Nr. 09/2007 vom 01.03.2007

62 Stunden auf der Achse des Bösen

Einmal pro Woche fährt der Teheran-Damaskus-Express. Die Verbindung zwischen den «Schurkenstaaten» Iran und Syrien geht durch den Nato-Staat Türkei und dessen unruhige kurdische Gebiete. Die lange Zugfahrt bietet Einblicke in die Mikrobeziehungen zwischen diesen Ländern, in den kleinen Grenzverkehr vom Kaspischen Meer bis ans Mittelmeer.

Von Armin Köhli, Damaskus

Fahrkarten kann man am Bahnhof Teheran keine kaufen. Nicht für Inlandverbindungen, und schon gar nicht ins Ausland. Dabei stehen von Teheran aus Züge nach Istanbul auf dem Fahrplan, auch ins türkische Van geht via Täbris täglich ein Zug, und nach Aschchabad in Turkmenistan gibt es ebenfalls eine Verbindung. Und dann gibt es noch, nur einmal pro Woche, einen Zug nach Damaskus.

Der Bahnhof ist ruhig und sauber. Auf der Suche nach einem Billettschalter lässt er sich erkunden: ein Restaurant, Informationsschalter, Kioske, ein verstaubter Supermarkt im ersten Stock, gegenüber die Schalter für die Wartelisten für ausgebuchte Züge. Gepäckaufbewahrung, Imbissstände. Eine grosse, saubere WC-Anlage. Eine Moschee. Ein Aquarium und direkt daneben ein «Mobile Charge Outlet»: eine Mobiltelefonladestation. Acht Steckdosen sind etwa auf Kopfhöhe angebracht, darunter ein Tablar. Und tatsächlich liegen zwei Handys auf dem Brett. Keiner scheint darauf zu achten, schwer zu sagen, ob ihre Besitzer sie ständig in den Augen haben. Selbst iranische Bekannte staunen: «Da liegen tatsächlich Handys? Und das in Teheran?» Warnt man sich doch in dieser Stadt immer wieder vor Kriminellen aller Art, vor Leuten, die Kofferräume aufbohren zum Beispiel, oder vor Taschendieben auf Motorrädern: «Vorsicht auch beim SMS-Tippen auf der Strasse! Die reissen dir das Telefon aus der Hand.»

Der Fahrkartenkauf ist aufwendiger als gedacht. Bahnbillette werden in spezialisierten Reisebüros verkauft, in der Nähe des Bahnhofs gibt es nicht viele davon. Die Verständigung ist dank Englisch kein Problem, das Buchen hingegen schon: Erst wenn ein bis zum Abreisetag gültiges Visum im Pass ist, kann ein Billett gekauft werden. Das bedeutet erstmal eine mehrtägige Zusatzschlaufe beim «Ministry for Alien Affairs», dem Ministerium für Fremde (und, als Journalist, beim zuständigen Ministerium für Islamische Führung), um das Visum schon frühzeitig verlängern zu lassen. Und Obacht: Die Fahrt bis zur türkischen Grenze dauert - das Visum sollte also mindestens einen Tag über das Abreisedatum hinaus gültig sein. Sonst droht eine Busse, für deren Zahlung man nach Teheran zurückkehren muss. Mit der Visumsverlängerung ist es noch nicht getan. Denn zuerst funktioniert das Reservationsprogramm gerade nicht, und dann, es ist die Zeit um einen hohen islamischen Feiertag, können - auf Anweisung der Iranischen Bahn - tagelang landesweit nur Billette an den Pilgerort Maschhad verkauft werden.

Die Fahrkarte ist dreisprachig, französisch, türkisch und farsi, von Hand geschrieben, trotz computerisierter Reservation. Für die iranische Strecke gibt es auch einen - englischsprachigen - Gutschein für den Speisewagen. Doch der Gutschein ist leer, weder bei Diner noch bei Tea noch bei Lunch noch bei Breakfast ist etwas eingetragen. Unser besorgtes Erkunden löst ein Lachen aus: «First of all: This is Iran», sagt die Reisebürofrau. «Wundern Sie sich über nichts, Sie sind im Iran. Keine Sorge, Sie werden schon etwas zu essen bekommen.»

Arafattücher für Syrien

Elbrus hell: An diesem Morgen ist der Blick frei auf den Hausberg von Teheran, den 5671 Meter hohen Damavand, und das Elbrusgebirge. Das Braungrau der Felsen scheint nahtlos in braungrauen, vom Smog geschwärzten Schnee überzugehen, aber das täuscht. Der Schnee ist weiss, das lässt sich am nördlichen Stadtrand feststellen, am Fusse der längsten Seilbahn der Welt, da, wo der Berg zu steil ist, um die Stadt noch höher zu bauen. Es ist die Dunstglocke über der Stadt, die dreckige Luft, die den Schnee so schmutzig erscheinen lässt. Wobei die Luft gut ist. Die Schadstoffe sind allesamt weit unter den Alarmwerten, wenn man den riesigen elektronischen Anzeigen, die die Antismogbehörde in Teheran aufgestellt hat, glaubt - aber wer in Teheran glaubt schon amtlichen Angaben?

Auf der Fahrkarte steht, dass man sich drei Stunden vor Abfahrt am Bahnhof einfinden soll. Drei Stunden vorher? Wir tun es tatsächlich, etwas ratlos. Der Zug fährt vom Internationalen Terminal ab; etwa 150 Meter entfernt von der Bahnhofshalle, an ein paar stillstehenden Bussen mit laufenden Motoren vorbei. Diese zweite Halle ist angeordnet wie ein Flugzeugterminal: Check-In, Sicherheitsschleuse, Gepäckaufgabe mit Förderband. Die drei Stunden werden offensichtlich benötigt. Eine lange Schlange von Gepäcktrolleys steht vor dem Band. HändlerInnen legen Sack um Sack von den Trolleys aufs Band. Dreissig Kilo Freigepäck können aufgegeben werden, Übergewicht wird verrechnet. Untergewicht, wie wir es haben, wird sofort ausgenützt. Ab sofort gehören einige zusätzliche Säcke zu unserem Gepäck. Keffijes, «Arafattücher» also, schimmern durch die Stoff- und Plastiksäcke. Sie gehören einer 37-jährigen Frau und ihrem Schwiegersohn. Es sind KleinsthändlerInnen aus Ahwas in der arabischsprachigen iranischen Provinz Chusistan; sie haben also keine Sprachprobleme in Syrien. Die beiden pendeln auf der Achse des Bösen.

Dann wird der Ausgang geöffnet. Zwei prächtig uniformierte Männer - einer mit goldener Schärpe - weisen den Weg zu den richtigen Waggons. Modernste Wagen, vermutlich rumänischer Produktion (es findet sich keine Herstellerangabe, aber einzelne Sicherheitshinweise in einer Sprache, die Rumänisch sein könnte). Eine einzige Rostbeule stört das propere Bild: der syrische Gepäckwagen. Die Abteile im Schlafwagen sind sauber, und weil der Zug nicht ausverkauft ist, können sich zwei Personen ein luxuriöses Viererabteil teilen. Die Abfahrt erfolgt pünktlich um 20.30 Uhr. Wir kriegen tatsächlich ein Abendessen: ein in Alufolie verpacktes kaltes Poulet mit lauwarmem Reis - vermutlich der Grund für den Durchfall, der am nächsten Tag beginnt. Der laute Fernseher dominiert den ansonsten stimmungslosen Speisewagen. Zum Glück sind die Videobildschirme in den Abteilen ausser Betrieb. Langsam rollen wir aus Teheran raus.

Am Morgen fahren wir durch flaches Land, Hügel am Horizont, wenig Schnee am Boden. Und, wie aus einem Bilderbuch, eine Raffinerie. Dann kommt Täbris, die Hauptstadt der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan. Im Bahnhof steht noch einmal eine lange Schlange von Gepäcktrolleys vor dem Gepäckband. Hier werden die gleichen schweren Säcke wie in Teheran in den Gepäckwagen geladen.

Täbris ist hässlich und gesichtslos. Wieso ich das weiss? Es wird den Reisenden erlaubt, den Zug zu verlassen. Zwei Stunden Aufenthalt, sagt der Schlafwagenbegleiter, «aber bleibt im Bahnhof!». Zwei Stunden im Bahnhof? Sicher nicht. Ein Ausflug in die Stadt also. Und eben: Die ist hässlich, gesichtslos. Die aserischen Iraner, die wir in der kurzen Zeit treffen, fluchen offen über die Islamische Republik. Zur Zeit des Schahs sei es besser gewesen. Die Türkei, die sei besser, das sei ein entwickeltes Land. Im Mai 2006 kam es zu Protesten von Aseris in der Provinz Aserbaidschan; vier Menschen wurden dabei getötet.

Der Zug ist weg

Rechtzeitig kehren wir zurück an den Bahnhof. Der Zug ist weg. Und alle scheinen schon Bescheid zu wissen über die Fremden, die ihren Zug einfach abfahren liessen. Wir werden zum Bahnhofsvorstand geführt. In bestem Englisch entschuldigt er sich; der Zug sei schon mit gut zwei Stunden Verspätung angekommen und dann so schnell wie möglich weitergefahren. Am Computer überprüft er die genaue Ankunfts- und Abfahrtszeit unseres Zuges. Er lässt Tee servieren - besseren, als wir im Zug bekommen, wie er betont - und plaudert mit uns über das Image des Iran. Er arbeitet nebenbei an der Uni, unterrichtet englische Lyrik. Er schwärmt von Goethes «Faust». Wir sollen uns keine Sorgen machen, meint er. Noch vor der türkischen Grenze, im gut 150 Kilometer entfernten Salmas, halte der Zug noch einmal zwei Stunden. Er organisiere uns ein Taxi; einen guten Fahrer, der etwas Englisch spreche. Und so jagen wir dem Zug hinterher.

Täbris liegt im Vierländereck von Iran, Türkei, Armenien, und Aserbaidschan. Eine gut ausgebaute Autobahn führt stadtauswärts, in Richtung Armenien. Dort gehen die IranerInnen aus, dort gibt es Livemusik und Tanz. Und Alkohol. Visumsfrei können sie in Armenien einreisen. Wir verlassen die Autobahn, fahren dem Salzsee Urmia entlang, vorbei am Dorf Chamein, wo die Familie des Revolutionsführers Ali Chamenei herstammen soll. Hier beginnt Kurdistan, und hier gibt es einen Checkpoint. Polizisten kontrollieren die Autos und suchen nach Pornografie, Whisky und wohl auch Benzin. Denn Benzin ist im Iran hochsubventioniert, Schmuggel einträglich. Kurden bringen es auf Eseln über Bergpfade in die Türkei.

Der Teheran-Damaskus-Express steht für die Zollkontrolle in Salmas. Der Bahnhof befindet sich im Nichts, genau zwischen zwei etwa zwanzig Kilometer entfernten Ortschaften. Ein eisiger Wind weht. Nebel. Die kleine Halle ist kaum geheizt. Es gibt eine Handyladestation, auch im Bahnhof Salmas. Der geheizte Zug wartet auf dem vereisten Perron, abgeschlossen. Die Passkontrolle dauert zwei, drei Stunden. Ein Zöllner bringt schliesslich alle Pässe in die verrauchte Bahnhofshalle und ruft die Namen aus.

Das Gleis führt durch ein langes, schmales Tal hoch bis an die Grenze. Eine kaum befahrene Strasse geht über in eine Lehm- und Schotterpiste. Wir fahren auf einem neuen Bahntrassee mit vielen Tunnels. Das alte Trassee mit zahllosen Brücken und Kurven ist immer wieder zu sehen. Der Zug steigt und steigt, bis auf - mutmasslich - über 2000 Meter, rundum Schneeberge. Im Tal selbst liegt wenig Schnee. Alles glänzt im Nachmittagslicht. Einige kleine Hochmoore und einzelne Schafhirten wiederum wie aus dem Bilderbuch. Dann die Grenze: ein paar Häuser, leere und zerfallende Militärbaracken, ein neuer, aber leerer Cargoterminal. Der türkische Bahnhof Kapiköy. Alle steigen aus zur Passkontrolle in einer kleinen Halle. Der türkische, leicht freakig aussehende Zöllner in hellblauem Pulli sitzt unter einem Bild von Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen, säkularen Türkei. «Willkommen in der Türkei», sagt er lachend, und, in abfälligstem Ton: «Na, wie hat es euch im Iran gefallen?»

Die paar Zöllner steigen gleich mit ein in unseren Zug. Im Speisewagen fahren sie mit bis in die nächste Stadt: Van. Im Speisewagen ändert sich die Stimmung auch sonst schlagartig: Es läuft laute, fröhliche Musik, und die Männer spielen Karten und Domino. Neben dem Speisewagen befindet sich ein Arztabteil: Ein iranischer Arzt fährt mit und muss seine Medikamententasche rege benützen. Seine Durchfallmittel helfen ein wenig.

Modernes aus der DDR

Die Fahrt geht in die Nacht hinein, hinunter ins - immerhin noch auf 1700 Meter gelegene - Van. Einige Mitreisende verlassen den Zug, fahren weiter nach Ankara, Istanbul. Wer in die Türkei will, muss in Van aussteigen. Danach gibt es zwar noch weitere Halte, aber Aussteigen ist dort nicht erlaubt. Viele der HändlerInnen, die weiterfahren, sind KurdInnen; sie bringen Tabak nach Syrien hinein und Textilien aus Syrien heraus. Ausser den HändlerInnen bleibt ein junger Iraner im Zug, sein Vater arbeitet am Bau einer iranischen Betonfabrik in Syrien. Er nimmt den Zug, obwohl es von Isfahan und Teheran aus billige Charterflüge für PilgerInnen nach Damaskus gibt. Er will die Türkei sehen. Und eine finnisch-jemenitische Arabischstudentin, die in ihren Weihnachtsferien in den Iran reiste, fährt zurück nach Syrien.

Der Bahnhof liegt nur ein paar hundert Meter von der Fährenanlagestelle am Vansee entfernt. Der Zug bleibt stehen. Im Bahnhof gehen schon die Lichter aus. Nur noch in unserem überheizten Zug brennt Licht. Vier Stunden, bis abends um elf, bleiben wir stehen. Die meisten Reisenden schlafen ein wenig. Dann gehts zur Fähre, vorbei an Kinderspielplätzen und einigen Restaurants mit Garten, geschlossen in der späten Nacht. Einige Güterwagen sind schon auf dem Schiff, doch wir müssen aussteigen und zu Fuss auf die Fähre. Nur der versiegelte Gepäckwagen wird verladen. Der iranische Zug wird sofort von anderen Reisenden in Beschlag genommen: Sie fahren von Damaskus nach Teheran. Wir kreuzen also den Gegenzug in Van. Es ist bitterkalt, die Reling völlig vereist. Über dem Bahn- und Autodeck befindet sich ein alkoholfreies Café. Viele können sich auf mehreren Sesseln hinlegen. Die Fähre steht noch zwei Stunden und legt erst um ein Uhr morgens ab. Im Morgengrauen kommen wir auf der anderen Seite des Vansees, in Tatvan, an. Ein paar Schuppen, eine andere Fähre, Schienen. Die Wohnblocks von Tatvan in Sichtweite. Berge. Bald kommt der Zug angerollt: Chemins de Fer Syriens. Es gibt kein Perron, wir stapfen durch zwanzig, dreissig Zentimeter tiefen Schnee und steigen in den Speisewagen ein. Das syrische Personal teilt uns freundlich die Abteile zu.

Vor zwanzig Jahren waren die syrischen Wagons neu und modern, frisch aus der DDR importiert. Heute sehen sie aus, als ob sie in den zwanzig Jahren zwar geputzt, aber sonst absolut nicht gewartet wurden. Die Diesellok ist amerikanisch und etwa dreissig Jahre alt; auch französische Loks sind auf der Strecke im Einsatz. Bald soll es neue Wagons aus Nordkorea geben, sagt einer der Zugbegleiter entschuldigend. Aus Nordkorea? Eine Lieferung von Bösen an Böse also? Nein, die neuen Wagen kommen aus Südkorea, wie in Damaskus zu erfahren ist.

Ein Korridor durch die Türkei

In Van ist niemand zugestiegen. Wir 51 Reisende aus Teheran sind mit unseren Begleitern auf Transitfahrt durch die Türkei. Türkische Sicherheitsmänner begleiten uns - «wegen der Kurden», wie sie sagen. Die Fahrt geht mehrheitlich durch Kurdistan, und die kurdische Guerilla der PKK ist in den letzten Jahren wieder aktiv geworden. Die Sicherheitsmänner sprechen kein Arabisch, das syrische Zugsteam kein Türkisch - sie unterhalten sich ausgerechnet auf Kurdisch, denn in beiden Mannschaften hat es Kurden.

Wie in einem extraterritorialen, eskortierten Konvoi fahren wir durch das türkische Kurdistan. Bahnhöfe, Schulen, Moscheen und Wohnhäuser wirken modern. Erstaunlich: Der vernachlässigte Osten der Türkei strahlt Reichtum aus im Vergleich zum ländlichen Iran - wenigstens vom Zugfenster aus. Die Wolken hängen tief über den Bergen. Stromleitungen und -masten sind vereist. Der Wind bläst mit unserm Zug.

Der Speisewagen ist reserviert - nur für die Crew und die türkischen Begleiter. Sie bringen ihr eigenes Essen mit. Wir Reisende erhalten zum Frühstück, Mittag- und Abendessen jeweils eine kleine Box aus Styropor. Immer das Gleiche ist drin: einige Kekse und Riegel, Süsskram, Chemokäse, Salzstangen, Marmelade, abgepackter Sandkuchen. Zum Trinken Seven-Up- oder Fanta-Imitat, Teebeutel und Nescafépäckchen - in der Küche kann man sich kochendes Wasser einschenken, das in zwei grossen Kesseln auf dem Herd steht. Medikamente verteilt hier der Kondukteur. Er bringt auch Blütentee und gekochte Kartoffeln aus der Küche des Speisewagens, um gegen den Durchfall und das Fieber zu kämpfen. Die Stehklos werden regelmässig geputzt.

Oliven und Müll

Die Verspätung wird langsam eklatant. Kurz nach zwei Uhr nachts sollten wir gemäss Fahrplan in Aleppo, der nordsyrischen Metropole, ankommen. Doch um etwa drei Uhr erreichen wir erst die Grenze. Die Kontrolle dauert rund drei Stunden - nicht zuletzt unsretwegen: Unsere Journalistenvisa wurden am falschen Grenzübergang deponiert. Mitten in der Nacht ist niemand zu erreichen, weder im Informationsministerium noch am anderen Grenzübergang. Wir insistieren, und die Zöllner bemühen sich tatsächlich. Irgendwann wird von irgendwoher die Muafaka, die Zustimmung des Informationsministeriums zu unserer Einreise, gefaxt. Ein Iraner, der ohne syrisches Visum ankommt, muss am Grenzbahnhof bleiben.

Die Landschaft ändert sich ennet der Grenze frappant: Olivenhaine, sanfte Hügel, kaum mehr Schnee. Und Müll. Müll. Müll. Syrien ist übersät von Plastiksäcken.

Gegen Mittag erreichen wir schliesslich Aleppo, nach 62 Stunden Reise. Der altehrwürdige Bahnhof war Knotenpunkt der Bagdad- und Hedschasbahn, mit Anschluss nach Istanbul und an den Orientexpress bis nach Paris. Wir steigen aus - denn Aleppo ist eine der schönsten Städte des Nahen Ostens. Wir werden mit dem Bus nach Damaskus fahren. Altehrwürdig ist auch das Baron-Hotel in Aleppo, geführt seit je von einer armenischen Familie. Einst eine noble Adresse, ist es heute leicht heruntergekommen, eigentlich renovationsbedürftig, und gerade deshalb überaus charmant. Der prächtige Speisesaal ist mit Massivholz verkleidet, die unfreundlichen Kellner arbeiten seit ewig hier. Im «Baron» findet sich auch die vielleicht schönste Bar des Nahen Ostens: speckige gelbe Ledersessel, halbleere Regale hinter der Theke, eine unpassende Söhnstetter-Hirsch-Bierwerbung, dazu ausgeblichene Plakate längst nicht mehr existierender Fluggesellschaften. In den Fluren hängen Landkarten. Seit Agatha Christie hier gewohnt hat, scheint sich nichts mehr geändert zu haben.

