Nr. 01/2005 vom 06.01.2005

Gedachte Wege

Von Peter Kissling

Was wäre die Welt ohne emeritierte ProfessorInnen? Wer von ihnen etwas auf sich hält, legt auf die alten Tage einen Wälzer vor, ein Vermächtnis, geschrieben ohne Reputationszwänge und gesegnet mit der Gelassenheit, die sich aus dem Wissen um die Unbeeinflussbarkeit des Schicksals des eigenen Werks speist. Im Idealfall wenigstens.

Welcher Teufel aber hat Elmar Holenstein, emeritierten Philosophieprofessor der ETH Zürich, geritten, als er sich entschloss, sein profundes kultur- und philosophiegeschichtliches Wissen und eine schier nicht enden wollende Reihe professioneller und persönlicher Anliegen in die Form eines Atlasses zu bringen? Wollte er RezensentInnen ärgern? Sollten diese den Perspektivenreichtum loben oder die Widersprüche geisseln? Sich an der Schönheit der Karten erfreuen, ihren praktischen Wert betonen oder gegen das platte Darstellungsmittel wüten? Den Anspruch des Werks auf den eines Hilfsmittels herunterschrauben oder doch die durchdachte umfassende Konstruktion preisen?

Denn Holenstein legt eine kartografische Geschichte des Homo sapiens vor, seiner kulturellen Leistungen und seiner Ideen, von ihrem Anfang bis ins kommende Jahrhundert. Die Karten stehen im Zentrum, begleitet sind sie von Texten, die sperriges Bildungsgut oder hübsche Ideen präsentieren, und von Registern, die länger sind als der Rest des Bandes und - mit bösem Willen - auch als Fehlerliste gelten können. Und wenn komplexe Sachverhalte sich gegen die kartografische Wiedergabe sperren, toleriert Holenstein mehr als Ungenauigkeit.

Über alles möchte der Leser streiten, über die grossen Thesen, etwa, dass Kulturen in sich weit heterogener, aber, miteinander verglichen, sich auch ähnlicher seien als landläufig gedacht. Das Verhältnis dieser Thesen zu den Gründen wäre zu diskutieren, die für eine geografische Erdung der Philosophie sprechen. Streiten möchte man auch über die Details: Nein, Marx war kein Berliner; doch, dieser Pfeil muss auch über Tübingen laufen! Tausend Tode muss Holenstein gestorben sein, weil er Details übergehen musste - ob ihm dafür zu danken ist? Jedenfalls: Das Buch gehört nur in die Hände derer, die zwei Voraussetzungen erfüllen: Kenntnisse des Gegenstands sind ebenso vonnöten wie ein starkes Herz.

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