Durch den Monat mit Patricia Purtschert (Teil 2) : Fehlen der Gesellschaft wirklich die Väter?

Nr.  36 –

Mehr Sichtbarkeit kann auch mehr Kontrolle bedeuten: Patricia Purtschert über die Irritation, die eine Familie mit zwei Müttern immer noch auslösen kann – und warum sie nicht von Samenspende redet.

«Die lesbische Familie ist so etwas wie ein Schreckgespenst des patriarchalen Systems», sagt Patricia Purtschert.

WOZ: Patricia Purtschert, in der aktuellen Diskussion um die Ehe für alle geht es oft um die lesbischen Mütter. Trägt die Abstimmung auch zu mehr Sichtbarkeit lesbischer Lebensweisen bei?
Patricia Purtschert: Das ist sicher ein positiver Aspekt der Debatte. Vorher ging es oft um Männerpaare, auch beim Thema Kinder – was auch wichtig ist. Aber es sind eben doch signifikant mehr Frauenpaare, die Kinder haben oder wollen. Da hat sich nun etwas verschoben: Wir sprechen endlich mehr über die lesbischen Mütter. Das hat allerdings auch einen Preis.

Welchen?
Die Sichtbarkeit richtet sich oft an einem heterosexuellen Modell aus, im Sinne von: «Wir sind genauso gut wie ihr.» Und mehr Sichtbarkeit bedeutet mehr Aufmerksamkeit – auch seitens des Staats. Das kann zu mehr Kontrolle führen. Das neue Gesetz etwa anerkennt die Elternschaft beider Mütter nur dann, wenn sie ärztlich assistiert werden und über eine Schweizer Spermabank Kinder bekommen. Da geht es darum, dass der Staat wissen will – und später auch das Kind erfahren soll –, wer der genetische Vater ist.

Warum ist das ein Problem?
Es ist ironisch, dass Lesben in der aktuellen Debatte ständig vorgeworfen wird, künstlich, sprich: mit Hightechmitteln, schwanger zu werden. Gleichzeitig wird ihnen die Anerkennung der Elternschaft bei selbstorganisierten Zeugungen verweigert, die völlig low-tech sind: wenn Frauen etwa die Spermaspende von einem Mann aus der Bekanntschaft bekommen, wie das heute oft gemacht wird. Viel sogenannt natürlicher geht es eigentlich nicht. Kommt hinzu, dass die Hightechvariante auch viel mehr kostet: So werden wiederum Frauen von dieser Möglichkeit ausgeschlossen, die es sich finanziell gar nicht leisten können, auf diese Weise Kinder zu bekommen.

Finden Sie, Frauen sollten das Recht haben, die Identität des Spenders geheim zu halten?
Das ist eine interessante Frage, die wir uns als Feministinnen unbedingt stellen müssen. Ich finde schon, dass eine Frau gute Gründe dafür haben kann. Der Zwang durch den Staat oder auch die Gesellschaft, diese Information preiszugeben, steht für mich in einer langen Tradition staatlicher Kontrolle über Frauen; alleinstehende Mütter bekamen und bekommen bis heute dieses Misstrauen zu spüren, wie auch viele andere Frauen, die mit ihrer Lebensweise von der Norm abweichen.

Sollte umgekehrt das Kind nicht das Recht haben, zu wissen, wer sein genetischer Vater ist?
Darüber kann man diskutieren – aber im Moment lenkt dieses Argument von einer Ungleichbehandlung ab: Heterosexuelle Paare, die auf eine Spermaspende zurückgreifen, können das ihren Kindern verheimlichen; die Identität des Spenders wird nicht immer in einer Datenbank gespeichert. Und: Als lesbisches Paar müssen wir unseren Kindern sowieso früher oder später erklären, wie sie entstanden sind – wir können gar nicht verschweigen, dass dabei noch eine weitere Person involviert war. In der Realität ist die ganze Angelegenheit auch viel dynamischer. Viele Kinder wissen, mit wem sie ihre Gene teilen – manchmal übernehmen diese Männer auch eine Vaterrolle oder sind sonst auf die eine oder andere Weise im Leben der Kinder präsent.

Derzeit ist oft die Rede von den «fehlenden Vätern». Kinder bräuchten Vater und Mutter, um sich richtig entwickeln zu können; es sei ein Problem, wenn eine Gesellschaft nur von Frauen erzogen werde. Fehlen die Väter wirklich?
Dass der Vater über allem schwebt, ist ein patriarchaler Restposten. Und die lesbische Familie ist so etwas wie ein Schreckgespenst des patriarchalen Systems. Frauen, die sagen: Wir machen das autonom, wir finden Männer, die uns dabei helfen, Kinder zu bekommen – aber den Rest machen wir selbst. Und den Kindern geht es dabei erst noch gut. Zudem wird es immer so sein, dass Kinder auf dieser Welt unterwegs sind, die einen oder beide genetischen Elternteile nicht kennen. Der aktuelle Diskurs macht diese Kinder zu Mangelwesen, obwohl er vorgibt, sich für sie einzusetzen.

Haben Sie als lesbische Mutter deswegen selbst auch Feindseligkeiten erlebt?
Als wir wegen der Beistandschaft für unsere Kinder, die uns nach deren Geburt aufgezwungen wurde, mit Behörden zu tun hatten, waren diese Feindseligkeiten spürbar. Ich erinnere mich an einen Behördenvertreter, der das kaum aushielt: dass wir unsere Familie einfach ohne Männer gründeten und dass es funktionierte. Das ist schon eine krasse Energie, die einer da entgegenkommt. Übrigens finde ich in dem Zusammenhang auch den weitverbreiteten Begriff des Samenspenders spannend.

Warum?
Der Begriff des Samens impliziert, dass darin schon alles, was es zum späteren Wachsen brauche, angelegt ist – und damit, dass es die Frau bloss zum Austragen des Kindes brauche. Historisch geht das weit zurück bis zu Aristoteles, der meinte, Frauen könnten keinen Samen produzieren, weil ihnen im Gegensatz zu den Männern die gestalterische Kraft fehle. Biologisch ist das natürlich komplett unhaltbar, und trotzdem schwingt diese Auffassung immer noch mit. Ich spreche deshalb lieber vom Spermaspender.

Patricia Purtschert ist Philosophin und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt mit ihrer Partnerin und den zwei gemeinsamen Kindern.