Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Flüchtlinge in der Falle

Hunderte von Flüchtlingen kommen jeden Tag nach Qamischli in der Kurdenregion Syriens, doch kaum einer kommt wieder heraus. Über das Leben in einer von der Arbeiterpartei Kurdistans kontrollierten Stadt.

Von Cedric Rehman, Qamischli

«Jalla, jalla – schnell, schnell!» Goran Afran hat sein Gesicht hinter dem Kufiya genannten bunten Kopftuch versteckt. Er trägt es zum Schutz vor dem Staub, aber auch wegen der PKK-Kämpfer, die vielleicht auf den alten verlassenen Grenztürmen der syrischen Armee lauern. Sie sollten besser nicht wissen, wer sich unter dem Tuch verbirgt. Sie mögen die Schmuggler nicht, die durch den Stacheldrahtverhau an der Grenze zur Türkei kriechen.

Afran war schon Schmuggler, als hinter dem Stacheldraht noch das syrische Militär sass. Jetzt sitzen dort vor allem Männer des syrischen Arms der PKK: Die Armee hat den Nordosten des Landes weitgehend ihren Verbündeten von der Arbeiterpartei Kurdistans überlassen. Afrans Angst aber ist dieselbe geblieben. Heute soll er einen Syrer aus der Türkei nach Qamischli bringen. Die Sorge um die Familie treibt den illegalen Grenzgänger heim.

Afrans Honda steht startklar in einem Baumwollfeld hinter dem Zaun. Drei Menschen haben auf dem Motorradsitz Platz. Die Maschine braust am Grenzzaun entlang, vielleicht mitten durch ein Minenfeld. Jede Sekunde kann ein Schuss fallen. «Allah, Allah», schreit Afran. Endlich kommt die geteerte Strasse, die weg von der Grenze ins Landesinnere führt.

Kein Geld für die Flucht

Bald schon erreichen sie die ersten Gebäude. Die sind aus Lehm und braun wie der Staub der syrischen Wüste: Qamischli, die Provinzhauptstadt der Kurdenregion mit ihren 200 000 EinwohnerInnen. Afran bremst scharf vor einem Haus mit Metalltor. Meistens bringt er Menschen aus der Türkei nach Syrien, Kriegsgewinnler, die Lebensmittel und Medikamente im Nachbarland kaufen, um sie in Syrien teuer zu verkaufen. Alles ist knapp im Bürgerkriegsland. Manchmal bringt er auch SyrerInnen hinüber in die Türkei, solche, die aus anderen Landesteilen nach Qamischli gekommen sind und tausend Dollar für den illegalen Transport haben. KurdInnen hatte er noch nie als Kunden. «Die Kurden haben kein Geld für die Flucht», sagt er.

Sobald die Sonne untergeht, bricht die Dunkelheit über Qamischli herein. Mal gibt es Strom, oft aber auch nicht. Dann surren altersschwache Dieselgeneratoren, Glühbirnen funzeln in Barbiersalons und Einkaufsläden. Auf den Ständen vor den Schaufenstern türmen sich Granatäpfel. Das Regal des Schnapshändlers ist voll von Whiskyflaschen. Männer sitzen auf Klappstühlen auf dem Gehsteig und saugen an ihrer Wasserpfeife. Es sieht aus wie Frieden mitten im Krieg.

Leila Aras knetet den Kichererbsenteig für ihre Falafel. Heute ist ein Festtag, weil ihr Schwager aus der Türkei über die Grenze gekommen ist. Die Familie hat sich jahrelang nicht gesehen. Leila will deshalb auftischen, was die Vorräte hergeben: Oliven, grüne Peperoni, Ayran – ein zu einem cremigen Schaum gerührtes Erfrischungsgetränk aus Joghurt – und knusprig gebackene Falafel. In der vergangenen Woche hat sie einen Ohrring von ihrem Hochzeitsschmuck verkauft. Davon hat sie Essen für sich, ihren Mann Arusch und ihre drei Töchter gekauft. Arusch hat zwar eine Tischlerei, doch Nachschub an Holz oder Werkzeug gibt es seit vielen Monaten nicht mehr. Arusch hat seit einem Jahr kein Einkommen mehr. Viel Geld verdient hat er nie in dieser armen Ecke Syriens. Es gab nichts zum Sparen für schlechte Zeiten. «Wir tauschen, was wir brauchen. Es gibt keine Wirtschaft mehr, fast niemand verdient noch Geld», sagt Leila.

