Nr. 19/2022 vom 12.05.2022

Welches Leben? Welche Wahl?

Zwischen feministischer Emanzipation und rassistischer Bevölkerungspolitik: In den USA haben die Debatten um Geburtenkontrolle und Abtreibung eine verschlungene, oft düstere Geschichte. Fällt «Roe v. Wade», das landesweite Recht auf Schwangerschaftsabbruch, beginnt ein neues schwieriges Kapitel.

Von Lotta Suter, Berlin (Vermont)

Für die Schwarzen Frauen war Geburtenkontrolle lange kein Akt der Befreiung und des gesellschaftlichen Fortschritts, sondern eine Verzweiflungstat: Demonstration gegen die New Yorker Antiabtreibungsgesetze im März 1970 in Manhattan. Foto: Getty

Seit jeher sind es sozial benachteiligte People of Color, die in den USA überdurchschnittlich oft Schwangerschaften abbrechen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn der Supreme Court, der oberste Gerichtshof der USA, demnächst also die Kriminalisierung von Abtreibungen in den Bundesstaaten wieder zulässt (vgl. «Ein Flickenteppich der Kriminalisierung» im Anschluss an diesen Text), werden diese Frauen darunter am meisten leiden. Allerdings sind in der «Pro Choice»-Bewegung für reproduktive Selbstbestimmung genau diese Gruppen untervertreten. Und sie waren es immer schon. In «Women, Race & Class» schrieb die Bürgerrechtskämpferin Angela Davis bereits vor vierzig Jahren über dieses Missverhältnis, und sie kam zum Schluss: «Ursache der fast blütenweissen Kampagne für das Recht auf Abtreibung ist nicht das angeblich kurzsichtige oder unterentwickelte Bewusstsein der Schwarzen Frauen. Der wahre Grund findet sich im ideologischen Unterbau der Geburtenkontrollbewegung.» Die Spurensuche nach diesen Anfängen führt tief in die Geschichte des Rassismus und des Sexismus in den USA.

Panisches Patriarchat

Weitblickende Suffragetten, meist gebildete weisse Frauen aus der Mittelschicht, forderten ab Mitte des 19. Jahrhunderts nicht bloss politische Rechte für Frauen, sondern auch das persönliche Recht auf «freiwillige Mutterschaft», sprich auf Geburtenkontrolle. Als nicht mehr nur vereinzelte Aktivistinnen, sondern auch die eigenen Ehegattinnen und Töchter nach mehr Selbstbestimmung in Sachen Sexualität und Fortpflanzung verlangten, reagierte das politische Establishment prompt – um nicht zu sagen: panisch. Bereits um 1880 hatten alle US-Bundesstaaten Gesetze zur Beschränkung des zuvor rechtlich kaum geregelten Schwangerschaftsabbruchs erlassen.

Die damaligen Gesetzgeber und die US-Regierung kämpften gegen die Forderung nach «freiwilliger Mutterschaft», weil sie das Patriarchat sichern und auch die Vormachtstellung der Weissen erhalten wollten. 1906 warnte Präsident Theodore Roosevelt in seiner Rede an die Nation nachdrücklich vor «dunklen Tagen im Commonwealth»: «Es gibt Regionen in unserem Land und es gibt Klassen in unserer Bevölkerung, deren Geburtenrate bereits tiefer ist als die Todesrate.» Vorsätzliche Unfruchtbarkeit «aus Bequemlichkeit oder Vergnügungssucht oder aus irgendeinem anderen Grund» sei eine nicht wiedergutzumachende Sünde gegen die Nation und die eigene «Rasse», wetterte der Landesvater. Ab 1910 war der Schwangerschaftsabbruch im ganzen Land verboten und wurde ebenso wie die Information über Verhütungsmethoden strafrechtlich verfolgt.

Gegen diese staatliche Bevormundung kämpfte die nächste Generation von – vorwiegend weissen – Frauenrechtlerinnen an. Jahrzehntelang. Bis schliesslich das Oberste Gericht 1973 im Fall «Roe v. Wade» entschied, das Recht auf Abtreibung gehöre in die verfassungsrechtlich geschützte Privatsphäre der Schwangeren.

