Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Von Lärchen, Obst und Glyphosat

Was ist schon wieder der Unterschied zwischen Fungizid und Herbizid? Und warum macht dieses Chloro…dingsbums Probleme? Die WOZ erklärts von A bis Z – damit Sie für die Diskussionen zu den Pestizidinitiativen gerüstet sind.

Von Cathrin Caprez (Text) und Céline Ducrot (Illustration)

Atrazin

Pestizid, das die Fotosynthese bremst und so das Wachstum unerwünschter Pflanzen stoppt (→ Herbizid). Es wird in der Umwelt nur sehr langsam abgebaut. Obwohl die Verwendung von Atrazin in der Schweiz seit 2012 verboten ist, finden sich immer noch Rückstände im Grundwasser.

Biozide

Chemikalien oder Mikroorganismen, die zur Bekämpfung unerwünschter Tiere, Insekten, Pilze oder Mikroben eingesetzt werden – etwa als Desinfektionsmittel in der Lebensmittelherstellung, als Schimmelschutz oder gegen unerwünschten Algenbewuchs an Hausfassaden. Die Zulassung und Anwendung von Bioziden ist in der Schweiz separat von den Pestiziden geregelt. Der Bundesrat geht in seinen Botschaften zur Trinkwasserinitiative und zur Initiative gegen synthetische Pestizide davon aus, dass von beiden Initiativen auch Biozide betroffen wären – die Initiativkomitees sehen das anders.

Chlorothalonil

Pestizid, das gegen unerwünschten Pilzwuchs eingesetzt wird (→ Fungizid). Die Substanz unterbricht den Stoffwechsel in keimenden Pilzzellen und führt zu deren Absterben. In der Schweiz wurde die Substanz knapp fünfzig Jahre lang in grossen Mengen eingesetzt. 2019 wurden in vielen Grundwasserfassungen Abbauprodukte von Chlorothalonil in Konzentrationen über dem gesetzlichen Grenzwert nachgewiesen. Seit Beginn dieses Jahres ist es in der Schweiz verboten. Der Agrochemiekonzern Syngenta stellt Chlorothalonil-haltige Fungizide her und hat Beschwerde gegen das Verbot eingelegt.

DDT

Pestizid, das bei Insekten das zentrale Nervensystem lähmt (→ Insektizid). Die Substanz wurde ab den vierziger Jahren zum weltweit beliebtesten Insektizid. Der wichtigste Hersteller war das Basler Chemieunternehmen J. R. Geigy (später Ciba-Geigy, heute Novartis). Die US-amerikanische Biologin Rachel Carson zeigte 1962 in ihrem Buch «Silent Spring» die schädlichen Langzeitwirkungen von DDT und anderen Pestiziden auf – das Insektizid liess etwa die Schalen der Eier von Greifvögeln dünn und brüchig werden. Das Buch gilt als einer der wichtigsten Auslöser der weltweiten Umweltbewegung und führte in den siebziger Jahren zum Verbot von DDT in vielen Ländern. Heute ist DDT nur noch zur Bekämpfung krankheitsübertragender Insekten zulässig.

Eawag

Das Eidgenössische Wasserforschungsinstitut mit Hauptstandort in Dübendorf ZH gehört zum ETH-Bereich und zählt zu den führenden Wasserforschungsinstituten weltweit. Eawag-Forschende haben die Methoden zur Pestizidmessung in Flüssen und Bächen stetig verfeinert. Ein Eawag-Merkblatt, das die Landwirtschaft als wichtige Belastungsquelle für die Schweizer Gewässer benennt, stiess beim Landwirtschaftsminister Guy Parmelin auf Unmut. Das führte zum Vorwurf, er wolle die Forschung der Eawag zensieren.

Fungizid

Pestizid, das gegen unerwünschten Pilzwuchs eingesetzt wird.

Glyphosat

Die Substanz blockiert bei fast allen Pflanzen einen überlebenswichtigen Stoffwechselprozess und lässt sie absterben (→ Herbizid). Eine Ausnahme bilden Pflanzen, die einen gentechnisch eingebauten Schutz enthalten. Grossflächige Monokulturen aus solchen Glyphosat-resistenten Pflanzen, die aus der Luft gegen unerwünschtes Unkraut besprüht werden, wurden zum Symbol einer industriellen Landwirtschaft. Glyphosat ist seit langem das meistverkaufte Herbizid. Seit einigen Jahren steht es unter Verdacht, Krebs auszulösen. Die Chemieindustrie und Behörden weltweit stehen seither in einem ungeklärten Zulassungsstreit.

