Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Kann eine Ehe zwischen Frauen subversiv sein?

Die Ehe habe immer dazu gedient, Menschen aus der Gesellschaft auszuschliessen, sagt die Philosophin und Geschlechterforscherin Patricia Purtschert. In der aktuellen Diskussion um die Ehe für alle macht sie auch rassistische Tendenzen aus.

Von Alice Galizia (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Wer heiratet, passt sich in eine bürgerliche Ordnung ein»: Patricia Purtschert.

WOZ: Patricia Purtschert, wenn die Ehe für alle durchkommt: Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Partnerin zu heiraten?
Patricia Purtschert: Als Ritual bedeutet mir das Heiraten nichts. Für die Organisation unserer Familie waren die rechtlichen Aspekte aber enorm relevant. In unserem Alltag ist es zentral, dass wir beide als Eltern anerkannt werden. Es geht um so einfache Dinge: etwa, dass wir beide mit den Kindern zur Ärztin gehen, mit ihnen über die Grenze fahren, sie in der Schule anmelden können. Wir haben das, mühsam genug und über viele Jahre, mit der Stiefkindadoption gelöst. Für einige aus der queeren Community ermöglicht die Öffnung der Ehe den Zugang zu grundlegenden Rechten auf viel einfachere Weise. Darum bin ich unbedingt dafür, dass sie eingeführt wird.

Interessiert Sie die Ehe auch als Forscherin?
Auf jeden Fall. Ich bin geprägt von der feministischen Kritik an der Ehe – die Ehe als Instrument männlicher Herrschaft und zur Sicherung von Eigentum. Sie ist ein Kristallisationspunkt, an dem sich vieles zeigt – wie etwa der Staat das Private schützt, aber auch darin eingreift, wie Menschen und ihre Lebensweisen unterschiedlich bewertet und behandelt werden. Bei der Ehe für alle ist es bezeichnend, dass wiederum neue Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Paaren eingeführt werden, gerade was die Elternschaft angeht: Bei einem lesbischen Paar will der Staat wissen, wer der Spermaspender ist, und man muss medizinisch assistiert schwanger werden, wenn man will, dass beide Ehepartnerinnen von Geburt an als Mutter anerkannt werden. Diese Regelung schafft eine fundamentale Ungleichbehandlung. Denn bei heterosexuellen Paaren wird der Ehepartner bei Geburt des Kindes zum Vater, ohne dass abgeklärt wird, ob er auch der biologische Erzeuger ist. Das Gesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es herrscht eben immer noch ein bestimmtes Ehe- und Familienbild. Das wird jetzt nicht einfach so überwunden.

Kann eine Ehe zwischen zwei Frauen denn nicht auch subversiv sein?
Sicher verändern sich traditionelle Bilder der Ehe dadurch, dass zwei Frauen oder zwei Männer heiraten können. Aber wir müssen auch darüber nachdenken, was es mit uns macht, denn mit dem Heiraten passen wir uns in eine bürgerliche Ordnung ein. Und wir müssen uns damit auseinandersetzen, wer zurzeit aus welchen Gründen in diese Institution integriert wird – und wer nicht. Denn auch wenn wir die Abstimmung gewinnen, ist die Ehe noch lange nicht für alle.

Wie meinen Sie das?
Nehmen wir das Beispiel «Scheinehe». Oft werden Eheschliessungen zwischen SchweizerInnen und MigrantInnen als verdächtig betrachtet, untersucht und manchmal verboten. Menschen aus bestimmten Ländern, oftmals ehemaligen Kolonien, wird es so schwer gemacht, in der Schweiz zu heiraten – man will ja nicht den Falschen die erleichterte Einbürgerung ermöglichen. Dahinter stehen rassistische Vorstellungen davon, wer zur Schweiz gehören soll und wer nicht. Für mich stellt sich die Frage: Können wir eine Politik entwerfen, die die Kämpfe gegen solche unterschiedlichen Formen des Ausschlusses miteinander verbindet?

Sehen Sie in der Argumentation der GegnerInnen der Ehe für alle im Allgemeinen eine Verschränkung mit rassistischen Diskursen?
Wenn nette, weisse, christlich sozialisierte und gut verdienende Lesben und Schwule endlich gleich genug scheinen, um rechtlich gleichgestellt werden zu dürfen: Wer wird dann zurückgelassen, auch innerhalb der queeren Community? Wo werden neue Linien gezogen? Die Ehe und die staatliche Kontrolle der Reproduktion, die auch in diesem Fall stark zusammengedacht werden, haben historisch gesehen schon immer auch mit «race» zu tun. In der Schweiz vielleicht nicht so explizit wie in Ländern mit Kolonien, aber auch hier ging es darum, wie man sich als Nation imaginiert. Die Schweiz als weisser Raum – und was getan werden muss, damit das so bleibt.

Wie erleben Sie den Abstimmungskampf?
Es ist schwer zu ertragen, wie medial zwei Seiten geschaffen werden. Die GegnerInnen der Ehe für alle bringen lesben- und schwulenfeindliche Argumente, die wie gleichwertige Meinungen zu den Pro-Argumenten behandelt werden. Aber Homophobie ist keine Meinung. Ich verfolge viele Diskussionen nicht, weil sie zu verletzend sind.

Ärgert Sie auch an der Pro-Seite etwas?
Mich ärgert, dass wir gezwungen sind, uns an den Argumenten der Gegnerschaft abzuarbeiten. Und dass andere Fragen dabei zu kurz kommen. Wie bringen wir etwa den aktuellen Kampf für mehr Rechte zusammen mit der feministischen und antirassistischen Kritik an der Ehe? Diese Diskussion würde mich viel mehr interessieren. Die Vorstellung, die Öffnung der Ehe sei die lang ersehnte Lösung für alles – im weissen Kleid heiraten, die Liebe staatlich bestätigt kriegen –, damit kann ich nicht viel anfangen. Für mich ist die Frage viel aufregender, welche anderen Visionen des Zusammenlebens wir uns ausdenken könnten.

Patricia Purtschert (48) ist Philosophin, Kulturwissenschaftlerin und Koleiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern. Sie sagt, als lesbische Mutter sei sie ein Schreckgespenst der patriarchalen Gesellschaft. Davon erzählt sie in der nächsten Folge.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch