Nr. 04/2005 vom 27.01.2005

Den Schweinemäster erwischts zuerst

Die Bundesverwaltung übte vergangene Woche, wie einer dramatischen Grippewelle zu begegnen wäre. Ein höllisches Szenario mit tausenden potenziellen Toten und einigen offenen Fragen.

Von Susan Boos

Das Weltwirtschaftsforum Wef in Davos ist abgesagt. Demonstrationen und Veranstaltung sind verboten. Die Schweiz steht Kopf. Schuld ist Köbi Muster. Der Mann züchtet in der Ostschweiz Schweine und ist an Grippe erkrankt. Nur ist es keine gewöhnliche Grippe, sondern der Anfang einer grauslichen Pandemie: 20 000 bis 40 000 Menschen könnten sterben.

Nach diesem Szenario übte die Bundesverwaltung am vergangenen Donnerstag den Ernstfall Influenza-Pandemie - eine so genannte Strategische Führungsübung, geleitet von Laurent Carrel. Etwa 500 Personen und alle sieben BundesrätInnen machten mit. Sie sollten unter Zeitdruck die richtigen Massnahmen einleiten und mit Departementen zusammenarbeiten, mit denen sie sonst kaum reden. Das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) mit dem Departement des Innern beispielsweise. Wer darf befehlen? Die Militärs oder die ExpertInnen vom Bundesamt für Gesundheit (BAG)?

Zum Übungsverlauf wollte Carrel nichts sagen, er sei noch daran, sich einen Überblick zu verschaffen. Anscheinend lag die Federführung am Donnerstag beim BAG. Weil das BAG mehr über schlimme Krankheiten weiss als die Armeeleute. Ob es dann im Ernstfall auch so sein wird, ist noch nicht entschieden. Denn ohne Militär wird es nicht gehen, wenn die Katastrophe losbricht - darin sind sich alle einig.

Damals starben 25 000

Vermutlich wird es den Schweinemäster Köbi Muster nie geben. Vermutlich wird die Pandemie nicht in der Schweiz beginnen. Der Rest des Szenarios allerdings ist ein Déjà-vu. Es geschah am Ende des Ersten Weltkrieges (1914-1918). Man nannte sie die Spanische Grippe. 1918 brach sie aus, und als sie vorbei war, waren zwanzig bis vierzig Millionen Menschen tot. In der Schweiz starben 25 000 Menschen. Die Grippe begann wahrscheinlich in Nordchina, griff auf die USA über und wütete dort in Militärcamps, bei Soldaten, die nach Europa in den Krieg sollten. Übel traf es zum Beispiel Camp Devens in der Nähe von Boston. Ein Mediziner schrieb aus dem Camp, die Krankheit sehe am Anfang aus wie eine normale Grippe, entwickle sich aber im Nu zur «bösartigsten Lungenentzündung, die ich jemals erlebt habe. (...) Am Ende schnappen die Patienten vergebens nach Luft und ersticken. Es ist grauenvoll. Man kann noch ertragen, ein, zwei, zwanzig Männer sterben zu sehen, aber hier krepieren die armen Teufel wie die Fliegen. Wir haben hundert Tote pro Tag.» Die Särge gingen aus, die Leichen stapelten sich.

Die überlebenden Soldaten brachten die Grippe nach Europa. In der Schweiz waren die ersten Opfer auch Soldaten, die die Krankheit in die Dörfer schleppten. Die Grippe ging daraufhin in zwei Wellen übers Land. Sie tötete vor allem junge Männer - und sie tötete schnell. Manche Soldaten wurden morgens fiebrig eingeliefert, am Mittag hatten sie Lungenentzündung, am Abend waren sie tot.

Der gefährliche Virustyp H5N1

Wegen des Krieges herrschte damals Armut und Mangelernährung, und der Erreger war unbekannt. Heute weiss man, wie die Grippeviren - die jährlich in der Wintersaison auftreten - aufgebaut sind. Meist verändern sie sich von Jahr zu Jahr ein bisschen, sind aber selten gefährlich. Gefährlich wird das Virus erst, wenn es einen genetischen Sprung macht. Beim Schweinemäster Köbi Muster war das der Fall.

Am Anfang stand hier das Schweinegrippevirus. Schweine erkranken daran, Menschen eigentlich nicht. Ein Schwein kann aber gleichzeitig auch ein menschliches Grippevirus in sich tragen. Kommen die beiden zusammen, entsteht ein Schweinevirus mit humanen Zügen, das auf den Menschen überspringen kann. Es entsteht ein neuer Virustyp, gegen den das menschliche Immunsystem nicht gerüstet ist.

Ungemütlich wird es, wenn sich ein derartiges Virus so verändert, dass es direkt von Mensch zu Mensch überspringen kann (was man zurzeit beim Vogelgrippevirus befürchtet; es hat in Asien schon mehrere Todesopfer gefordert, wird aber noch nicht von Mensch zu Mensch übertragen). Das Biest wäre gemeingefährlich - ein Niesen reicht, und das Gegenüber erkrankt. Das könnte der Anfang einer neuen Pandemie sein. Und Köbi Muster wäre ihr erstes Opfer. Die WHO schätzt, dass rund dreissig Prozent der hiesigen Bevölkerung erkranken würden. Ein Prozent davon würde vermutlich sterben.

