Nr. 32/2021 vom 12.08.2021

Kein Grund zur Panik

Die Fallzahlen steigen, die Impfkampagne stockt. Und nun beginnt das neue Schuljahr. Wie gefährdet sind Kinder und Jugendliche?

Von Ayse Turcan und Renato BeckMail an AutorIn

Jugendliche warten in Giubiasco auf die Spritze: Im Tessin werden auch unter Sechzehnjährige geimpft. Foto: Alessandro Crinari, Keystone

Dass Kinder jeden Alters sich mit dem Coronavirus infizieren, daran erkranken und das Virus weitergeben können, ist heute unbestritten. Noch immer geht man allerdings davon aus, dass Kinder und Jugendliche nur selten von einem schweren Krankheitsverlauf betroffen sind. Kinderarzt Christoph Berger bestätigt diesen Befund. Er leitet die Abteilung für Infektiologie am Kinderspital Zürich und präsidiert die Eidgenössische Kommission für Impffragen (Ekif). Kinder seien in dieser Pandemie viel weniger betroffen als Erwachsene. «Bei anderen Viren ist es genau umgekehrt», sagt Berger, etwa beim Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV), das bei Säuglingen und Kindern zu Fällen akuter Bronchitis führen kann. Er relativiert auch die Hospitalisierungszahlen in der Schweiz, da viele Kleinkinder mit Fiebersymptomen ins Spital gebracht würden, um die Ursache abzuklären und gefährliche bakterielle Infekte auszuschliessen. «Viele der ganz Kleinen sind zwar mit, aber nicht wegen Covid hospitalisiert.»

Eine aktuelle Studie aus Baden-Württemberg stützt diese Einschätzungen. Für die «Covid-19-Familienstudie» untersuchten WissenschaftlerInnen verschiedener Universitäten über 300 Familien, in denen eine Coronainfektion festgestellt wurde. Dabei zeigte sich, dass sich Kinder innerhalb der Familien deutlich seltener ansteckten als Erwachsene und bei ihnen der Verlauf meist deutlich milder war.

Mehr Unklarheit herrscht bezüglich der Verbreitung von Long Covid bei Kindern. «Ein schwieriges Thema», sagt Berger. Nach aktuellem Wissensstand könne man davon ausgehen, dass Long Covid bei Kindern weniger häufig auftrete, die Datenlage sei aber schlecht. «Wir hatten bloss eine Handvoll Long-Covid-Fälle am Kinderspital in Zürich.» Es sei insbesondere schwierig, zwischen Long Covid, Post-Covid und Husten, wie man ihn auch nach anderen Infektionen sehe, zu unterscheiden. «Grundsätzlich kann man sagen, dass es Kinder gibt, die länger brauchen, um sich zu erholen.» Zum Thema Long Covid bei Kindern und Jugendlichen wurden in den vergangenen Wochen verschiedene Studien, vor allem aus dem englischsprachigen Raum, publiziert, die zum Schluss kommen, dass ein kleiner Prozentsatz der Betroffenen auch mehrere Wochen oder gar zwei Monate nach einer Infektion unter Symptomen leidet – dass dies aber weitaus häufiger diejenigen betrifft, die hospitalisiert waren.

Etwa hundert PIMS-Fälle

Abgesehen von Long Covid können Kinder und Jugendliche bis neunzehn Jahre auch am sogenannten Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) erkranken. Diese Entzündungsreaktion des Immunsystems erfolgt in der Regel drei bis vier Wochen nach einer Infektion mit Covid-19 und äussert sich mit Symptomen wie hohem Fieber, Magen-Darm-Beschwerden und Hautausschlägen. In den meisten weltweit dokumentierten Fällen schwer erkrankter Kinder mussten diese ins Spital eingewiesen werden, etwa die Hälfte der Betroffenen benötigten intensivmedizinische Versorgung. In der Schweiz sind bisher rund 100 Fälle bekannt, wovon etwa 25 in Zürich behandelt wurden. Die Betroffenen haben sich mittlerweile erholt, werden jedoch nachbeobachtet. Kinderarzt Berger vermutet, dass es mit steigenden Infektionszahlen aufgrund der Deltavariante auch zu mehr PIMS-Fällen kommen könnte. Abgesehen davon sieht er Kinder und Jugendliche als nicht sonderlich gefährdet.