Für die Schwarzen Frauen, erst 1865 aus der Sklaverei zumeist in tiefe Armut entlassen, war Geburtenkontrolle lange kein Akt der Befreiung und des gesellschaftlichen Fortschritts, sondern eine Verzweiflungstat. Abtreibung und zuweilen sogar Kindstötung waren oft der einzig mögliche Widerstand gegen die White Supremacy, die Vorherrschaft der Weissen. Denn die Körper dieser Frauen gehörten den Sklavenhaltern. Ihre Fruchtbarkeit war deren Mehrwert. Ihre Kinder wurden als Ware auf dem Sklavenmarkt gehandelt. «Beloved» (deutsch: «Menschenkind») heisst der Roman, in dem die Schwarze Nobelpreisträgerin Toni Morrison 1987 das Trauma einer versklavten Mutter, die ihre Kinder lieber umbringt als einem menschenunwürdigen Leben aussetzt, einem zeitgenössischen Publikum zu vermitteln versucht. Morrison erinnert daran, dass die Geschichte der Geburtenkontrolle in den USA nicht nur eine der Emanzipation und der Wahlfreiheit ist: Sie hat auch eine Kehrseite, jene der Unfreiheit und des Zwangs.

Recht oder Pflicht

Heute ist Geburtenkontrolle für die meisten Frauen ein wichtiger Teil der Gleichberechtigung. Doch Verhütung und Abtreibung allein lösen nicht alle gesellschaftlichen Probleme, und schon gar nicht beseitigen sie wirtschaftliche Ungerechtigkeit. Von allein produzieren sie keine besseren Bildungschancen und Berufsmöglichkeiten für benachteiligte Frauen. People of Color haben das privatistische Schlagwort «Pro Choice» (Für freie Wahl) denn auch längst durch politischere Begriffe ersetzt: Sie fordern «reproduktive Gerechtigkeit» und «racial justice», eine Gesellschaft ohne Rassismus. In einer Gesellschaft, die nicht gleichzeitig auf die Überwindung von sexistischer, rassistischer und ökonomischer Diskriminierung hinarbeitet, bietet das individuelle Recht auf Abtreibung schliesslich keine wirkliche «Wahl».

Die historische Geburtenkontrollbewegung in den USA setzte nicht auf eine umfassende Gesellschaftsreform. Aus Mangel an politischem Bewusstsein oder aufgrund ihres realpolitischen Opportunismus akzeptierten die Frauenrechtlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitgehend, dass die Herren der Nation die Gesellschaft längst aufgeteilt hatten in Reich und Arm, Weiss und Schwarz, oben und unten. Es waren zwei getrennte Welten, für die gerade in Sachen «freiwillige Mutterschaft» ganz unterschiedliche Regeln galten. Die Familienplanung, die privilegierte Frauen für sich als Recht einforderten, wurde schon bald zur «Pflicht» für sozial benachteiligte Frauen. Aus der selbstbestimmten Geburtenregelung wurde so eine fremdbestimmte Bevölkerungskontrolle.

Margaret Sanger (1879–1966), die wohl berühmteste Pionierin der «Pro Choice»-Bewegung, verkörpert diesen Übergang in der eigenen Biografie. Die ausgebildete Pflegefachfrau begann ihren Kampf für das Recht der Frauen an ihrem eigenen Körper als sozialistische Aktivistin. 1916 eröffnete sie die erste Familienplanungsklinik in Brooklyn, New York, und wurde wegen Verbreitung von Informationen über Verhütungsmittel verhaftet und zu dreissig Tagen Gefängnis verurteilt. Sie gab nicht auf und gründete 1921 die Familienplanungsorganisation American Birth Control League (1942 in «Planned Parenthood», Geplante Elternschaft, umbenannt). Unter dem Einfluss des Neomalthusianismus sah sie jedoch bald nicht mehr die kapitalistische Ausbeutung als Hauptgrund für die verbreitete Armut, sondern die Anzahl Kinder in mittellosen Familien.

Ein Fehlschluss, der Sanger direkt in die damals unter US-Intellektuellen sehr geschätzte Eugenikbewegung führte. Ab den dreissiger Jahren – und bis mindestens 1956 – war sie Mitglied der American Eugenics Society, die unter anderem von Adolf Hitler hoch gelobt wurde. Sanger war mittlerweile der festen Überzeugung, dass die Probleme der US-Gesellschaft nicht mit gesellschaftlichen Reformen, sondern durch «natürliche Auslese» zu lösen seien. In einer Radiosendung aus dieser Zeit sagte sie: «Idioten, Schwachsinnige, Epileptiker, Analphabeten, Sozialhilfeempfänger, Erwerbsunfähige, Kriminelle, Prostituierte und Drogensüchtige sollten operativ sterilisiert werden.»

