Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Auch eine Klassenwahl

Nicht nur die Grünen und die Grünliberalen haben die Wahlen gewonnen, sondern auch die gut Ausgebildeten und Besserverdienenden. Eine kleine Statistik von unten.

Von Kaspar Surber

Wo die linke Schickeria chillt: Campari-Bar im Erdgeschoss der Kunsthalle Basel. Foto: Berthold Steinhilber, Laif

Was die Jungen gewählt haben, das interessiert Parteien und Medien immer besonders, schliesslich gehört den Jungen die Zukunft. Was die Frauen gewählt haben, war am Wahlsonntag ein grösseres Thema als auch schon, ein Zeichen für die neue Dringlichkeit der Gleichstellung. Nur eine soziodemografische Kategorie interessiert in der Schweiz meistens etwas weniger: wie sich die Stimmen nach dem Einkommen und nach dem Grad der Ausbildung der WählerInnen verteilen. Vermutlich wird die Frage gerne übergangen, weil sie am Tabu rüttelt, dass die Schweiz eine Musterdemokratie ist, in der alle gleich sind.

Um grob beantworten zu können, wie die soziale Stellung das Wahlresultat beeinflusste, muss man sich drei Gruppen anschauen: jene der Stimmberechtigten, die zur Wahl gingen, in diesem Jahr 45,1 Prozent; jene, die der Wahl fernblieben, also die übrigen 54,9 Prozent; und schliesslich noch jenes Viertel der Bevölkerung, das von vornherein nicht zur Wahl zugelassen war: die Menschen, die zwar Steuern bezahlen, aber keinen roten Pass besitzen.

Zur ersten Gruppe liegen die Nachwahlbefragungen im Auftrag von SRG und Tamedia vor. Angesichts der Eile, in der sie angefertigt wurden, sind sie mit der nötigen Vorsicht zu geniessen, doch kommen sie beide zu ähnlichen Ergebnissen: Gewonnen haben am 20. Oktober nicht nur die Grünen und die Grünliberalen, sondern mit ihnen auch die gut Ausgebildeten und Besserverdienenden. So kommen die Grünen gemäss Tamedia bei den WählerInnen, die einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss haben, auf rund zwanzig Prozent, die GLP erreicht zwölf Prozent. Bei den Einkommen sieht es anders aus. Hier gewinnen die Grünen am stärksten bei den Personen mit niedrigen Einkommen, viele von ihnen sind wohl noch in Ausbildung oder arbeiten Teilzeit. Die Grünliberalen wiederum dürfen als neue Geldpartei bezeichnet werden, am stärksten sind sie bei WählerInnen mit einem Einkommen über 12 000 Franken im Monat. Beispielhaft dafür ist der Kanton Zürich, wo die GLP in den reichen Gemeinden an der Goldküste die FDP bedrängt.

Reichtum heisst Einfluss

Wer aber ging nun überhaupt zur Urne? Dafür muss man die detaillierten Selects-Studien zurate ziehen, die jeweils einige Monate nach den Wahlen erstellt werden. Gemäss der Umfrage von 2015 war die Wahlbeteiligung bei den Personen mit akademischem Abschluss (56 Prozent) markant höher als bei jenen mit Berufslehre (46 Prozent). Das Gleiche gilt für die Einkommen: Bei einem Lohn bis 6000 Franken betrug die Beteiligung 47 Prozent, von jenen mit einem Lohn über 12 000 Franken gingen 56 Prozent wählen. Peter Moser, der als Chefstatistiker des Kantons Zürich die Entwicklung der Wahlresultate über die Jahre verfolgt, bestätigt: «Je weniger gut ausgebildet eine Person ist und je weniger sie verdient, desto weniger beteiligt sie sich grundsätzlich an der Politik.» Das gelte besonders für Wahlen, bei Abstimmungen könne das Interesse je nach Thema steigen.

Nimmt man zum Schluss noch jene Gruppe, die nicht wählen darf, vervollständigt sich das Bild. Gemäss dem Bundesamt für Statistik lag 2017 das jährliche Medianeinkommen von Personen ohne Migrationshintergrund bei 53 000 Franken, bei Personen mit Migrationshintergrund bei 46 000 Franken. Diese besitzen mehrheitlich kein Stimmrecht. Die Politikwissenschaftlerin Line Rennwald von der Universität Genf sagt dazu: «Die Migrationsdiskussion verdeckt häufig, dass es eigentlich um eine Klassenfrage geht: Menschen mit niedrigen Einkommen werden systematisch von der politischen Mitbestimmung ferngehalten.» Sowohl Moser wie auch Rennwald weisen darauf hin, dass sich die Einkommensverteilung bei der Bevölkerung ohne Stimmrecht seit der Einführung der Personenfreizügigkeit zwar verändert habe, weil vermehrt Fachkräfte in die Schweiz kämen. Die Geringverdienenden unter den MigrantInnen sind aber noch immer in der Mehrzahl.

Schaut man sich die drei Gruppen nacheinander an, drängt sich nur ein Schluss auf: Zur Wahl zugelassen waren in höherer Zahl die gut Ausgebildeten und Besserverdienenden. Sie gingen auch häufiger zur Wahl. Und sie setzten sich schliesslich durch: Die Wahl vom 20. Oktober, so erfreulich sie aus linker Sicht ausfiel, war auch eine Klassenwahl.

Wo die SP nicht verloren hat

Dazu noch zwei weitere Erkenntnisse aus den Nachwahlbefragungen, eine unangenehme und eine bedenkenswerte. Die SVP schneidet weiterhin bei den Personen, die nur die obligatorische Schule besucht und eine Lehre absolviert haben, am besten ab. Bei Menschen mit tiefen Einkommen ist sie etwas beliebter als bei denen mit höheren Einkommen. Die SP wiederum hat gemäss der SRG-Umfrage vor allem AkademikerInnen an Grüne und Grünliberale verloren, nicht aber WählerInnen mit einem tiefen Einkommen. Die SP entferne sich damit vom Bild der «Cüpli-Sozialisten».

Zumindest bei den Personen, die sie vertreten will, hat die Sozialdemokratie also nicht an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Für die SP stellt sich deshalb wohl weniger die Frage, wie sie verlorene WählerInnen zurückgewinnen kann, als vielmehr, wie sie Personen mit niedrigeren Einkommen politisch besser organisieren kann. Der Einsatz für die Ausweitung des Wahlrechts und der BürgerInnenrechte auf alle gehört dazu, politisch wie statistisch.

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