Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Kindheit im Grenzgebiet

Von Dominic Schmid

Das Kopftuch der Grossmutter verheddert sich im Stacheldraht, im Hintergrund machen Soldaten Schiessübungen. Anderswo kann die kurdische Familie Hamo jedoch nicht zusammenkommen. Die eine Hälfte lebt auf der türkischen Seite Kurdistans, die andere in Syrien, wo Diktator Hafis al-Assad, der Vater von Baschar al-Assad, gerade seine Fühler in die Provinzen ausgestreckt hat. Nach wenigen Minuten weisen die Grenzwächter die Familie an, dass nur noch Türkisch oder Arabisch gesprochen werden darf. Die gegen diese Willkür Protestierenden, jeweils nur einer Sprache mächtig, stossen auf taube Ohren und werden wieder getrennt.

Eine Schwalbe, so hiess es im gleichnamigen Film von Mano Khalil von 2016, kehre immer in ihr Nest zurück. Und auch den kurdischstämmigen Regisseur zieht es immer wieder in seine fragile Heimat im Nordosten Syriens. Doch während «Die Schwalbe» von alten Wunden in der Gegenwart handelte, erzählt Khalil in «Nachbarn» von seiner politisch nicht weniger gezeichneten Kindheit. Nach einer etwas überflüssigen Rahmenhandlung springt der Film zurück in die achtziger Jahre und erzählt mittels vieler offenbar autobiografisch inspirierter Figuren und Momente von der Kindheit des jungen Sero. Dessen neuer Lehrer ist fanatischer Vertreter des Baath-Regimes, angereist aus Damaskus, um die Kinder Arabisch und Antisemitismus zu lehren. Wer Kurdisch spricht, bekommt Stockschläge auf die Hand, Lob gibt es für Gewaltfantasien, wie mit den JüdInnen umzugehen sei. Am meisten Zuspruch erhält der Vorschlag, diese alle in einer Reihe aufzustellen und zu köpfen. Die Kinder sind etwa zehn Jahre alt.

Auch wenn er sich nicht konsequent an Seros Perspektive hält, gelingt es dem in Bern lebenden Khalil, die Erfahrung einer Kindheit zu vermitteln, die gänzlich, wenn auch undurchschaubar, von unmenschlicher Politik bestimmt wird. Doch weder Kinderstreiche mit ausgegrabenen Landminen noch schiesswütige Grenzsoldaten oder die Propaganda im Schulzimmer, die die freundlichen jüdischen NachbarInnen bald mehr bedrohlich als bedroht wirken lässt, vermögen es zuletzt, den Jungen ganz seiner intelligenten Unschuld zu berauben.

Streaming: Sa, 23. Januar 2021, ab 12 Uhr für 72 Stunden auf www.solothurnerfilmtage.ch.

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