Wir lassen den Teheran-Damaskus-Express fahren. Er wird nach insgesamt rund siebzig Stunden in Damaskus ankommen. Vom Hedschasbahnhof im Stadtzentrum von Damaskus aus konnte man einst nach Beirut weiterreisen. Noch bis vor wenigen Jahren fuhr täglich mindestens ein Zug ab dem Hedschasbahnhof, im Sommer waren noch zwei Dampfloks für Ausflugszüge in Betrieb. Heute ist der Bahnhof praktisch leer, ein Denkmal seiner Zeit, und statt der Gleise klafft seit langem eine riesige Baugrube. Dereinst soll hier ein Einkaufszentrum stehen. Heute gleicht das ehemalige Gleisareal einer Investitionsruine.

Der heutige Bahnhof von Damaskus liegt weit ausserhalb, in einem südlichen Vorort. Die Züge fahren nach Sabadani an der libanesischen Grenze. Auf libanesischer Seite sind nur noch Spuren der Trassees und Gleise zu sehen, das meiste wurde im Bürgerkrieg zerstört. Eine zweite Linie fährt ab Damaskus: Zweimal pro Woche gibt es Bummelzüge an die jordanische Grenze und weiter in die Hauptstadt Amman. Die Elektrifizierung der Südbahn sei geplant, heisst es. Billette nach Amman können im Bahnhof Damaskus gekauft werden. Aber an einem separaten Schalter, denn es ist eine Schmalspurbahn.

Der Express

Der Express fährt seit dem Jahr 2001. Wohl weniger, weil die Strecke besonders lukrativ wäre - zumal das Eisenbahnnetz gerade in Syrien dringend der Erneuerung und Modernisierung bedürfte -, sondern um die Verbundenheit zwischen Syrien und dem Iran zu bekräftigen. Ab 2003 führte die Strecke via Mossul im Irak, doch der Zug fuhr keine zehn Mal durch Mossul. Denn seit 13. März 2003, also eine Woche vor Beginn des Irakkrieges, ist diese Verbindung «suspendiert», wie es lapidar im türkischen Kursbuch heisst. Die iranischen, türkischen und syrischen Bahnen geben im Internet unterschiedliche Fahrpläne an - keiner ist korrekt. Derzeit gültige fahrplanmässige Abfahrt in Teheran ist Montag, 20.30 Uhr, Ankunft in Damaskus Mittwoch, 12 Uhr. Der Gegenzug verlässt Damaskus am Montag, 6 Uhr morgens, und erreicht Teheran am Mittwoch um 17 Uhr. Aus- und Zusteigen kann man in Täbris (Iran), Van (Türkei) und Aleppo (Syrien). Im Sommer soll der Zug künftig zweimal pro Woche verkehren.

Die Währung des Bösen?

Der internationale Fahrschein besteht aus drei Teilen, die in einem Umschlag zusammengebostitcht sind. Eher konfus sind die angegebenen Preise. Was an sich nicht verwundert, denn die Reise geht ja durch drei Länder mit drei verschiedenen Währungen. Abgerechnet wird aber in einer einheitlichen Währung, und auch der Gesamtpreis für die Fahrt im iranischen Schlafwagen, im syrischen Schlafwagen und für die Mahlzeiten ist in dieser Währung - der Währung des Bösen? - angegeben: in Schweizer Franken. Vermutlich geht das auf die türkischen Bahnen zurück, die die Preise der internationalen Verbindungen in den Nahen Osten - wohl der Inflation wegen - in Schweizer Franken angeben. Allerdings haben die Beträge in den Lokalwährungen und der angebliche Totalbetrag in Schweizer Franken nichts miteinander zu tun. Die ganze Reise kostet demnach 45.13 Franken plus 17.30 Franken für den Schlafwagen plus 67800 iranische Rial, umgerechnet etwa 10 Franken, für den Speisewagen - bezahlen mussten wir aber 800000 Rial, umgerechnet etwa 112 Franken.

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