Die Preise aber explodieren. Das wenige, was in Vorratskammern lagert oder über die Grenze geschmuggelt wird, müssen sich die KurdInnen mit Kriegsflüchtlingen aus allen Teilen Syriens teilen. Sie strömen nach Qamischli, Hunderte jeden Tag. Reis kostet inzwischen schon 90 Lira, umgerechnet 1.20 Franken. Vor dem Krieg waren es 25 Lira. Der Preis für Eier hat sich verfünffacht, Öl ist sechsmal teurer als noch vor einem Jahr. Was wird Leila Aras machen, wenn ihre Schmuckschatulle leer ist? «Dann ist der Krieg vorbei, oder die Amerikaner sind da, oder wir verhungern», sagt sie.

Wenig Geld also, aber volle Auslagen in den Schaufenstern. Die haben etwas zu tun mit der PKK, die sich in Syrien «Partei der demokratischen Union» (PYD) nennt. Als im Juli der Krieg die Metropolen Aleppo und Damaskus erreichte, zogen sich die Regierungstruppen abrupt aus der Kurdenregion im Nordosten Syriens zurück. Die kurdische Arbeiterpartei war zwar nur eine von vielen Bewegungen und Gruppen in Qamischli, aber sie hatte ausgezeichnete Verbindungen zu ihren Waffenbrüdern im Südosten der Türkei, und sie hatte Kalaschnikows. Damit übernahm sie die Kontrolle in Qamischli und Umgebung.

Gewehre bekam die PYD nicht nur über Schmugglerpfade von der türkischen PKK. Die Armee von Präsident Baschar al-Assad drückte der militanten Kurdenorganisation die Schlüssel für ihre Waffenlager in die Hand. Im Gegenzug duldet die PYD die Präsenz des syrischen Geheimdiensts und von Resten der Armee in und um Qamischli. Büsten von Baschar und Hafis al-Assad sind in Qamischli allgegenwärtig geblieben.

Die PYD habe auch die Kontrolle über die Vorratslager übernommen, sagt Rustum Hassan vom Revolutionären Volkskomitee in Qamischli. Dieser Volksrat organisiert den zivilen Kampf gegen das Regime. Jeden Freitag gibt es Demonstrationen gegen Assad, an denen auch die PYD teilnimmt. Hassan nennt das ein Doppelspiel: «Sie sind irgendwie gegen das Regime und für das Regime.» Sie hielten sich alle Optionen offen. Für Hassan aber bedeutet Widerstand auch Widerstand gegen den syrischen Arm der PKK. Auch weil die PYD den KurdInnen das Essen stehle. «Sie holen alles raus aus den Vorratskammern», sagt Hassan. Lastwagenweise schicke die PYD Weizen aus der Vorkriegsernte nach Damaskus. Aber Diesel komme von dort schon lange keiner mehr zurück. «In diesem Jahr haben wir keinen Diesel für Traktoren und keinen Dünger. Es gibt keine Ernte, die sie uns nächstes Jahr wegnehmen können, um sie zu Assad nach Damaskus zu schicken.»

Für kulturelle Selbstbestimmung

Die PYD ist nicht die einzige und schon gar nicht die populärste Partei unter Syriens KurdInnen. Das Volk mit eigener Kultur und Sprache hat unter dem Regime in Damaskus gelitten, wie alle, die sich nicht einfügen wollten in die von der Baath-Partei verordnete arabische Identität. Wer Kurdisch sprach oder das Neujahrsfest Newroz feierte, musste mit Haft und Folter rechnen. 2004 schlug die Assad-Armee kurdische Proteste in Qamischli blutig nieder. Doch die PYD gelte dort vielen als Handlanger der syrischen Regierung, als Verräter an der kurdischen Sache, sagt Rustum Hassan. Er sitzt unter einem Foto von Maschal Tammo, der Ikone der liberalen Kurdischen Zukunftsbewegung. Tammo wurde im Oktober 2011 von maskierten Männern in seinem Haus erschossen. AnhängerInnen der Partei vermuten ein Attentat der PYD. Tammos Sohn Fares ist nach dem Mord in die Türkei geflüchtet und organisiert von Istanbul aus die Arbeit der Partei. Sie ist die einzige kurdische Partei, die auch Mitglied im oppositionellen syrischen Nationalkongress ist und in der Türkei keinen Gegner sieht. «Wir kämpfen nicht für Grosskurdistan, sondern für die kulturelle Selbstbestimmung aller Syrer in einem demokratischen Staat», sagt Hassan.

Zum Frühstück gibt es Fladenbrot und Tee. Die Familie Aras sitzt auf einem ausgerollten Teppich, kaut das teure Brot bedächtig. Plötzlich ein Knall. Irgendwo in Qamischli ist eine Autobombe explodiert. «Das war nur eine ganz kleine», sagt Arusch Aras und nimmt einen Schluck Tee. Die Bombe, die vor zwei Tagen in unmittelbarer Nähe des Polizeihauptquartiers explodierte und zwanzig Menschen zerfetzte, war viel stärker. Der Rauchpilz sei in der ganzen Stadt zu sehen gewesen, sagt Arusch. Der Frieden ist auch in Qamischli nur relativ. «Die PYD sagt, das sei al-Kaida. So rechtfertigen sie, dass sie Leute festnehmen und an den syrischen Geheimdienst ausliefern», meint er. Doch verschwinden würden immer nur kurdische AktivistInnen, die jedeR in Qamischli kennt.

