlobby versammelt – was mitunter an eine pazifistische Version des Westernklassikers «Die glorreichen Sieben» erinnert.

Bald stellt sich auch die Frage, wie friedlich eine Gruppe bleiben soll, die die Herstellung von Kriegsmaterial verhindern will. Denn dass der Krieg ein Übel ist, wie André seinem jungen Enkel erklärt, leuchtet wohl allen ein. Oder? «Ohne Krieg», erwidert der Enkel mit kambodschanischen Wurzeln, «wäre ich nicht geboren worden.»

Hannes Nüsseler

«La Preuve scientifique de l’existence de dieu». Regie: Fred Baillif. In: Solothurn, Konzertsaal, So, 27. Januar 2019, 14.15 Uhr, und Kino im Uferbau, Do, 31. Januar 2019, 12 Uhr.

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