Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Die Geister des Schächtverbots

Die Debatte rund um das Burkaverbot ähnelt derjenigen um eine antisemitische Initiative Ende des 19. Jahrhunderts. Das lässt sich etwa bei Charles Lewinsky nachlesen.

Von Josef Lang

Bei der Schächtverbotsinitiative von 1893 ging es keineswegs um Tierschutz, sondern um antisemitische Ressentiments: jüdische Familie um 1910. Foto: Keystone

Am 20. August 1893 nahmen sechzig Prozent der Schweizer Bürger die allererste Initiative an, die auf eidgenössischer Ebene zur Abstimmung kam. Das Volksbegehren verlangte ein Schächtverbot und fokussierte fast ausschliesslich auf die jüdische Minderheit. Der Abstimmungskampf stand ganz im Zeichen des Antisemitismus. Über die Tatsache hinaus, dass sie sich gegen eine religiöse Minderheit richtete, zeigt die damalige Initiative auch in der begleitenden Debatte frappante Ähnlichkeiten zur aktuellen Burkaverbotsinitiative.

Die höchsten Ja-Anteile fürs Schächtverbot gab es damals in den drei Kantonen Aargau (90 Prozent), Zürich (86 Prozent) und Bern (80 Prozent). Am deutlichsten verwarf die lateinische Schweiz. Die Stimmbeteiligung war mit 47 Prozent die weitaus tiefste aller Abstimmungen seit 1848. Das erklärt sich aus der Nein-Parole der Katholisch-Konservativen Parteiführung. Diese fuhr zwei Jahre nach dem Einsitz in den Bundesrat einen gemässigteren Kurs und wollte zugunsten der Kultusfreiheit ein Zeichen setzen. Die grosse Mehrheit ihrer Basis wollte nicht gegen die Parteiführung, aber auch nicht für die JüdInnen stimmen. So fiel das Ja für das Schächtverbot in der Innerschweiz relativ knapp aus.

Wie in «Melnitz»

Wie unglaubwürdig und bedeutungslos die Tierschutzargumentation war, zeigt das Beispiel des Kantons Zürich. Um die brutalste aller Tötungsmethoden, den Kopfschlag, abzuschaffen, schrieb die Zürcher Regierung 1903 die Verwendung eines Schussapparats in den Schlachthäusern vor. Sie konnte sich nur gegen heftigen Widerstand der Metzger durchsetzen, die zehn Jahre zuvor das Schächtverbot besonders stark verteidigt hatten. In den Landmetzgereien und auf den Bauernhöfen hatte die Regierung ohnehin keine Chance.

Der gewichtigste Wortführer der Ja-Kampagne war der erklärte Antisemit Ulrich Dürrenmatt, Grossvater des Schriftstellers. Der Gründer der Bernischen Volkspartei und spätere Nationalrat gehörte damals dem Kantonsparlament an und verfügte über eine eigene Zeitung. Ein Gedicht mit dem Titel «Juden haben kein Erbarmen», das er am Vortag der Abstimmung veröffentlichte, endet mit den Versen: «Wenn wir ihm nicht Meister werden / Wird der Jude unser Meister.»

Die damalige Stimmung beschreibt Charles Lewinsky in einer der eindrücklichsten Szenen in «Melnitz», dem 2006 erschienenen Roman über das schweizerische Judentum zwischen 1871 und 1945. In Endingen, einem der beiden Aargauer Dörfer, wo bis zur Niederlassungsfreiheit 1866 fast ein Drittel aller Schweizer JüdInnen lebten, findet an einem Junisonntag 1893 in einem vollen Gasthaussaal eine «Diskussion» statt. Hauptreferenten sind der Metzgermeister und Dorfkönig Alois Gubser, der gleichzeitig den Tierschutzverein präsidiert, der in Endingen aufgewachsene und in Zürich als Schächter wirkende Pinchas Pomeranz und der Star des Anlasses, der ehemalige Rabbiner Dr. Jakob Stern aus Stuttgart.

Heute Frauenrechte

Nachdem Gubser mit grobschlächtiger Jovialität den Anwesenden das Schächten als «blutrünstiges Gemetzel» geschildert und den JüdInnen den Verzicht auf «mittelalterliche Bräuche» ans Herz gelegt hat, ergreift Dr. Stern das Wort. Er stellt sich als «jüdischer Talmudgelehrter» vor und nimmt Gubsers Faden auf, indem er das «mittelalterliche Talmudjudentum» als bibelfremd zerzaust. Deshalb gebe es «keinen Grund, aus falsch verstandener religiöser Toleranz irgendwelchen Ausnahmegesetzen zuzustimmen». Nachdem er als «studierter jüdischer Theologe» all die populistischen Vorurteile gegen orthodoxe Juden und Jüdinnen abgerufen hat, wird er vom Saal bejubelt. Als Pinchas Pomeranz, der im Unterschied zum Vorredner die Geschichte und Praxis des Schächtens sowie die Fachliteratur bestens kennt, das Wort ergreift, hat er keine Chance, Gehör zu finden.

Die Versammlung in Endingen ist eine Erfindung des Autors und verdichtet die damalige Abstimmungs-«Debatte». Authentisch ist die Figur des Jakob Stern, der kein Doktor war, sich aber so nennen liess, samt dessen Aussagen, die gedruckt vorliegen. In seiner Dissertation «Das Schächtverbot in der Schweiz» (2000) schreibt Rechtshistoriker Pascal Krauthammer: «Der als ‹Alibijude› missbrauchte Stern war das Resultat einer unheiligen Allianz zwischen den Schächtgegnern und jüdischem Selbsthass.»

Damals wurde der Tierschutz vorgeschoben, nicht zuletzt von den übelsten Tierquälern – heute, bei der sogenannten Burkaverbotsinitiative, sind es Frauenrechte. Deren Hauptträgerschaft setzt sich aus jenen Kräften zusammen, die das Frauenstimmrecht am längsten bekämpften und die Gleichstellung am beharrlichsten hintertreiben. Wer über den Doktor Stern liest, dem kommt unweigerlich Saïda Keller-Messahli in den Sinn. Ihre Rolle und ihr Auftreten – etwa in der SRF-«Arena» – ähneln stark denen des realen wie des fiktiven Jakob Stern. Der Berner Professor Reinhard Schulze vom Institut für Islamwissenschaft schreibt von «populistischen Stereotypen». Gegen diese fällt es fachkundigen MuslimInnen und anderen ExpertInnen heute fast so schwer, Gehör zu finden, wie damals dem Spezialisten Pinchas Pomeranz.

Josef Lang ist Exnationalrat und Historiker. Die Mühe der Schweiz mit der religiösen Toleranz spielt eine wichtige Rolle in seinem Buch «Demokratie in der Schweiz. Geschichte und Gegenwart» von 2020.

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