Herbizid

Pestizid, das gegen unerwünschte Pflanzen eingesetzt wird.

Insektizid

Pestizid, das gegen unerwünschte Insekten eingesetzt wird. Eine wichtige Klasse von Insektiziden sind die Neonikotinoide. In den vergangenen Jahren konnte immer deutlicher nachgewiesen werden, dass diese wichtigen Bestäuberinsekten schaden. Einige Neonikotinoide dürfen in der Schweiz darum nicht mehr auf offenen Feldern eingesetzt werden.

Jahresverbrauch

In der Schweiz wurden 2019 knapp 2000 Tonnen Pestizide verkauft. Das ist etwas weniger als in den Jahren zuvor. Die Verkaufsmenge hat aber nur eine eingeschränkte Aussagekraft. Sie berücksichtigt nicht, wie umweltrelevant die verschiedenen Wirkstoffe sind.

Kupfer

Blockiert eine lebenswichtige Stoffwechselreaktion in Pilzen (→ Fungizid) und ist zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten in der biologischen Landwirtschaft zugelassen, zum Beispiel bei Reben, → Obst und Kartoffeln. Weil sich Kupfer im Boden anreichert und giftig für empfindliche Boden- und Wasserlebewesen ist, sucht die Bioforschung nach Alternativen (→ Lärche, → Züchtung).

Lärche

Die Rinde des Nadelbaums enthält eine Substanz, die Pflanzen wirksam vor Pilzen schützen kann. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) erforscht den Stoff und möchte ihn unter dem Namen Larixyne als Ersatz für → Kupfer auf den Markt bringen.

Mehrwertsteuer

Pestizide gelten in der Schweiz als landwirtschaftliche Hilfsprodukte und können darum zum verminderten Mehrwertsteuersatz von 2,5 statt der üblichen 8 Prozent eingekauft werden. Studien aus verschiedenen Ländern konnten bereits zeigen, dass eine Lenkungsabgabe – statt einer steuerlichen Begünstigung – den Verbrauch von Pestiziden senken könnte.

Nützlinge

Natürliche Gegenspieler von Schädlingen, zum Beispiel Marienkäfer (fressen Blattläuse und andere kleine Insekten- und Milbenarten), Fledermäuse (jagen Apfelwickler) oder Schlupfwespen (legen Eier in den Larven und Puppen von Schädlingsinsekten ab; die heranwachsenden Wespen fressen die Schädlinge von innen auf).

Obst

Besonders pestizidintensive Kulturen. Am intensivsten behandelt werden Kernobstkulturen wie Äpfel und Birnen, an zweiter Stelle folgen Reben. Diese werden durchschnittlich rund zehnmal, Kernobst etwa vierzehnmal pro Jahr gespritzt, am intensivsten gegen Pilzbefall. Auch BiolandwirtInnen behandeln ihr Obst – mit im Biolandbau zugelassenen Mitteln. Robuste Sorten brauchen viel weniger Spritzungen (→ Züchtung), werden jedoch bisher auch viel weniger nachgefragt als etwa die empfindlichen Golden- und Gala-Äpfel.

Pflanzenschutzmittel

Verharmlosende, positiv konnotierte Bezeichnung für Pestizid, in den Dokumenten des Bundes die gängige Bezeichnung.

Quartäre Ammoniumverbindungen

Salzartige Substanzen, die sich gut in Wasser lösen und die Zellwand von Mikroben auflösen können (Biozid). Sie werden vor allem als Desinfektionsmittel in Spitälern, in der Lebensmittelverarbeitung, als Holzschutzmittel oder in Schwimmbädern als Antialgenmittel eingesetzt.

Regenwurm

Tier, das für die Bodenlockerung und -fruchtbarkeit wahre Wunder vollbringt. Eine Studie aus Frankreich konnte zeigen, dass in Böden mit Pestizidrückständen die Vitalität der Regenwürmer beeinträchtigt war.

Schweizerhalle

Hier ereignete sich am 1. November 1986 der grösste Chemieunfall der Schweizer Geschichte. Auslöser war ein Grossbrand auf dem Areal des Chemiekonzerns Sandoz (heute Novartis). Vermischt mit dem Löschwasser, gelangten rund dreissig Tonnen verschiedener Pestizide in den Rhein und lösten ein Fischsterben auf einer Länge von 400 Kilometern aus. Das Ökosystem des Rheins blieb für Jahre beschädigt. So begünstigte das Unglück zum Beispiel die Einwanderung exotischer Arten. Durch Löschwasser, das versickerte, sind der Boden und das Grundwasser am Standort Schweizerhalle bis heute belastet. Als Folge des Unglücks entstand bei Weil am Rhein die wahrscheinlich genauste Messanlage an einem Gewässer weltweit. Sie untersucht die Belastung des Rheins kurz nach der Schweizer Grenze.

Trinkwasser

Wird in der Schweiz zu einem grossen Teil aus Grundwasser gewonnen. Die Qualität des Grundwassers muss gemäss Gesetz so gut sein, dass eine einfache Reinigung genügt, damit daraus Trinkwasser wird. Wegen der Abbauprodukte einiger Pestizide (→ Chlorothalonil, → Atrazin) erfüllt das Grundwasser diese Anforderung vor allem an Fassungen im Mittelland nicht mehr. Die Rückstände lassen sich nicht mehr herausfiltern. Bis sie durch die Grundwassererneuerung ausgespült sind, kann es Jahre dauern.

Umweltziele Landwirtschaft

Vom Bund 2008 festgesetzte und 2016 leicht angepasste Zielsetzungen, wie die Schweizer Landwirtschaft nachhaltig werden soll. Bei der letzten Auswertung wurde keines der Ziele erreicht. Einzelne Punkte wie die Grundwasserbelastung mit Pestiziden und deren Abbauprodukten haben sich seither sogar verschlechtert (→ Trinkwasser, → Chlorothalonil). Verbesserungen soll der «Aktionsplan Pflanzenschutzmittel» bringen, der 2017 vom Bund verabschiedet wurde. Dessen wichtigstes Ziel – eine Halbierung der Pestizidrisiken bis 2027 – ist seit kurzem auch gesetzlich verankert.

Verwirrungstechnik

Alternative zum Einsatz von Pestiziden gegen unerwünschte Insekten. Artspezifische Botenstoffe (Pheromone) stören die Insekten bei ihrem Paarungsverhalten. Diese können sich in der Folge schlechter vermehren. Die Technik ist mittlerweile auch in der konventionellen Landwirtschaft sehr beliebt.

WirtschaftsprüferInnen

Im Auftrag verschiedener Bundesämter veröffentlichte KPMG im Jahr 2019 einen Bericht, der das Zulassungsverfahren für Pestizide untersuchte, und stellte gravierende Mängel fest (mangelnde Transparenz, ungenügende Unabhängigkeit der Zulassungsinstanzen, zu geringe Gewichtung des Umweltverhaltens eines Pestizids). Erste Anpassungen beim Zulassungsverfahren wurden vor kurzem gemacht.

Xylella fastidiosa

Bakterium, das verschiedene Pflanzenkrankheiten auslöst, etwa bei Reben, Pfirsich- und Zitrusbäumen. Übertragen wird es von saugenden Insekten wie Zikaden. Besonders dramatisch sind die Folgen für Olivenbäume, die in vielen Ländern des Mittelmeerraums grossflächig absterben. Da man befallene Bäume nicht behandeln kann, setzt man → Insektizide ein, um die Übertragung zu stoppen – mit mässigem Erfolg.

Y-Chromosom

Das Symbol für Männlichkeit ist in Gefahr: Viele Pestizide, etwa → Atrazin und → DDT, sind sogenannte endokrine Disruptoren, die das Hormonsystem durcheinanderbringen. DDT kann bei Männern zu verkümmerten Sexualorganen und einem tiefen Testosteronspiegel führen, bei Frauen steht es im Verdacht, den Zyklus zu stören und Endometriose zu verursachen.

Züchtung

Alternativ zum Spritzen von Pestiziden setzt die landwirtschaftliche Forschung immer stärker auf Züchtungen robuster Sorten. Besonders bekannte Beispiele sind die sogenannten Piwi-Sorten: Diese Traubensorten wurden durch gezielte Züchtung gegen Pilzerkrankungen wie den Falschen Mehltau widerstandsfähig gemacht.

Mitarbeit: Bettina Dyttrich.

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