Bis vor wenigen Jahren noch vergab Planned Parenthood jedes Jahr sogenannte Margaret-Sanger-Auszeichnungen an Personen, die sich um die reproduktive Gesundheit von Frauen verdient gemacht hatten. Die «Ehrung» wird heute tunlichst unterlassen, in New York und anderswo werden Plaketten und Statuen Sangers entfernt. Die Aufarbeitung ist unvollständig, wenn sie bei dieser einen prominenten Einzelkämpferin stehen bleibt. Denn die Züchtung «besserer Menschen» für eine «bessere Gesellschaft» war in den USA bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine politisch breit verankerte Idee. Margaret Sanger und die Eugenikbewegung haben zwar die Argumente für die «Rassenhygiene» geliefert – doch der Staat hat sie prompt in die Tat umgesetzt.

Die «Vorteile» der Eugenik

Vor hundert Jahren war Eugenik in den USA eine Staatsinstitution. Die meisten Bundesstaaten verfügten über Eugenikgremien, die zwischen wertem und unwertem Leben unterschieden und, wo für nötig befunden, Sterilisationen anordneten. Die dunkle Geschichte dieser rechtlich abgesicherten Zwangssterilisationen begann 1907 mit dem weltweit ersten Sterilisationsgesetz in Indiana, und 1927 entschied der Supreme Court, dass die Zwangssterilisation von «Schwachsinnigen» nicht gegen die US-Verfassung verstosse. Dieses Urteil, «Bell v. Buck», ist bis heute nicht aufgehoben worden.

«The Black Stork» («Der schwarze Storch») hiess ein propagandistischer Stummfilm aus dem Jahr 1917, der die US-Bevölkerung von den Vorteilen der Eugenik, inklusive Euthanasie, überzeugen sollte. In der fiktionalisierten wahren Geschichte spielt Doktor Haiselden, ein praktizierender Chefchirurg aus Chicago, sich selbst: Er verweigert einem Baby die medizinische Behandlung. Er sagt, es sei besser, tot zu sein, als mit Behinderungen zu leben. Gegen Ende des Films schauen Arzt und Krankenschwester untätig zu, wie das Kind stirbt, während seine Seele in die offenen Arme von Jesus entschwebt.

Der Film wurde, oft geschlechtergetrennt, in allen grösseren Städten gezeigt, in Kombination mit Vorträgen zum Thema Geburtenkontrolle. Eltern wurde empfohlen, ihre Teenager ins Kino mitzubringen, um sie vor den Gefahren «schlechter Gene» zu warnen. Die Botschaft war klar: Missgebildete Säuglinge sind das Resultat von sexueller Promiskuität und Geschlechtskrankheiten oder aber eine Folge des «race mixing», des Geschlechtsverkehrs mit nichtweissen Partner:innen.

Nach dem Sieg über Nazideutschland geriet die Eugenik weltweit in Verruf – doch in den USA bedeutete das nicht das Ende der Zwangssterilisationen. Die Eugenikkomitees wurden bloss umbenannt: In Oregon zum Beispiel gab es nun ein «Komitee zum Schutz der Gesellschaft». Im Zentrum der staatlichen Bevölkerungskontrolle stand nicht mehr die Ausmerzung geistiger und körperlicher Behinderungen, sondern die Dezimierung von als «minderwertig» oder «unerwünscht» abgestempelten ethnischen Minderheiten. Nicht zufällig stieg die Zahl der Sterilisationen von Schwarzen Frauen in den fünfziger und sechziger Jahren an, als die rassistische Segregation im Süden der USA aufgehoben wurde und die Bürgerrechtsbewegung erstarkte.

Nicht laut genug reagiert

In Puerto Rico, einem Aussengebiet der USA, wurden zwischen 1930 und 1970 rund ein Drittel aller Frauen zur Sterilisation gedrängt, weil die Regierung in Washington davon überzeugt war, dass Puerto Rico mit einer geringeren Bevölkerung weniger wirtschaftliche Probleme haben würde. Die Zwangssterilisationen waren auf der Karibikinsel so alltäglich, man nannte den Eingriff schlicht «la operación». Zur selben Zeit wurden auch die Native Americans Opfer der staatlichen Bevölkerungskontrolle. In den sechziger und siebziger Jahren sterilisierte die Gesundheitsbehörde Indian Health Service Tausende indigene Amerikanerinnen, Schätzungen zufolge ein Viertel bis die Hälfte dieser Frauen.

Unfreiwillige Sterilisationen gab es auch nach dem Bundesgerichtsentscheid «Roe v. Wade», der den Frauen 1973 ein Recht auf reproduktive Selbstbestimmung zugestand. Der US-Kongress beschloss 1976, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr aus staatlichen Mitteln finanziert werden dürfen; auch nicht durch Medicaid, die staatliche Krankenversicherung für sozial benachteiligte Frauen, und damit für viele People of Color. So war die Abtreibung nun zwar legal, für viele ungewollt Schwangere aber unerschwinglich geworden und deshalb keine echte Wahl.

Hingegen stellte der damalige Präsident Richard Nixon sicher, dass Sterilisationen von Medicaid nachdrücklich empfohlen und als Alternative zu Verhütung und Abtreibung unentgeltlich angeboten wurden. In den siebziger Jahren gab es in den USA so viele unfreiwillige Sterilisationen wie noch nie. Das ist Eugenik via Portemonnaie. Und die Frauenbewegung reagierte darauf nicht laut genug.

Die letzte behördlich angeordnete Zwangssterilisation wurde 1981 im Bundesstaat Oregon registriert, bis dahin sind in den USA mindestens 60 000 Menschen im Namen der Eugenik zwangsweise unfruchtbar gemacht worden. Nicht mitgezählt sind Hunderttausende nicht erzwungene, aber doch unfreiwillige Unterbindungen, zu denen etwa Sozialhilfeempfänger:innen, Straftäter:innen und Immigrant:innen gedrängt wurden – und immer noch werden: Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass bei Dutzenden von Latinas unter Aufsicht der Grenzpolizei ICE ohne ihre Einwilligung die Gebärmutter entfernt worden war. In 31 US-Bundesstaaten gibt es noch heute Gesetze, die Zwangssterilisationen grundsätzlich zulassen.

Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Geburten- und der Bevölkerungskontrolle wäre aufseiten der «Pro Choice»-Bewegung nicht zuletzt deshalb hilfreich, weil diese Geschichte auf «Pro Life»-Seite bereits aufgegriffen, aber unverschämt ins Gegenteil verkehrt wird. So setzen Abtreibungsgegner:innen das Recht auf Abtreibung mit Eugenik gleich und Abtreibungen selbst mit dem Holocaust. Sie haben sich die Sprache der Bürgerrechtsbewegungen angeeignet und sprechen nun von «Gleichberechtigung» zwischen Frau und Embryo oder von «feministischen Abtreibungsverboten».

Die Terminologie täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass Rassismus, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit seit jeher die tragenden Säulen im Kampf gegen «freiwillige Mutterschaft» waren. «Pro Life» (Ja zum Leben) ist lediglich der geniale Slogan, der ab den achtziger Jahren zugleich als Sammelbecken, Tarnung und Katalysator für diese diskriminierenden Anliegen funktioniert.

Die Antiabtreibungsbewegung unterhält in den USA rege Verbindungen zur Alt-Right, zu organisierten Frauenhassern, zu Neonazigruppen. Militante Rassist:innen, sogenannte White Supremacists, marschieren bei Grosskundgebungen mit und stellen sich in bedrohlicher Montur vor Abtreibungskliniken, um die Besucherinnen zu belästigen, zu bedrohen und auch tätlich anzugreifen. 11 Morde, 26 Mordversuche, 49 Bombenanschläge, 194 Brandstiftungen und unzählige Entführungen, Sachbeschädigungen und Belästigungen von Personal und Patientinnen verzeichnete die nationale Vereinigung der Abtreibungsanbieter NAF seit 1977 vonseiten der selbsternannten «Lebensschützer:innen».

Keine biblische Entscheidungsschlacht

Widersprüchlich ist auch die politische Identität der gesamten Antiabtreibungsbewegung. Die meist religiösen «Pro Life»-Anhänger:innen kämpfen kompromisslos für das ungeborene Leben, unterstützen aber gleichzeitig die republikanische Partei, die nicht bereit ist, das geborene Leben zu schützen und zu unterstützen, zum Beispiel mittellose Mütter und ihre Kinder – was sich durchaus auch als christliche Pflicht deuten liesse.

