Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Im Gefängnis legst du deine Maske ab

Der belarusische WOZ-Autor Jan Awsejuschkin war fünfzehn Tage inhaftiert. Ein Bericht über hämische Wärter, sachkundige Zellengenossen und die kleinen Siege im Haftalltag.

Von Jan Awsejuschkin

Jeder Sonntag endet mit Hunderten von Festnahmen: Verhaftung eines Demonstranten in Minsk. Foto: Reuters

Seit vier Monaten gehen die Menschen in Belarus auf die Strasse. Jeder Sonntag endet mit Hunderten von Festnahmen, die meisten kommen entweder mit einer Busse davon oder müssen bis zu fünfzehn Tage in sogenannte Administrativhaft. Auch ich hielt das für eine Art unangenehme Erfahrung, bei der du für eine gewisse Zeit isoliert wirst und dann wieder freikommst. Die Realität ist komplizierter.

Ich wurde am 8. November im Zentrum von Minsk verhaftet, ganz zu Beginn einer Protestaktion. Zehn Minuten lang beobachtete ich das Geschehen, als plötzlich Mitglieder der Sonderpolizei Omon auftauchten – schwarz Uniformierte mit Sturmhauben, ausgestattet mit Schrotflinten. Sie schossen in die Luft und rannten mitten in die Menge hinein. Ich versuchte zu entwischen, doch einer der Polizisten war mir schon zu nahe.

Wegzurennen war sinnlos, sie nahmen mich fest. Ich sei Journalist, sagte ich sofort. Meine Akkreditierung sei gefälscht, er wolle überprüfen, für welches Medium ich arbeite, herrschte der Polizist mich an. Ich wurde in einen Bus geführt, sie schrien und fluchten immerzu, schlugen mich auf dem Weg in den Bauch, weil ich für sie zu langsam lief. Den Stimmen nach zu urteilen, waren sie noch relativ jung, so um die 25 vielleicht. Ich kann mich noch gut an ihre irr flackernden Augen erinnern.

Im Bus wurde ich oberflächlich durchsucht, sie nahmen mir mein Handy weg und verlangten das Passwort. Während der ganzen Verhaftung war das der schwierigste Moment: Ich hatte grosse Angst, kniete mit gesenktem Blick auf dem Boden, antwortete so ruhig wie nur irgend möglich, ich könne das Passwort nicht preisgeben. «Falsche Antwort», sagte der Fragesteller, während vom Vordersitz ein verärgerter Ruf ertönte. Dabei blieb es. Dass ich Journalist bin, hat mich wohl vor Schlimmerem bewahrt.


In den folgenden Tagen begegnete ich jenen, die – ich scheue dieses Wort nicht – gefoltert wurden. Man schlug auf die besonders schmerzempfindlichen Stellen an ihrem Körper ein, verdrehte ihnen die Finger, verprügelte sie mit Gewehrkolben. Manche bekamen – als angebliche Protestführer – ein Kreuz aufgemalt, damit klar war, dass sie eine «besondere» Behandlung bekommen sollten. Die Leute zogen die Kapuzen tiefer ins Gesicht, damit man die Markierung nicht sah.

Nachdem auf einer Polizeiwache der Papierkram erledigt war, brachte man uns ins Gefängnis von Schodsina, einer Stadt rund sechzig Kilometer von Minsk entfernt. In der Regel sind dort besonders gefährliche Straftäter inhaftiert. Und theoretisch wären wir in Isolationshaft gekommen; so werden jene untergebracht, denen eine «Administrativstrafe» bevorsteht. Alle Isolationszellen waren allerdings bereits überfüllt – und so wurde ein Teil der Zellen für «gewöhnliche Kriminelle» den «politischen» Häftlingen überlassen.

In Schodsina erwartete uns ein warmer Empfang: Unter Schreien und Flüchen trieb man uns in einem Raum zusammen, auf dem Boden lag eine weiss-rot-weisse Flagge, das Symbol des belarusischen Protests. Nach dem Appell wurden wir in einen langen unterirdischen Gang geführt, hämisch rufend zwangen sie uns, in der Hocke gebückt zu laufen. Junge Frauen wie ältere Männer, unabhängig von Alter und Geschlecht, alle mussten mitmachen. Wir waren müde und hungrig, uns tropfte der Schweiss von der Stirn; wer nicht laufen konnte, krabbelte auf allen vieren, wer aufstand, wurde getreten oder mit einem Knüppel geschlagen. Die 200 Meter voller Biegungen, Steigungen und Stufen fühlten sich wie eine Ewigkeit an.

Als wir endlich «unseren» Gebäudekomplex erreichten, mussten wir noch eine Dreiviertelstunde regungslos mit dem Gesicht zur Wand ausharren, die Arme in die Luft gestreckt. Nach einem weiteren Appell wurden wir vollständig durchsucht und endlich auf die Zellen verteilt. In meiner waren siebzehn Personen zusammengepfercht, es gab allerdings nur drei Etagenbetten, zusammengezimmert aus grobem Metall. Später wurden vier Personen verlegt. Die ersten Tage schliefen wir direkt auf dem kalten Metall, es gab weder Matratzen noch Decken. Drei Tage später fand mein Prozess statt, er dauerte nicht einmal eine Minute. Die Richterin verurteilte mich zu fünfzehn Tagen Administrativhaft – für die Teilnahme an einer «unbewilligten Protestaktion».


Schnell fanden wir heraus: Wir waren alle aus demselben Grund hier. Diese Erkenntnis bereitete allen potenziellen Konflikten sofort ein Ende. Wir teilten alles miteinander, was wir hatten. Wer wie die Sardinen in der Büchse zusammengezwängt ist, hat keine Wahl – wir mussten miteinander auskommen. Du befindest dich in einem krassen Stresszustand, aller Dinge beraubt, der soziale Status hat keine Bedeutung mehr. Im Gefängnis wirst du zu dir selbst, legst die Maske ab, die wir uns sonst jeden Tag aufsetzen.

Der typische Gefangene sieht so aus: Er ist zwischen 28 und 35, verdient durchschnittlich oder besser. In meiner Zelle gab es einige Unternehmer, einen Programmierer, den Produktionsleiter einer Fabrik für medizinische Schutzmasken, einen Hochschullehrer, einen Artisten vom Cirque du Soleil, den Manager einer internationalen Firma und zwei Arbeiter. Ähnlich sah es auch im Gefängnis von Mahiljou aus, in das ich später verlegt wurde.

Selbstverständlich diskutierten und kritisierten wir in unseren Gesprächen rege das herrschende Regime. Die Unternehmer etwa sprachen mit grosser Sachkenntnis von den ökonomischen Fehlern der Regierung. Einer der Geschäftsmänner hatte schon einmal mehr als fünf Jahre hinter Gittern verbracht: In den nuller Jahren nahmen sie ihm aufgrund erfundener Vorwürfe das Geschäft weg und hängten ihm einen nicht existierenden Schaden für den Staat an, in Belarus eine gängige Praxis. Nach dem Ende seiner Haft rappelte er sich wieder auf und eröffnete ein neues Geschäft, doch die Ungerechtigkeit trieb ihn auf die Strasse. Sein Einfallsreichtum und seine Erfahrung haben uns gerettet. «Und jetzt erklärt uns Sergej, wie man aus einem Stück Seife, einem Faden und einer Einwegklinge einen Quantencomputer bastelt», scherzten wir.

Semjon, ein Akrobat und Kunstturner, hat mit dem Zirkus die halbe Welt bereist. Seine Erzählungen über das Leben in Mexiko, den USA und Kanada nahmen uns auf Reisen mit, ohne dass wird die Gefängnismauern verlassen hätten – und lenkten von den Schwierigkeiten des Alltags ab. Und Schwierigkeiten gab es mehr als genug.

Die Wärter liessen uns nie in Ruhe, überwachten uns, erfanden irgendwelche Vergehen und entsprechende Strafen. Einmal sahen sie durchs Guckloch, wie jemand eindämmerte. Sie brachten ihn auf den Gang, zwangen ihn zu Sportübungen und brachten ihn dann mit folgenden Worten zurück: «Jetzt schrubbt er den Boden, und ihr alle schaut dabei zu.» Sie wollten ihn erniedrigen. Was sie allerdings nicht wussten: dass wir schon am Morgen vereinbart hatten, dass er an diesem Tag Putzdienst hatte. Der menschliche Umgang miteinander half uns, die Gefängnisregeln gemeinsam zu brechen.

Jeden Morgen weckte uns die Nationalhymne, tagsüber lief am Radio ununterbrochen ein Staatssender, den wir nicht wechseln konnten. So wurden wir ständig mit Propaganda beschallt. Richtige Nachrichten kamen dort praktisch nicht vor, dafür wurden die Eröffnung eines Kindergartens in einer Kleinstadt oder die Inbetriebnahme eines Heizwerks als Grosserfolge für den Staat gefeiert. Bei jeder Ansprache des Präsidenten ertönten in der Zelle Gelächter und verächtliche Kommentare.


Im Gefängnis wurde mir bewusst, dass Solidarität nicht bloss eine Floskel ist, sondern eine reelle Kraft. Einmal während des Hofgangs durchsuchten sie unsere Zelle und entdeckten ein in den Tisch geritztes Insekt mit dem Oppositionellenslogan «Stop Tarakan» («Kakerlake, halt!», womit Alexander Lukaschenko gemeint ist). Beweise, dass wir das waren, hatten sie nicht, angeschrien haben sie uns trotzdem: «Die Löffel sind zum Essen da, fresst euer Essen doch ohne Löffel!» Unter der Maske hämisch grinsend fügte ein Wärter noch an: «Bald könnt ihr euch die Beine vertreten.» Uns schwante nichts Gutes.

Es dauerte keine Minute, und wir hatten uns entschieden: Bekommen wir keine Löffel, verweigern wir das Essen. Als man uns die erste Schüssel durch die Luke schob, lehnten wir ab. Hinter der Tür wurde es erst still, dann begann ein nervöses Geläuf. Den Gefängnisregeln zufolge ist Essensverweigerung ein Notfall.

Der Schichtleiter kam und fragte, was los sei. Wir beklagten uns über die unfaire Behandlung, die sich ständig ändernden Regeln, dass uns die Wärter das Leben unter immer neuen Vorwänden schwer machten. Am Ende der Verhandlungen bekamen wir die Löffel zurück und blieben ohne Strafe. Wie wichtig so etwas ist, mag Aussenstehenden nur schwer zu erklären sein, doch es fühlte sich an wie ein grosser Sieg. Ähnliche Episoden – wenn die gegenseitige Hilfe der Insassen beim Widerstand gegen das System half – habe ich in den zwei Wochen oft beobachten können. In der gesamten Zeit traf ich niemanden, der irgendetwas bereute oder seine Meinung über das Regime änderte.

Nach ihrer Entlassung werden die meisten sicher eine Weile nicht mehr an die Demos gehen. Sie erholen sich gesundheitlich von der Haft – viele sind an Covid-19 erkrankt – und kümmern sich um Familie und Job. Niemand aber wird sich mit der Ungerechtigkeit abfinden; die Proteststimmung im Land wird nicht mehr einfach so verschwinden. Egal, wie viele man verhaftet, die Menschen werden nicht mehr leben können wie früher.

Aus dem Russischen von Anna Jikhareva.

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