Im Stadtzentrum schiebt Midya Mahmod das Metallgitter vor dem Schaufenster ihrer Apotheke hoch. Die Kranken brauchten ihre Medikamente, sagt sie, Bombe hin, Bombe her. Die Frau im weissen Apothekerkittel steht verloren vor den gelichteten Regalen. Babynahrung und Windeln gibt es keine mehr, Antibiotika und Schmerzmittel sind knapp. Bezahlen könnten die wenigsten, die in ihre Apotheke kommen. «Wenn ich drei Dollar Umsatz am Tag mache, ist es ein guter Tag», sagt sie.

Operation ohne Narkose

Vor einem Monat erreichte die letzte Ladung Medikamente Qamischli. Dann wurde die pharmazeutische Fabrik bei Homs bombardiert, aus der die Stadt beliefert wurde. Von dem wenigen, was auf den Regalen liegt, zweigt Mahmod noch etwas für die Untergrundkliniken ab, die es in Qamischli wie überall im Land gibt. Meistens sind es Privatwohnungen, in denen oppositionelle Ärzte Flüchtlinge behandeln, die sich nicht in das von der PYD kontrollierte Krankenhaus trauen. Bei Schussverletzungen würden die Kugeln ohne Narkose entfernt, sagt Mahmod. «Anästhetika und Morphin gibt es nur in der Klinik der PYD. Da kommen wir nicht ran.»

Die Pharmazeutin hat Angst vor dem Winter. Dann wird es kalt in Qamischli. Ohne Öl werden die Menschen mit Holz heizen, doch das wird nicht ausreichen. Da fast alle KurdInnen in Qamischli Flüchtlinge aufgenommen haben, leben die Menschen auf engstem Raum zusammen. Schon jetzt gebe es Durchfallerkrankungen, Typhus und Tuberkulose, sagt die Apothekerin. «Ohne Medikamente können wir den Kranken nicht helfen. Wir brauchen dringend Hilfe von aussen, sonst werden die Menschen sterben wie die Fliegen.»

Alles ist besser als Homs

Der Flüchtlingsstrom aus Damaskus, Aleppo, Homs und anderen vom Krieg verwüsteten Städten reisst nicht ab. Die SyrerInnen wissen, dass Qamischli die einzige Grossstadt Syriens ist, in der nicht gekämpft wird. Doch die Kurdenregion gleicht einer Falle. Sie ist abgeschnitten von der Versorgung, und die Grenzen zur Türkei und zum Irak sind dicht und von der PYD gut bewacht. Wer in Qamischli ankommt, für den gibt es kein Weiter. Es sei denn über die Schmugglerpfade und durch die Minenfelder an der Grenze, für so viel Geld, wie es nur sehr wenige SyrerInnen haben. Es gibt aber auch kein Zurück: Im Westen, Süden und Osten wird gekämpft.

Es gibt Flüchtlinge, die bei ihren kurdischen Verwandten untergekommen sind. Andere haben nur ihr nacktes Leben gerettet. Sie leben in Flüchtlingslagern in ehemaligen Schulen, streng kontrolliert von der PYD. Wie viele es tatsächlich sind, darüber gibt es nur Schätzungen. 50 000  in einer Stadt von 200 000  Einwohnern, diese Zahl wird von oppositionellen Politikern und Untergrundärzten häufig genannt. Sicher ist nur eines: Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge an.

Alles sei besser als Homs, sagt der Sunnit Mahmud Derasch. Auch der Schimmel an der Decke und der kalte, nackte Zement, auf dem die Familie einen zerfransten Teppich ausgerollt hat. In Homs hatte Derasch einen Lebensmittelladen. In Qamischli sammelt die Familie die Kanten von trockenem Brot in einer Tüte. Im April ist sie aus Homs geflohen. Erst nach Damaskus und dann, mit dem Geld vom Verkauf ihrer letzten Habe, auf einem Lastwagen nach Qamischli. Derasch schleppt jetzt Brennholz für KurdInnen, damit seine Familie sich die verschimmelte Bleibe leisten kann. «Was sollen wir machen? Wo sollen wir hin?», sagt der Familienvater. «Wir sind froh, dass wir noch am Leben sind.» Einen Platz auf dem Motorrad des Schmugglers Goran Afran wird sich die Familie nie leisten können.

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