Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Wenn makabre Wespen helfen

Die Kritik an Pestiziden reisst nicht ab. Die Bioforschung entwickelt vielfältige Alternativen und zeigt: Es geht nicht nur um weniger giftige Mittel – sondern darum, Ökosysteme als Ganzes zu denken.

Von Bettina Dyttrich

Vielfältige Wildsträucher locken Tiere an, die Schädlinge fressen: Claudia Daniel im Apfelgarten des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL). Foto: Florian Bachmann

Die beiden Initiativen «für sauberes Trinkwasser» und «für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» kommen wohl erst 2020 an die Urne. Doch der Abstimmungskampf hat längst begonnen. Kaum eine regionale bäuerliche Versammlung, an der die Vorlagen nicht zur Sprache kommen. Viele LandwirtInnen fürchten die Initiativen, die bei einem Ja die Schweizer Landwirtschaft radikal verändern würden: Die eine will Bauernbetrieben, die Pestizide verwenden, die Direktzahlungen streichen. Die andere zielt auf ein Verbot von synthetischen Pestiziden (vgl. «‹Äpfel mit Flecken kaufen›» im Anschluss an diesen Text).

Claudia Daniel ist Pflanzenschutz- und Insektenspezialistin. Obwohl sie am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick arbeitet, hat sie auch oft mit konventionellen LandwirtInnen zu tun. «Inzwischen sind viele Nicht-Biobauern offen für Alternativen», sagt Daniel. «Die Debatten über Pestizide haben sie nachdenklich gemacht.»

Lärche statt Kupfer

Immer neue Forschungen zeigen dramatische Resultate: Global sterben die Insekten, und zwar schnell. Eine kürzlich im Fachmagazin «Biological Conservation» erschienene Studie schätzt, dass über vierzig Prozent aller Insektenarten vom Aussterben bedroht sind. Pestizide sind einer der Hauptgründe dafür. Ein anderer ist der Lebensraumverlust wegen Überbauung und Verstädterung.

Aphidius colemani macht ihren Job: Die Schlupfwespe legt ihre Eier in Blattläuse, ihre Nachkommen fressen diese von innen her auf. Foto: Denis Crawford, Alamy

Allerdings kommt der Biolandbau in den hitzigen Pestiziddiskussionen zum Teil selbst unter Druck. Denn auch BiobäuerInnen kommen nicht immer ohne Spritzmittel aus, besonders im Gemüse-, Obst- und Weinbau. Laut Biorichtlinien müssen die Mittel natürlichen Ursprungs, also zum Beispiel aus Pflanzen oder Mineralien hergestellt sein. Harmlos sind sie deswegen aber nicht unbedingt.

Besonders wegen des Einsatzes von Kupfer steht der Biolandbau immer wieder in der Kritik, obwohl achtzig bis neunzig Prozent der Kupferanwendungen im Pflanzenschutz auf das Konto der konventionellen Landwirtschaft gehen. Kupfer funktioniert sehr gut gegen Pilzkrankheiten, die biologisch sonst schwierig zu bekämpfen sind. Allerdings reichert es sich im Boden an und kann dort empfindlichen Lebewesen schaden. Verschiedene europäische Forschungsinstitute suchen intensiv nach einem Ersatz. Auch das FiBL.

«Als wir begannen, war kein taugliches Ersatzprodukt auf dem Markt», sagt FiBL-Pflanzenschutzexperte Lucius Tamm. «Also fingen wir ganz von vorne an.» In Zusammenarbeit mit dem pharmazeutischen Institut der Universität Basel und weiteren Partnern prüften sie über 2500 Pflanzen- und Pilzextrakte sowie Nebenprodukte aus der Forstindustrie. Sie wurden fündig: «Ich weiss heute von vier bis fünf Substanzen, die eine sehr viel bessere Wirkung gegen Pilzkrankheiten zeigen als alle Alternativen, die wir vorher kannten», sagt Tamm. «Zwei davon wurden von uns weiterentwickelt, drei von anderen Institutionen.»

Der am weitesten entwickelte Stoff heisst Larixyne und ist ein Extrakt aus Lärchenrinde. Der alpine Nadelbaum gilt als sehr robust und langlebig – kein Wunder, finden sich in seiner Rinde Substanzen, die ihn vor Pilzen schützen. Die Lärche erfüllt auch ein weiteres wichtiges Kriterium: «Das Material muss in vernünftigen Mengen vorhanden sein», sagt Tamm. Trotzdem steht die Entwicklung eines marktreifen Produkts vor vielen Hürden: «Es ist extrem schwierig, ein gut wirksames, sicheres Naturprodukt zu finden, das in der Produktion nicht extrem teuer wird.» Die ForscherInnen haben bereits Extraktionsverfahren getestet, an der Zusammensetzung des Mittels getüftelt, die Giftigkeit abgeklärt und ein Patent angemeldet – das die Forschung mitfinanziert. «Tests in der Schweiz, im norditalienischen Trentino und in Griechenland zeigen, dass Larixyne in feuchtem, aber auch in sehr trockenem Klima auf Reben funktioniert», sagt Tamm. Er hofft, dass das Lärchenextrakt in fünf bis sieben Jahren auf den Markt kommt.

Platz und Futter für die Gegenspieler

«Die Suche nach umweltschonenden Mitteln ist wichtig», sagt Tamms Kollegin Claudia Daniel. «Aber man darf nicht vergessen, dass Biopflanzenschutz viel mehr ist. Es geht nicht nur darum, problematische Mittel durch weniger problematische zu ersetzen.» Das FiBL stellt den biologischen Pflanzenschutz als Pyramide dar. Da steht der Einsatz von Biospritzmitteln zuoberst, in der Spitze: Er soll nur die letzte Möglichkeit sein. Die Basis, also die unterste Stufe der Pyramide, bilden die Vernetzung und Aufwertung der Landschaft, das ganze Ökosystem. «Die Natur braucht Rückzugsräume», sagt Daniel. «Und die Landwirtschaft braucht diese Rückzugsräume auch, nur ist das vielen zu wenig bewusst. Verschiedene Forschungen zeigen klar, dass in vielfältigen Landschaften der Schädlingsbefall geringer ist, denn die natürlichen Gegenspieler können sich besser halten.»

Natürliche Gegenspieler? Das sind zum Beispiel Spinnen, die Blattläuse fangen, oder Fledermäuse, die im Flug den Apfelwicklern nachstellen – jenen Schmetterlingen, deren Larven als Maden in Äpfeln leben. Makabrer treiben es die Schlupfwespen: Die winzigen Insekten legen ihre Eier in verschiedene Schädlinge, deren Larven und Puppen, die Nachkommen fressen ihre Wirte von innen her auf.

Und ein Beispiel für eine vielfältige Landschaft findet sich auf dem FiBL-Gelände, gleich neben dem Parkplatz: Überall wachsen Hecken. Da hängen noch die roten Schneeballbeeren vom Herbst, daneben blühen Weiden als frühes Bienenfutter. Ein Zilpzalp kündigt mit seinem typischen Ruf den Frühling an.

Auf der zweiten Stufe der FiBL-Pflanzenschutzpyramide steht die Wahl von Standort und Sorte. Damit lässt sich viel erreichen: Manche Apfel- und Rebsorten sind robust genug, um sich ohne Spritzmittel gegen Pilzkrankheiten zu wehren – nur sind es nicht die bekannten und beliebten wie Gala oder Pinot. Zu dieser Stufe der Pyramide gehören auch anbautechnische Massnahmen, wie die Forscherin im FiBL-Apfelgarten zeigt: MitarbeiterInnen haben im Innern der Baumkrone alle Blatt- und Blütenknospen entfernt. Damit finden Blattläuse dort keine Nahrung, müssen sich auf die Äste hinauswagen – und werden eher gefressen. Manchmal bekommen auch bisher übersehene Details plötzlich eine Bedeutung für den Pflanzenschutz. So hat sich gezeigt, dass die gefürchtete Kirschessigfliege, die aus Asien stammt und Weintrauben in stinkenden Essig verwandelt, bei manchen Traubensorten buchstäblich keinen Stich hat: Sie kann Trauben mit relativ harten Schalen nicht beschädigen.

Auf dritter Stufe der Pyramide steht die direkte Nützlingsförderung. Die Vorbereitung dafür sieht man ebenfalls auf dem FiBL-Gelände: Zwischen den Apfelbaumreihen sind Streifen gepflügt. Hier werden Blumen gesät, die genau auf die Bedürfnisse der Apfelnützlinge abgestimmt sind. «Apfelbäume haben viele verschiedene Schädlinge, also brauchen sie auch viele Nützlinge – vom Marienkäfer bis zur Schlupfwespe», erklärt Daniel. «Im Blühstreifen muss für alle etwas dabei sein.»

«Man hat die Natur nie verstanden»

Reicht die Nützlingsförderung nicht, kommt die nächste, vierte Stufe zum Zug: Nützlinge, Bakterien oder Viren werden gezielt aus- und eingesetzt. Das Granulosevirus zum Beispiel macht den Apfelwickler krank, verschont aber andere Insekten.

Eine erfolgreiche Form des biologischen Pflanzenschutzes ist die Verwirrungstechnik: Der Sexuallockstoff von weiblichen Insekten wird über einen ganzen Obstgarten verteilt – so finden die Männchen die Weibchen nicht mehr. Diese Methode hat weit über den Biolandbau hinaus Verbreitung gefunden, zum Beispiel in den grossen Apfelplantagen in Südtirol. «Dort riechen während der Saison ganze Täler danach», erzählt Claudia Daniel. «In der Schweiz sind die Betriebe vergleichsweise klein. Umso wichtiger wäre bei solchen Massnahmen eine Zusammenarbeit – sonst wandern die Schädlinge einfach vom Nachbarhof wieder ein.»

Ein Spritzmittel auszutauschen, ist einfach, ein ganzes Ökosystem mitzudenken, viel komplexer. Ein Gespräch mit Claudia Daniel ist eine Reise durch diese Komplexität. «Man hat die Natur nie verstanden», sagt sie. «Man kann nur hinschauen und versuchen zu sehen, wie alles zusammenhängt.»

Die Forschung am FiBL zeigt: Wer sich auf das vernetzte Denken einlässt, hat vielfältige Möglichkeiten im Pflanzenschutz. Doch es bleibt noch viel zu tun, bis diese Methoden in der gesamten Landwirtschaft Standard werden.

Pestizid-Initiativen

«Äpfel mit Flecken kaufen»

Zwei Initiativen – beide bereits zustande gekommen – möchten den Pestizideinsatz in der Schweiz radikal begrenzen. «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» der Westschweizer Stiftung Future 3.0 hat das Ziel, synthetische Pestizide zu verbieten, schränkt also den Biolandbau nicht ein. Konsequent sollen auch Importlebensmittel, die mit solchen Pestiziden hergestellt wurden, nicht mehr zulässig sein – also alle Nicht-Bioprodukte.

Die Trinkwasserinitiative hat einen anderen Zugang: Wer Pestizide einsetzt, Antibiotika in der Tiermedizin prophylaktisch braucht oder mehr Tiere hält, als das eigene Land ernähren kann, soll keine Direktzahlungen mehr erhalten – und ohne sie können die wenigsten Bauernbetriebe auskommen. Die Initiative hat für Kontroversen gesorgt, weil es keine offizielle Definition dafür gibt, was ein Pestizid ist: Gehören auch Biomittel dazu (siehe WOZ Nr. 46/2017)? Das Initiativkomitee schreibt, «nicht toxische, für Mensch und Natur völlig unproblematische Substanzen» seien keine Pestizide. Problematischere Substanzen wie Kupfer seien ebenfalls nicht gemeint, sollten aber in den nächsten zwanzig Jahren ersetzt werden.

Die beiden Initiativen haben bereits viel ausgelöst und halten den Druck auf die Branche aufrecht, den Pestizideinsatz zu reduzieren. Allerdings sehen auch viele BiolandwirtInnen die Vorlagen kritisch, insbesondere die Trinkwasserinitiative. Die Vorlage könnte dazu führen, dass viel mehr Lebensmittel importiert würden und sich das Problem einfach ins Ausland verlagere, so eine häufige Kritik.

Auch Claudia Daniel, Pflanzenschutzspezialistin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick, hat Bedenken – obwohl sie selber Ja stimmen will. «Die Initiativen wären ein Schritt in die richtige Richtung», sagt sie. «Aber die Landwirtschaft als Ganzes ist momentan schlicht nicht vorbereitet. Wir können den Bauern nicht die Verantwortung für die ganzen Fehlentwicklungen geben, an denen auch die chemische Industrie, der Lebensmittelhandel und die Konsumenten ihren Anteil haben.»

Bei einem Ja wäre eine starke finanzielle Unterstützung der LandwirtInnen nötig, damit sie die Umstellung schafften, sagt die Forscherin. «Man müsste die Schweizer Produktion schützen, damit nicht einfach alles importiert wird. Und die Konsumenten müssten dann halt wirklich die Äpfel mit den Flecken kaufen – und dafür das Doppelte bezahlen.»

Bettina Dyttrich

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch