Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Melancholisch brummen

Von Timo Posselt

Sam Koechlin hatte den Flug zurück in die Wahlheimat New York City schon gebucht, dann kam Corona. Ende Gelände. Koechlin alias Sam Himself mietete sich in seiner Kindheitsstadt Basel eine Unterkunft, die angebrochene Tour mit der Chansonnière Anna Rossinelli wurde auf Herbst verlegt. In die langen Monate dazwischen fällt nun die Veröffentlichung der EP «Slow Drugs»: entschlackte Gitarrenriffs, einsam dreschendes Schlagzeug und der brüchige Bariton von Sam Himself.

Erster Eindruck: Da hat einer die Stimme des Sängers von The National, Matt Berninger, geerbt. Sam Himself brummt genauso melancholisch, verschmiert die Konsonanten, driftet in den Refrains ebenso gerne in Pathos ab. Zweiter Eindruck: verdammt stilsicher, diese fünf Songs. Im Vergleich zu den beiden früheren EPs, «Nobody» (2018) und «Songs in D» (2017), verlässt sich Sam Himself auf «Slow Drugs» selbstbewusster auf sein Songwriting. Beispielhaft ist das im Titelstück zu hören: Ein einziges Gitarrenriff hält den ganzen Song zusammen und wechselt lediglich zwischendurch die Klangfarben – scheppernd, wummernd, verhallend. Schlagzeuger Parker Kindred kickt so selten in seine Basstrommel, dass viel Raum bleibt für die Stimme von Sam Himself, und der nutzt das, um die Bestellung aufzugeben: «Bring me slow drugs.»

Auf seiner dritten EP zeigt der junge Basler mit dem etwas ulkigen Künstlernamen und der «Trainspotting»-Sick-Boy-Gedächtnisfrisur, dass er offenbar mit Leichtigkeit beeindruckend direkte, melancholische Gitarrenpopsongs schreiben kann. In New York ist Sam Himself zudem in guter Gesellschaft: Seine Bandmitglieder teilt er sich mit Iggy Pop, CocoRosie und Anohni, den Produzenten mit The War on Drugs, auch so eine stilbildende Gitarrenband der Gegenwart. Wenn er nun wegen Corona in Basel festsitzt und seine Zeit nicht als Support von Anna Rossinelli verplempern kann, schreibt er vielleicht noch ein paar Songs mehr – für sein Debütalbum. Die Vorfreude darauf hat er mit dieser EP schon mal geweckt.

Erscheint am 29. Mai 2020.

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