Nr. 27/2007 vom 05.07.2007

Eisenhowers Zahnpasta

Wie der US-Geheimdienst in den sechziger Jahren den gewählten Ministerpräsidenten Patrice Lumumba wegputschte und den kleptokratischen Diktator Mobutu an die Macht brachte.

Von Daniel Stern

Das grösste Land Afrikas hätte ein Vorbild für den ganzen Kontinent werden können. Eine immer stärkere nationale Unabhängigkeitsbewegung setzte der Kolonialmacht Belgien dermassen zu, dass diese schliesslich freie Wahlen erlaubte und Kongo am 1. Juli 1960 in die Unabhängigkeit entliess. Erster Minis-terpräsident der Demokratischen Republik Kongo wurde der frühere Postbeamte Patrice Lumumba, dessen Mouvement National Congolais bei den Wahlen am meisten Stimmen auf sich zu vereinigen vermochte. Lumumba machte noch während der Unabhängigkeitsfeier im Beisein des belgischen Königs Baudouin klar, dass man es sich nicht gefallen werden lasse, weiter von der belgischen Armee und belgischen Firmen beherrscht zu werden: «Wir werden die Massaker nicht vergessen, bei denen so viele umgekommen sind.» Er versprach Kongo zum «Fokus» für ganz Afrika zu machen und weckte damit auf dem grossteils noch kolonialisierten Kontinent Hoffnungen. Doch es kam anders. Lumumba wurde nach nur elf Wochen weggeputscht und später ermordet. Und die Bevölkerung Kongos blieb bis heute in einem Albtraum von Diktatur, Kriegen und Hungersnöten gefangen.

Der CIA-Agent Larry Devlin war zuvorderst dabei, als es darum ging, Kongos kurzen Sommer der Demokratie auszulöschen. Er leitete damals die Geheimdienstoperationen der USA in dem Land. In einem kürzlich veröffentlichten Buch beschreibt er, ohne Reue, seine damalige Tätigkeit.

Bezahlter Putsch

Devlins Auftrag vom damaligen CIA-Direktor Allen Dules war klar: Lumumba muss so schnell wie möglich weg. Die US-Regierung befürchtete, Lumumba würde sich mit der Sowjetunion verbünden. Die Kalten Krieger in Washington glaubten, vom Kongo aus würde der kommunistische Feind dann bald auch die Nachbarländer infiltrieren. Das riesige Land im Herzen Afrikas hatte für die USA aber noch aus einem anderen Grund strategische Bedeutung: Im Kongo finden sich die weltweit grössten bekannten Kobaltvorkommen - ein Metall, das etwa in der Raketentechnologie von Bedeutung ist.

In kürzester Zeit baute Devlin ein Netz von Spitzeln und Agenten auf. Er hatte 100 000 US-Dollar zur freien Verfügung, die er für Aktionen gegen Lumumba einsetzen konnte. Devlin bezahlte kritische Artikel über den Ministerpräsidenten in der kongolesischen Presse und schmierte Parlamentarier. Als Lumumba auf einer Konferenz von afrikanischen Aussenministern in der kongolesischen Hauptstadt Léopoldville spricht, zettelt Devlin eine gewalttätige Demonstration dagegen an, um Lumumba zu diskreditieren. Es ist auch Devlin, der vom damaligen Militärbefehlshaber Joseph-Désiré Mobutu gefragt wird, ob die USA einen Putsch gegen Lumumba unterstützen würden. Er bejaht und zahlt Mobutu gleich noch 5000 US-Dollar, damit sich dieser die Zustimmung einiger Offiziere kaufen kann. Am 14. September 1960 wurde Lumumba gestürzt.

Geplanter Mord

Lumumba steht nach seiner Absetzung unter Hausarrest, bleibt aber unter dem Schutz der Uno-Truppen, die im Land stationiert sind. Doch in den USA will man ihn tot sehen. In mehreren Provinzen ist ein Aufstand von Lumumba-AnhängerInnen ausgebrochen. Der begnadete Redner ist lebend weiterhin eine Gefahr. So bekommt Devlin den Auftrag, offenbar auf Befehl von US-Präsident Dwight Eisenhower persönlich, Lumumba zu ermorden. Ein CIA-Agent unter dem Decknamen «Joe aus Paris» bringt Devlin eine vergiftete Tube Zahnpasta, die er bei Lumumba platzieren soll. Doch es kommt anders: Lumumba wird nach zwei Fluchtversuchen von einem belgisch-kongolesischen Kommando verschleppt, gefoltert und schliesslich ermordet.

Nach dem ersten Putsch bleibt Mobutu nur einige Monate an der Macht, dann setzt der immer noch amtierende kongolesische Staatspräsident Joseph Kasavubu einen neuen Ministerpräsidenten ein. Allerdings ist Mobutu als Armeechef weiterhin die starke Figur im Land. Er und seine engsten Verbündeten, der Geheimdienstchef Victor Nendaka und der Aussenminister Justin Bomboko, treffen sich mehrmals wöchentlich mit Devlin und besprechen die aktuelle Situation, besonders den Kampf gegen die Guerilla. Die USA greifen in diesen Kampf mit verdeckt operierenden Militärverbänden aktiv ein.

Als die zweiten freien Wahlen Kongos von 1965 für Mobutu nicht die gewünschten Resultate bringen, putscht er am 24. November erneut. Devlin behauptet, nicht einbezogen gewesen zu sein. Allerdings diskutiert er nur Stunden nach der erfolgreichen Machtübernahme Mobutus mit ihm die neue Kabinettsliste und setzt auch eine Änderung durch. Als Devlin von einem Gegenputsch erfährt, warnt er Mobutu, der seine Gegner daraufhin öffentlich hängen lässt.

Mobutu bleibt mit Unterstützung der USA über dreissig Jahre an der Macht. Das Land tauft er in Zaire um und entwickelt einen grotesken Personenkult. Er häuft in der Zeit ein Vermögen von vier Milliarden US-Dollar an. Larry Devlin macht im CIA weiter Karriere und wird schliesslich Leiter der Afrikaabteilung. Als er 1974 den Dienst quittiert, lässt er sich im Kongo nieder, wo er noch einige Zeit für eine US-Minengesellschaft arbeitet. Mobutu bleibt er freundschaftlich verbunden und verteidigt auch im Buch dessen Politik. Zaire sei nie ein Polizeistaat im Stil der Sowjetunion oder Nazideutschlands gewesen. «Realistischerweise», so Devlin, war Mobutu «der richtige Mann zur richtigen Zeit».

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