Der Impfstoff reicht nicht

Ein grosses Sterben, das diesmal verhindert werden soll. Seit zehn Jahren arbeitet die Arbeitsgruppe Influenza (AG Influ) des Bundes an einem Pandemieplan. Ein sechzig Seiten starkes, dramatisches Papier. In der Zusammenfassung steht: «Wenn eine Grippepandemie ausbricht, muss auch in der Schweiz mit einer Krisensituation, gar einer katastrophalen Lage, gerechnet werden.»

Doch gegen Grippe kann man impfen. «Nur muss man davon ausgehen, dass am Anfang einer Pandemie kein und in deren weiterem Verlauf nicht genügend Impfstoff vorhanden ist», sagt Patrick Mathys, der an der Führungsübung beteiligt war und beim BAG als Epidemiologe arbeitet. Eine Impfung könnte also über Leben und Tod entscheiden. Aber wie wird das knappe Gut verteilt? Im Pandemieplan steht: «Pandemien von katastrophalem Ausmass erfordern unter Umständen das Einsetzen eines Notrechts, das beispielsweise die Verteilung des verfügbaren Impfstoffes regelt.» Wer genau die vorhandenen Dosen bekommen soll, ist allgemein umschrieben: zuerst das medizinische Personal - danach all jene, die für die Grundversorgung («Energie, Trinkwasser und Nahrungsmittel»), für essenzielle Dienste («Transport, Kommunikation, Information») sowie für die innere und äussere Sicherheit («Polizei, Feuerwehr und eventuell Teile der Armee») zuständig sind.

Heute bieten Berna Biotech (das frühere Schweizerische Serum- und Impfinstitut) sowie verschiedene Konzerne wie Chiron, Aventis Pasteur oder GlaxoSmithKline in der Schweiz Grippeimpfstoffe an. Berna wäre in der Lage, innerhalb von vier Monaten 1,2 bis 1,4 Millionen Impfdosen bereitzustellen. Doch hat es einen Haken: Berna produziert nicht in der Schweiz. Das Unternehmen lässt die Vorprodukte in Australien herstellen und fertigt in seinem Werk in Spanien die Impfstoffe. Die AG Influ fürchtet, «dass Staaten im Falle einer Grippepandemie auch ein Exportverbot für Influenzaimpfstoffe erlassen könnten. Dies gilt auch für im Ausland hergestellte Impfstoffe von Schweizer Firmen.»

Berna wäre laut einem Bericht der «Basler Zeitung» bereit, eine entsprechende Produktionsanlage in der Schweiz zu bauen, wenn der Bund zehn bis fünfzehn Millionen Franken zuschiessen würde. Dafür fehlten im Moment jedoch die rechtlichen Grundlagen, sagt Mathys: «Wir sind im Moment daran, diese Frage zu evaluieren. Es wäre auch möglich, mit ausländischen Firmen einen Liefervertrag abzuschliessen - hier müssten aber noch Lösungen gefunden werden, damit die Lieferung im Ernstfall wirklich gesichert wäre.»

Wozu heute impfen?

Die AG Influ drängt, die gewöhnliche Grippeimpfung populärer zu machen - obwohl die Arbeitsgruppe selber darauf hinweist, dass bereits durchgemachte Grippen zu einer Teilimmunität führen könnten. Damit liesse sich erklären, weshalb während der Pandemie weniger ältere Menschen starben. Eine These, die kritische Mediziner und Naturheilpraktikerinnen immer wieder vertreten: Eine gewöhnliche Grippe kann gesund sein, weil sie das Immunsystem stärkt.

Sicher ist: Die gewöhnliche Grippeimpfung würde nicht gegen mutierte Viren - wie Köbi Muster eins erwischte - schützen. Warum soll man sich trotzdem impfen? Die AG Influ schreibt: «Im Rahmen der Influenzapandemieplanung ist eine möglichst hohe Durchimpfung der Bevölkerung auch während der interpandemischen Phase [wenn nur die gewöhnliche Grippe auftritt, Red.] anzustreben, da eine nachhaltig erhöhte Impfstoffnachfrage mittelfristig zu grösseren Produktionskapazitäten führt. Im Falle einer Pandemie wäre es wichtig, über möglichst grosse (nationale) Produktionskapazitäten in der Schweiz zu verfügen.»

Der Markt soll es also richten. Und wenn die Leute sich partout nicht impfen lassen wollen, sind sie selber schuld an der nächsten Pandemie? Eher müsste die Impfstoffherstellung gegen die bösartigen Grippeviren zum Service public erklärt werden.

Literatur und Informationen:

Gina Kolata: «Influenza - die Jagd nach dem Virus». S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2001. / Nina Maria Korren: «Die Spanische Grippe in Zürich 1918/19». Dissertation. Zürich 2003.

Pandemieplan: www.bag.admin.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch