Nr. 02/2021 vom 14.01.2021

Die meinen auch mich!

Seit im letzten Frühling alle über 65-Jährigen per Dekret zur Risikogruppe erklärt wurden, wähnen sich viele im falschen Film. Auch unsere Autorin.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Auch bei älteren Menschen ist die Bereitschaft, den Löffel abzugeben, äusserst klein: Patti Smith und Joan Baez, 2017 an einem Benefizonzert in New York. Foto: Kevin Kane, Getty

Die Idee, dass auch ich gemeint sein könnte, kam mir anfangs gar nicht. Damals, im März vor fast einem Jahr, als Daniel Koch damit begann, täglich im Fernsehen von den Verletzlichen und Vulnerablen unserer Gesellschaft zu sprechen, zogen vor meinem inneren Auge Kohorten mit Rollatoren vorbei, aber sicher nicht ich selbst.

Auch als der Kanton Uri am 20. März ein Ausgehverbot für SeniorInnen erliess, fühlte ich mich nicht betroffen. Ich dachte mir nicht viel, höchstens, dass in einem Bergkanton abends doch sowieso nichts mehr läuft (wofür ich die UrnerInnen aufrichtig um Verzeihung bitte), aber die betreffenden Kantonsbehörden wurden ja zum Glück juristisch schnell gebremst.

Erst als ein Nachbar, selbst um die fünfzig, freundlich fragte, ob er für mich einkaufen solle, sprang es mich an: Die meinen auch mich! Ich verneinte dankend und war ein bisschen beleidigt: Der Bundesrat hatte tatsächlich die gesamte Bevölkerung ab 65 kurzerhand für vulnerabel erklärt. Ich fing an, bei allen, die sich im Fernsehen zu den Quarantänemassnahmen für SeniorInnen äusserten und nicht mehr ganz frisch aussahen, das Alter zu eruieren. Am auffälligsten sprang mir Daniel Koch selbst ins Auge, der mitten im Lockdown das Pensionsalter erreichte und gar nicht daran dachte, sich ab seinem Geburtstag vornehm vulnerabel zurückzuhalten – im Gegenteil!

Willkommen in der «Risikogruppe»

Im April sagte Altbundesrat Moritz Leuenberger (73) im «Club» des Schweizer Fernsehens SRF: «Natürlich gehe ich noch einkaufen. Ich bestreite, dass ich zu einer Risikogruppe gehöre.» In einem Interview im Medienportal «Persönlich» erläuterte er: «Die Grenze von 65 Jahren ist diejenige des AHV-Alters, ein Kriterium der Arbeitsfähigkeit und kein medizinisches. Wenn über x Prozent der Infizierten ab dem Alter y sterben, wäre dieses Alter das Kriterium.»

Das leuchtet ein, wobei das von Leuenberger angeführte «Kriterium der Arbeitsfähigkeit» all jene Lügen straft, die auch nach dem Pensionsalter freiwillig oder unfreiwillig weiterarbeiten, was nicht für eine Erhöhung, sondern für die Flexibilisierung des Pensionsalters spricht.

Dann standen plötzlich die Grosseltern im Fokus der Aufmerksamkeit. Da im Frühjahr noch nichts darüber bekannt war, inwiefern Kinder Coronaviren übertragen, durften sie ihre EnkelInnen nur noch von ferne sehen. Enge Bindungen wurden getrennt, und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor fiel weg. Laut dem Bundesamt für Statistik betreuen Grosseltern ihre Enkelkinder 160 Millionen Stunden im Jahr, was einem Arbeitsvolumen von mehr als acht Milliarden Franken entspricht. Das ist zwar hauptsächlich auf die in der Schweiz unterentwickelte externe Kinderbetreuung zurückzuführen, ändert aber nichts daran, dass es für die Betroffenen schmerzlich war.

Kaum waren ihnen diese Kontakte wieder erlaubt, verschwanden die busperen Grosseltern aus den Medien. Doch da die Coronathematik weiterhin bebildert sein will, erschienen ab da vor allem Fotos mit schutzbekleidetem Pflegepersonal und sehr alten Menschen in Alterszentren und Pflegeheimen: Der Senior, die Seniorin finden seither auf Bildern fast nur noch hochbetagt statt.

