Nr. 04/2005 vom 27.01.2005

Das Wundermittel

Von Susan Boos

Wenn eine wirklich bösartige Grippepandemie losbricht, dürfte die Schweiz ohne Impfstoff dastehen. Die Bundesverwaltung übte vor einer Woche, was sie täte, wenn das Virus das Land ins Chaos stürzte. Aber hätten wir im Ernstfall nicht Tamiflu? Der Basler Chemiekonzern Roche produziert das Medikament; es wirkt prophylaktisch, man kann aber auch die Grippe damit behandeln. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO ist es gegenwärtig das einzige Medikament, das gegen die gefürchtete Vogelgrippe[100] hilft. Nach Angaben von Roche ist das Mittel «voraussichtlich gegen alle mutierenden Grippeviren wirksam». Inzwischen haben verschiedene Länder begonnen, Tamiflu-Lager anzulegen. Roche konnte im letzten Jahr den Tamiflu-Umsatz mehr als verdoppeln und setzte damit rund eine halbe Milliarde Franken um. Gegenwärtig baut das Unternehmen die Produktion kräftig aus. Allerdings warnten Forscher in der Medizinzeitschrift «Lancet» davor, das Medikament könnte bei einer Pandemie schnell wirkungslos werden, weil die Viren Resistenzen entwickelten.

Der Bund ist zurzeit ebenfalls daran, ein Pflichtlager für Tamiflu einzurichten. Bis 2006 sollen genügend Medikamente bereitliegen, um 25 Prozent der Bevölkerung zu behandeln. «Auch diese Medikamente werden also nicht für alle reichen», konstatiert Patrick Mathys, Epidemiologe beim Bundesamt für Gesundheit. Wer bekommt sie? Was tut man, wenn sich Beschäftigte wie Kondukteure oder Postangestellte weigern, ohne Tamiflu zur Arbeit zu gehen? Die Infrastruktur wäre sofort lahmgelegt. Es braucht eine klare Prioritätenliste, wer das Mittel erhält. «Denn wenn es losgeht, werden wir vermutlich keine Zeit haben, das lange zu diskutieren», sagt Patrick Mathys.

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