Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Als die Mutter in die Ferien fuhr

Wie fühlt es sich für die Kinder an, wenn eine Familie auseinanderbricht? Das schildern fünf Trennungskinder im ästhetischen und sensiblen neuen Dokumentarfilm von Jacqueline Zünd.

Von Caroline Baur

Vor der mit Konflikten beladenen Realität sind Kinder kaum zu schützen: Die ProtagonistInnen in «Where We Belong» sagen uns, was Eltern manchmal lieber nicht wissen wollen. Still: Nikolei von Graevenitz

«Where We Belong» beginnt mit idyllischen Familienferien – könnte man meinen. Die Kamera folgt den neunjährigen Zwillingen Alyssia und Ilaria auf einem Pfad am Meer, wo bei Grillengezirpe das Abendlicht auf die braungebrannten Mädchen fällt. Dann sind wir mit ihnen auf Tauchgang, die vitalen kleinen Körper winden sich flink im karibikblauen Wasser. Aus dem Off dazu ihre Stimmen: «Ob Papa Mama wirklich betrogen hat, weiss ich nicht.» Umgekehrt war das aber anscheinend der Fall. Der Freund auf dem Foto mit der Mama war eben nicht nur ein Freund. Jedenfalls sei der Vater ins Auto und dann in eine viel zu kleine Wohnung gezogen.

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Dieses erste Aufeinanderprallen von verspieltem Bild und abgeklärter Erzählung zeigt, wohin die Reise geht, wenn sich Jacqueline Zünd («Almost There») der Perspektive von Trennungskindern nähert. Der dritte Dokumentarfilm der 48-jährigen Zürcherin ist eine sanfte Wucht, mit viel Atem und sorgfältig komponierter Bildsprache. Hier zeigen uns sehr junge, aber alles andere als naive Persönlichkeiten, wie sich das Leben anfühlt im Limbo zwischen Eltern, die sich getrennt haben. Und wie verletzlich Kinder sind, aber auch, wie sie voller Klarheit und Humor über ihre Situation zu sprechen vermögen – oft im Gegensatz zu den Eltern selbst.

Wenn diese im Film zu Wort kommen, dann nur am Rand. Von den Verhältnissen unter den Erwachsenen erfahren wir bloss aus den Erzählungen der fünf Kinder. Auch ihre eigene Präsenz, ihre Rolle als Interviewerin, inszeniert die Regisseurin geschickt weg. Die ProtagonistInnen könnten unterschiedlicher nicht sein, dabei weist jede Geschichte über sich selbst hinaus und lässt die grundsätzlichere Vermutung zu, dass es nicht die Stabilität einer harmonischen Kleinfamilie ist, die vor psychischen Abgründen schützt. Da sind viel feinere Komponenten am Werk.

Fern von den parteiischen Analysen der Erwachsenen, die sonst diejenigen sind, die entscheiden und sprechen, verdeutlichen uns die ProtagonistInnen, was Eltern manchmal lieber nicht wissen wollen: dass Kinder die Gefühlswelt ihrer Eltern sehr genau lesen und mitempfinden können. Vor der konfliktbeladenen Realität sind sie kaum zu schützen. Im Gegenteil, sie verhandeln diese oft gar zu verantwortungsvoll mit sich selbst. Mag der Verlust einer familiären Stabilität noch so schwierig sein, die porträtierten Kinder versetzen uns immer wieder in Staunen mit ihrer Resilienz. Auch mit ihrer Eloquenz.

So wie Sherazade und Carleton, zwei Teenager, die von den Eltern getrennt in einem Heim leben. Zünd lässt die talentierten Geschwister solo auf der Bowlingbahn tanzen, während sie sprachgewandt ihren komplizierten Weg raus aus Schuldgefühlen und vielen Zerreissproben in der Beziehung zu den Eltern reflektieren. Bowlen, das ist einer dieser Ausflüge mit dem Vater, dem früheren Berufsmilitär, der sie streng disziplinieren will. Geduldig lassen sie dessen Neurosen über sich ergehen. Wie bei den Zwillingen ist der geschwisterliche Zusammenhalt eine dieser feinen, aber wichtigen Komponenten, die dazu beitragen, die innere Welt von neuem aufzubauen und sich selbst eine Heimat zu geben.

Wespe und Cervelat

Vor Einsamkeit und Rückzug in sich selbst ist keines dieser Kinder gefeit. Am wenigsten vielleicht der Bauernsohn Thomas, der im Stall vor einer mit Dreck bespritzten Wand sitzt und von seiner Wut erzählt. Und davon, wie die Mutter eines Tages nach einem grossen Streit in die Ferien fuhr und es ihn nach einem Jahr langsam seltsam dünkte, dass dieser Urlaub so lange dauerte. Eher unbewusst baute er in der Folge immer wieder Mist.

Seine Geschichte ist so berührend, weil sie uns die Kollateralschäden von familieninternem Schweigen und Verdrängen vorführt. Die Kamera richtet sich dabei auf Thomas’ Hände, wenn er sich einen Cervelat nach dem andern mit nichts als Senf als Beilage in den Mund drückt. Oder auch einmal in Nahaufnahme auf eine nervöse Wespe, die einen Ausweg sucht. So finden Jacqueline Zünd und ihr Kameramann Nikolai von Graevenitz immer wieder Alltagsbilder, die auf stilisierte Weise einen Interpretationsraum für die Innenwelten der ProtagonistInnen öffnen und dabei nie zu simplen Metaphern verkommen oder den Figuren übergestülpt wirken. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich «Where We Belong» visuell sicher bewegt, ohne seine suchende Haltung zu verlieren.

Nur bei der Musik von Thomas Kuratli aka Pyrit und dem Sounddesign von Peter Bräker blitzt der Verdacht auf, dass etwas weniger vielleicht mehr gewesen wäre. Mit den sphärischen Schichten und einem hohen kompositorischen Anspruch wird in enger Synthese mit den Bildern vieles gesagt, ohne allzu eindeutig zu werden. Ab und zu kommen jedoch die Popakkorde der Komplexität der Figuren einfach nicht ganz hinterher. Oder die fünf sind umgekehrt zu eigenwillig, als dass man sie überhaupt klanglich einfärben müsste. Trotzdem ist zu hoffen, dass wir mehr Dokumentarfilme mit diesem alle filmischen Mittel umfassenden künstlerischen Anspruch sehen.

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