Die dreissig Jahre zwischen 65 und 95 wurden auf «das Alter» zusammengeschmolzen. Dabei wachsen Menschen in den ersten dreissig Jahren ihres Lebens vom Säugling zum Erwachsenen heran, und niemandem käme es in den Sinn, Kleinkinder, Zwölf- und Zwanzigjährige als gemeinsame Zielgruppe zu erfassen; und auch zwischen dreissig und sechzig geschieht so viel in einem Leben, dass sich diese Gruppe sicher nicht als gemeinsames Ganzes empfindet.

Ich erinnere mich, dass ich Sechzigjährige sehr alt fand, als ich selber dreissig war. Und ich weiss, dass mich ein Ausfall des Nachtlebens damals schwer getroffen hätte. Heute hingegen ist mir klar, dass auch mit Mitte sechzig die Bereitschaft, den Löffel abzugeben, äusserst klein ist und mit diesem Alter ein deutlicher geistiger Abbau nur in bedauerlichen Ausnahmefällen einhergeht. Aber das scheint nicht allgemein bekannt zu sein.

So berichtete eine Seniorin Ende Mai in der «Rundschau» auf SRF mit nachvollziehbarem Befremden über eine «Ideenliste während der ‹Corona-Zeit›», die ihr die Fachstelle für Altersfragen ihrer Gemeinde zugeschickt hatte. «Schauen Sie zum Fenster hinaus oder sitzen Sie auf Ihrem Balkon oder Sitzplatz und beobachten Sie genau, wie sich die Natur von Tag zu Tag verändert», «Nehmen Sie sich jeden Morgen viel Zeit für die Körperpflege, ziehen Sie sich schön an – Sie sind es wert, sich für sich selbst schön zu machen», «Lesen Sie wieder mal ein gutes Buch» oder «Gönnen Sie sich zwischendurch immer wieder einen guten Tee, eine Tasse Kaffee» lauteten nur einige der über zwanzig Tipps.

Der Ton wird härter

Zur gleichen Zeit stellte Pro Senectute die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage bei Menschen über fünfzig unter den Titel: «Fast zwei Millionen Menschen befürchten Verlust des Ansehens von Seniorinnen und Senioren», was gemäss Hochrechnung zwei Dritteln dieser Altersgruppe entspricht.

Dann kam der Sommer und damit die Lockerungen, Alt und Jung tummelte sich draussen – bis sich die zweite Welle aufzutürmen begann. Diesmal wurde der Ton härter, die Blütezeit der LobbyistInnen begann. Alles – nur keinen neuen Lockdown, hiess es; und im föderalistischen Durcheinander ging komplett unter, dass in Heimen und Spitälern bereits kräftig gestorben wurde – weit zahlreicher als in den umliegenden Ländern. Doch «der ganz grosse Teil sind über 80-Jährige», liess uns ein Bundesrat (70) wissen; und die Auffassung, es brauche nun mal eine Güterabwägung zwischen Gesundheit und Wirtschaft, wurde schnell gesellschaftsfähig. Auf Twitter schrieb jemand: Die Schweiz ist ein Bauernstaat mit Tresor.

Auch wenn man noch über ein Jahrzehnt von der ominösen Achtzig entfernt ist – die um sich greifende Stimmung wirkt. Eine Kollegin, 65 und noch mitten im Erwerbsleben, mailte mir kürzlich: «Es scheisst mich total an, dass alle über 65-jährigen Menschen, egal ob du jetzt hundert bist oder ein paar Monate über 65, als uralt, schwerst gefährdet, wegsperrungsbedürftig dargestellt werden, als potenziell die Intensivstationen in Massen überschwemmendes graues Etwas, das geschützt werden muss, indem man seine Persönlichkeitsrechte kürzt.» Auch mich beeinflusst diese Stimmung. Plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich mich von den «wirklich» Alten abgrenze. Aber ab wann bin ich denn so alt, dass man mir kein Intensivbett mehr zugesteht? Und mit der Frage «Wie gross ist Ihr Lebenswille auf einer Skala von 0 bis 10?» testet, ob ich freiwillig darauf verzichte?

Eines hat die Coronakrise immerhin geschafft: Selbst ich kapiere langsam, dass Sterben wirklich zum Leben gehört.

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