Als Präsident der Ekif ist Christoph Berger mitverantwortlich für die Herausgabe der Covid-19-Impfstrategie des Bundes. Seit dem 22. Juni sind darin auch Jugendliche von zwölf bis fünfzehn Jahren als Impfzielgruppe enthalten; explizit empfohlen wird die Impfung für diese Altersgruppe aber nur jenen, die sich impfen lassen wollen. «Wir möchten nicht ausgerechnet bei den Jungen grossen Druck aufsetzen, während so viele Erwachsene noch nicht geimpft sind», erklärt Berger die Zurückhaltung. Eine individuelle Nutzen-Risiken-Abwägung spielt hier eine wichtige Rolle. Die Abwägung zwischen der Gefahr, schwer an Covid zu erkranken, und den Begleiterscheinungen einer Impfung könne für eine junge Person, die sich in der Schule oder Ausbildung befinde, etwas anderes bedeuten als für eine sechzigjährige. Abgesehen vom Vakzin von Pfizer/Biontech, das seit Anfang Juni für Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen ist, hat Swissmedic am Montag auch den Impfstoff von Moderna für diese Altersgruppe zugelassen. Die Ekif wird in den nächsten Wochen über dessen Aufnahme in die Impfstrategie beraten. Für Kinder unter zwölf Jahren existiert im Moment noch keine Impfung; mehrere Vakzine befinden sich aber in der Testphase für diese Altersgruppe.

Die Rolle der Schulen

Die Schweizer Schulen werden allerdings kaum eine aktive Rolle bei Impfkampagnen spielen. Nur der Kanton Aargau plant, an Kantonsschulen Jugendlichen direkt vor Ort die Impfung anzubieten. Die Aktion soll noch vor den Herbstferien starten. Luzern teilt mit, über Impfungen zu informieren sei nicht die Aufgabe der Schulen. Baselland verteilt immerhin die Informationen über die Impfkampagne des BAG an den Sekundarschulen und verschickt sie an die Eltern. Im Kanton Bern wiederum entscheiden die Schulen selber, ob sie die Infos weitergeben wollen. Und der Kanton Thurgau informiert zwar seine SchülerInnen nicht, gewährt aber einen Unterrichtsdispens für einen Impftermin.

Thomas Minder, Präsident des Schulleiterverbands, erachtet es «als sehr kritisch, wenn Schulen Impfkampagnen durchführen». Er finde es richtig, die Impfung den Leuten näherzubringen, Hürden abzubauen. «Es darf aber nicht sein, dass Schulen Gesundheitsdaten in die Hände bekommen und wissen, welche Schüler geimpft sind und welche nicht.» Auch befürchtet Minder, dass sich Jugendliche nicht aus Überzeugung impfen lassen könnten, sondern aufgrund sozialen Drucks. «Wir dürfen niemanden ausschliessen», fordert er. Damit die Kluft, die durch die Gesellschaft geht, nicht auch den Pausenplatz spaltet.

Nicht nur beim Impfen stellt sich die Frage, ob es richtig ist, die Schulen in den Fokus der Pandemiebekämpfung zu rücken. Der Kanton Basel-Stadt etwa testet seit Juni systematisch zweimal pro Woche sämtliche Schulklassen der Primarstufe und der Kindergärten. Dabei wurden kaum positive Fälle registriert. Im Durchschnitt stellten die Behörden wöchentlich nur in zwei von über 700 Klassen Coronainfektionen fest – allerdings in einer Periode, als die Fallzahlen schweizweit eher tief waren. Das Basler Erziehungsdepartement sieht jedenfalls keinen spezifischen Handlungsbedarf in den Schulen: «Coronavirus-Übertragungen im Unterrichtszimmer finden sehr selten statt. Die meisten Ansteckungen passieren in der Familie und in der Freizeit.»

Die Zürcher Ciao-Corona-Studie, bei der 2500 SchülerInnen alle paar Monate getestet werden, bestätigte den Befund, dass Schulen keine Infektionstreiber sind. Bislang jedenfalls: Ob die Schutzkonzepte in den Schulen mit der weitaus ansteckenderen, aktuell dominierenden Deltavariante funktionieren, weiss niemand. Dabei bietet sich die Schweiz einmal mehr als eine interessante Feldstudie an. Denn einheitliche Schutzkonzepte gibt es nicht. Deutschschweizer Kantone sind tendenziell weniger vorsichtig als Westschweizer, aber selbst innerhalb der Kantone, teilweise von Gemeinde zu Gemeinde, gibt es grosse Unterschiede bezüglich geltenden Regeln. Eine Situation, die für die Menschen schwer nachvollziehbar sei, findet Schulleiterpräsident Thomas Minder: «Es wäre wirklich wichtig, dass schweizweit alle Bemühungen in die gleiche Richtung gehen.»

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