Nr. 09/2005 vom 03.03.2005

In ständiger Sorge

Haben der Sturz von Saddam Hussein und die US-Invasion den Irakerinnen die versprochene Freiheit gebracht?

Von Karin Leukefeld, Bagdad

Nach dem Ende der Diktatur im Irak versprachen die Invasoren dem Zweistromland «Freiheit und Demokratie». Der Irak war während Jahrzehnten von der Aussenwelt abgeschnitten. Isoliert durch die Uno-Sanktionen, verschlossen durch eine Diktatur, lebten die IrakerInnen zuletzt in einer sehr begrenzten Welt. Die irakischen Frauen, viele auf sich allein gestellt, trugen die Bürde des Alltags. Seit dem Golfkrieg von 1991 suchten immer mehr von ihnen Trost in der Religion. Die Moscheen füllten sich, junge Frauen nahmen den Schleier.

Auf diese eingezwängte und in sich gekehrte Frauenwelt prallten die Irakerinnen, die im Frühjahr 2003 aus dem Exil zurückkehrten. Sie brachten ihre eigenen Ideen von einem freien Frauenleben mit, gründeten Firmen oder nichtstaatliche Organisationen, wurden aktiv in den neuen Parteien. Die im Irak gebliebenen Frauen hatten auf einen Neubeginn gehofft, doch es fiel ihnen schwer, mit den Neuankömmlingen Schritt zu halten. Bald begann die Lage im Land zu eskalieren. Die Kriminalität stieg in Schwindel erregende Höhen, junge Frauen und Mädchen waren zunehmend von Entführung und Vergewaltigung bedroht.

«Von dem Moment an, da meine Kinder am Morgen das Haus verlassen, um zur Universität zu gehen, mache ich mir Sorgen», sagt die 46-jährige Sahar und zieht nervös an ihrer Zigarette. «Ich höre oft Explosionen, weiss aber nie, wo etwas passiert ist.» Weil es tagsüber oft keinen Strom gibt, kann sie auch über das Fernsehen keine Informationen erhalten. Die Handys, mit denen sich die Bevölkerung rasch verständigen könnte, funktionieren nur selten, weil das Netz überlastet ist.

Ein dieser Tage veröffentlichter Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International listet eine Fülle von Menschenrechtsverletzungen an irakischen Frauen auf. Sie lebten in ständiger Angst vor Gewalt und seien vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, hält der Bericht fest. Opfer von Gewalt wurde auch die 52-jährige Amal Maamalaci, die im November 2004 auf dem Weg zur Arbeit ermordet wurde. Die Mutter von zwei Töchtern und engagierte Frauenrechtlerin arbeitete als Beraterin im Ministerium für öffentliche Angelegenheiten in Bagdad. Wo immer sie das Wort ergriff, Frau Maamalaci nahm kein Blatt vor den Mund. Ob als Aktivistin des Irakischen Frauennetzes oder bei Diskussionen in der Parteizentrale der «Irakischen Unabhängigen Demokraten» von Adnan Patschatschi, dem sie politisch nahe stand - immer ergriff sie Partei für Frauen und Kinder. Die Ärzte zählten dreissig Geschosse in ihrem Leichnam. Mit ihr starben ihr Sekretär, ihr Fahrer und mehrere Wachleute. Es gab keine Warnung vor und keine Erklärung nach der Tat. Polizeiliche Ermittlungen verliefen im Sand.

«Familienangelegenheiten»

Ihre Freundin, die Rechtsanwältin Hanna Edward, hatte mit Amal Maamalaci im Frauennetz gearbeitet. Bei den Wahlen Ende Januar führte Hanna Edward als einzige Frau eine Wahlliste an. Auf die Frage, ob sie keine Angst habe, sagt sie: «Wir leben mit unserem Volk, wir kennen die Bedingungen und haben uns daran gewöhnt. Wenn ich sage, ich habe Angst, hat meine Nachbarin, mein Kollege auch Angst. Dann würden wir nur herumsitzen und nichts mehr tun. Sollen wir den Terror wieder an die Macht kommen lassen?» Auch die Besatzungstruppen gehen gewaltsam gegen irakische Frauen vor. Nicht nur bei Militäroperationen sind sie betroffen. Festnahmen von Frauen dienen oft dazu, die männlichen Familienangehörigen unter Druck zu setzen. Noch immer sollen sich Irakerinnen in den von US-Truppen kontrollierten Gefängnissen befinden, was das US-Militär hartnäckig dementiert.

Gewalt gegen Frauen werde in Familien oder durch die Stammesstrukturen ausgeübt, so der Amnesty-Bericht. Im Irak selber spricht man über solche «Familienangelegenheiten» nicht. Doch neunzig Prozent der Gespräche von Männern drehten sich um Frauen, hiess es kürzlich in einem Artikel auf der Frauenseite einer irakischen Tageszeitung. Hussam, ein junger Englischlehrer, erklärt warum: «Wir reden natürlich über Frauen, weil wir sie mögen. Doch wir reden auch über sie, weil wir uns Sorgen machen. Wir fragen uns, wie wir sie schützen können.» Über ihren eigenen Schutz haben die Frauen ganz unterschiedliche Vorstellungen. Während die einen kaum das Haus verlassen und sich in Kopftücher und Abbaja einhüllen, tragen andere demonstrativ ihre Haare offen, Jeans und enge T-Shirts oder - jetzt im Frühling - knielange Röcke mit leichten Blusen.

Kritik der Theologen

Die Religionsgelehrten der Hausa in Nadschaf, dem religiösen Zentrum der SchiitInnen, forderten kürzlich in einem Brief an die irakische Regierung, Frauen nicht mehr in Zeitschriften abzubilden. Die Theologen kritisierten Bilder, auf denen Frauen für die neue Polizei oder Armee werben und gezeigt wird, wie Frauen von Männern für die Sicherheitsdienste ausgebildet werden. «Es verletzt die religiösen Gefühle der Iraker», heisst es in dem Schreiben des Rates der Religionsgelehrten. Viele gläubige Irakerinnen stimmen dem zu.

Junge Kurdinnen lehnen solche Äusserungen als Einmischung in ihr Leben ab. Die KurdInnen erlebten in den dreizehn Jahren Uno-Sanktionen eine wirtschaftliche und soziale Blütezeit in der nordirakischen Schutzzone. Junge Frauen arbeiten heute als Polizistinnen, sie führen Unternehmen, leiten Kindergärten, arbeiten als Nachrichtensprecherinnen im Fernsehen und bewegen sich frei und ungezwungen. Nach dem Wahlsieg der Allianz der schiitischen Parteien am 30. Januar haben sie Angst, ein islamisches Rechtssystem könnte ihre Rechte und Freiheiten wieder ersticken.

Internationale Schlagzeilen macht die unsichere Lage der Frauen im Irak meist nur, wenn Ausländerinnen betroffen sind. Die beiden entführten Journalistinnen Florence Aubenas («Libération») und Giuliana Sgrena («il manifesto») können zurzeit nicht über die Lage der Irakerinnen schreiben. Doch ihre Erschöpfung, die in den von den Entführern aufgenommenen Videos deutlich sichtbar ist, demonstriert, was Frauen im Irak täglich an Leid erfahren.

www.amnesty.org

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