«Pro Choice» oder «Pro Life»? Die Einstellung zum Schwangerschaftsabbruch prägt und polarisiert die USA heute wieder mehr denn je. Aus feministischer Sicht bringt es wenig, den Kampf um reproduktive Gerechtigkeit wie die Rechtskonservativen als biblisches Armageddon, als Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse, zu verstehen. Vielmehr geht es darum, die Lebensbedingungen für alle zu verbessern. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Frauen am Ende tatsächlich selbstbestimmt wählen können, ob sie ein Kind zur Welt bringen wollen oder nicht.

In den Bundesstaaten

Ein Flickenteppich der Kriminalisierung

Mithilfe des Supreme Court, des Obersten Gerichts, sollen die USA von einer «Pro Choice»- bald zu einer «Pro Life»-Nation werden. Die Rechtskonservativen haben auf diesen Moment nicht bloss gewartet – sie haben ihn zielbewusst herbeigeführt. Gezielt verstiess der republikanisch regierte Bundesstaat Mississippi gegen «Roe v. Wade», das Gerichtsurteil aus dem Jahr 1973, das den Schwangerschaftsabbruch zuliess, indem es ihn in der verfassungsmässig geschützten Privatsphäre verortete. So erzwangen die Rechten eine Revision von «Roe v. Wade» durch den Supreme Court, der mittlerweile über eine solide rechtskonservative Mehrheit verfügt.

Die republikanisch dominierten Bundesstaaten sind auf den Fall der «Roe v. Wade»-Schutzmauer bestens vorbereitet. Um den Schwangerschaftsabbruch zu kriminalisieren, ziehen manche Gouverneure ganz einfach verstaubte Abtreibungsverbote aus den fünfziger Jahren aus der Schublade. Andere haben in vorauseilendem Enthusiasmus neue, teils bizarre Paragrafen ersonnen, die die Rechte der Frauen einschränken oder gleich ganz aufheben sollen. Entscheidet der Supreme Court wie erwartet, werden in den USA etwa vierzig Millionen Frauen im gebärfähigen Alter das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper verlieren.

Texas machte letzten September den Anfang mit der «Herzschlagregelung», einem Abtreibungsverbot nach der sechsten Woche. Für die Gesetzgeber:innen spielt es dabei keine Rolle, dass der vier Millimeter grosse Embryo zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Herz ausgebildet hat und der «Herzschlag» von der Untersuchungsmaschine erzeugt wird. Andere Staaten sind dem Beispiel gefolgt. Idaho hat auch gleich das Denunziant:innensystem aus Texas übernommen: Fortan können beliebige Bürger:innen Klage gegen Abtreibungsanbieter:innen erheben – und fürs Bespitzeln erhalten sie erst noch eine grosszügige «Umtriebsentschädigung».

In New Hampshire soll ein Mann den Schwangerschaftsabbruch einer Frau anfechten können, wenn er behauptet, der Erzeuger des Embryos zu sein. In diesem Fall könnte die Frau erst nach einer aufwendigen DNA-Abklärung abtreiben, wenn es dafür oft schon zu spät ist. Missouri will den Abbruch von Eileiterschwangerschaften kriminalisieren – obwohl ein Fötus, der ausserhalb der Gebärmutter heranwächst, nie lebensfähig ist. Für die schwangere Frau ist die Situation jedoch lebensbedrohlich. In Kentucky mussten Abtreibungsanbieter:innen ihre Dienste abrupt einstellen, weil ein Abtreibungsgesetz in Kraft trat, bevor die neu auszufüllenden bürokratischen Formulare existierten. Immer mehr Bundesstaaten wollen wie Ohio ein totales Abtreibungsverbot, das keine Ausnahmen für Vergewaltigung und Inzest vorsieht.

Fest steht, dass sich die Zahl der Abtreibungen in den USA dadurch kaum verringern wird. Das zeigt sich bereits in Texas. Wenn sie können, reisen ungewollt Schwangere seit letztem Herbst in liberalere Bundesstaaten, oder sie treiben dank Internetversand medikamentös zu Hause ab. Nun versuchen rechte Politiker:innen, den «Abtreibungstourismus» zu stoppen. Dafür sind sie offenbar auch bereit, die Reise- und die Handelsfreiheit von US-Bürger:innen zu beschneiden.  

Lotta Suter

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch