Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

Die Impfung ist ein Privileg

Von Sarah Schmalz

Woher kommt eigentlich das Verständnis für Menschen, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen? Jeder habe das Recht, selbst zu entscheiden, ob er sich schützen wolle, ist überall zu lesen. Klar, es gibt ein Grundrecht auf Selbstbestimmung, und die Impfung ist ein Eingriff in die körperliche Integrität. Dennoch ist die Sache komplizierter. Dass die dritte Infektionswelle gebrochen werden konnte, ist der Impfkampagne zu verdanken. Ohne die Vakzine lebten wir noch immer im Ausnahmezustand mit Lockdowns und harten Einschränkungen für das persönliche Leben. Zwar hat inzwischen rund die Hälfte der Bevölkerung eine erste Impfung erhalten, doch nun stockt die Impfkampagne. Statt Andrang herrscht in den Impfzentren zunehmend Leere. Die meisten Kantone gehen davon aus, dass sie bis im Herbst statt der vom Bundesrat anvisierten 75 Prozent nur rund 60 Prozent der Bevölkerung werden impfen können.

Es gibt das sogenannte Präventionsparadox: Sind Präventionsmassnahmen erfolgreich, erkennen manche ihre Notwendigkeit nicht mehr. Das gilt auch für die Impfung. Bei vielen macht sich angesichts der scheinbar entspannten Coronalage der Eindruck breit, die Pandemie werde sich auch ohne ihr Zutun ausschleichen. Doch eine hohe Impfquote ist die einzige Chance, diese Pandemie schnell zu beenden. Je mehr Menschen ungeimpft bleiben, desto länger wird das Virus zirkulieren. Die Gefahr, dass neue Mutanten auftreten, steigt. Möglich sind dann auch Varianten, gegen die die aktuellen Impfstoffe nicht schützen.

Wer sich also nicht impfen lässt, gefährdet mit seinem individuellen Entscheid die Gesundheit aller. Seit vergangener Woche steigen auch in der Schweiz die Coronazahlen wieder. In den nächsten Wochen wird sich die Deltavariante durchsetzen, sie ist gemäss aktuellem Forschungsstand rund 60 Prozent ansteckender als die derzeit noch vorherrschende Alphavariante. Was bedeutet: Für eine Herdenimmunität bräuchte es nun eine Impfquote von rund 80 Prozent. Breitet sich unter den Ungeimpften eine vierte Welle aus, wird das auch die Spitäler und das erschöpfte Gesundheitspersonal weiter belasten.

Was ist also zu tun? Zuallererst muss viel deutlicher gemacht werden, dass diese Impfung nicht gefährlich ist. Auch jenseits der klassischen Verschwörungs- und Impfskeptikerszene halten sich hartnäckig falsche Mythen rund um die Coronavakzine. Viele Impfunwillige plagt eine diffuse Angst vor dem Piks. Eines ihrer Hauptargumente ist, dass noch nicht erforscht sei, welche Spätfolgen eine Coronaimpfung haben könnte. Doch beruht diese Annahme auf einem Missverständnis: Zwar kann es bei manchen Impfungen in sehr seltenen Fällen durchaus zu andauernden Impfschäden kommen. Doch Spätfolgen im Sinne von Krankheiten, die erst nach Jahren auftreten, sind bei Impfungen gemäss ExpertInnen generell nicht bekannt. Nebenwirkungen treten innerhalb weniger Stunden oder Tage auf, selten nach ein paar Wochen. Bei den hierzulande verabreichten Vakzinen sind nach Millionen verimpfter Dosen kaum ernsthafte Nebenwirkungen nachgewiesen. Zehn von einer Million Geimpften erleben nach der Impfung einen allergischen Schock, der jedoch gut behandelbar ist. Untersucht wird derzeit ein Zusammenhang zwischen der Impfung und Herzmuskelentzündungen. Die Gefahr, eine solche zu erleiden, ist bei einer Coronaerkrankung aber exorbitant höher.

Sich impfen lassen zu können, ist ein ungeheures Privileg. In vielen ärmeren Ländern werden die Menschen noch jahrelang ungeschützt dem Virus ausgeliefert sein.

Angesichts dessen muss der Bundesrat vermehrt Überzeugungsarbeit leisten und die Impfungen gleichzeitig noch zugänglicher machen, in Schulen, Unternehmen, Universitäten. Er sollte zudem klar kommunizieren, dass sich auch die Menschen impfen lassen sollen, die nicht zur Risikogruppe gehören. Wirkung zeigen würde wohl, wenn man Ungeimpften einen Impftermin zuschicken würde. Die ideologisch Verblendeten liessen sich zwar so nicht erreichen, aber vielleicht einige der Impffaulen und Unentschlossenen.

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