Nr. 08/2005 vom 24.02.2005

Was heisst für Sie Glück?

Interview: Nicole Ziegler

Sie sind Präsidentin des intereuropäischen Forums für Bevölkerung und Entwicklung. Warum ist Ihnen dieses Thema ein solches Anliegen?
Weil auch hier meine Spezialthemen Hunger und Armut im Vordergrund stehen: Wo Überbevölkerung ist, finden sich fast immer auch Hunger und Armut. Um dieses Problem an der Wurzel anzugehen, muss die sexuelle und reproduktive Gesundheit, insbesondere die der Frauen, in den Mittelpunkt gerückt werden: Eine halbe Million Frauen sterben pro Jahr weltweit, weil sie bei der Geburt ungenügend versorgt wurden.

Aber jede Region, jedes Land hat doch andere Probleme: An einem Ort auf der Welt erschweren religiöse Gebote den Gebrauch von Verhütungsmitteln, an einem andern werden wegen gesellschaftlicher Traditionen neugeborene Mädchen verstossen oder gar umgebracht. Was nützt da die internationale Vernetzung?
Jedes Land, jede Region braucht massgeschneiderte Interventionen, um ihre Probleme zu lösen. Aber der internationale Dialog ist wichtig, damit man weiss, dass man am Gleichen arbeitet und Unterstützung hat. Ausserdem wird in Europa das weltweite Bevölkerungswachstum kaum mehr als Problem wahrgenommen – wir müssen in den europäischen Parlamenten für das Thema sensibilisieren.

Und inwiefern betrifft diese Problematik die Schweiz?
Wir haben bei uns eine tiefe Geburtenrate, aber die reproduktive Gesundheit ist auch hier ein wichtiges Thema. Beispielsweise sieht ein Bundesgesetz vor, dass die Kantone Schwangerschaftsberatungsstellen einrichten. Wie so vieles in der Schweiz gestaltet sich das von Kanton zu Kanton unterschiedlich; in der Romandie sind diese Stellen verbreitet und sehr präsent, Schulklassen gehen für spezielle Lektionen der Sexualkunde dorthin, während es in Zürich beispielsweise nur zwei, drei solcher Stellen in Spitälern gibt. Diese werden denn auch hauptsächlich von Frauen in Anspruch genommen, die sich Hilfe und Information nicht privat organisieren können – es sind häufig Migrantinnen, die dorthin gehen. Auf diese spezifische Nutzung müsste man mit zusätzlichen Übersetzerinnen reagieren.

Sie sagten einmal, Kindergeschrei sei Zukunftsmusik – doch das Wachstum der Bevölkerung fordert auch ein Wachstum der Wirtschaft und ein Mehr an Ressourcen, die knapp sind ...
Wenn alle so leben würden wie wir, müsste die Erde viermal grösser sein, damit die nötigen Ressourcen zur Verfügung stünden. Es ist klar, wir müssen unseren Energie- und Ressourcenverbrauch zurückschrauben. Und das heisst auch, dass wir in unserer materialistischen Welt wieder andere Werte erkennen und für wichtig erachten müssen.

Welche Werte könnten das sein?
Zentral ist natürlich erst einmal, dass unsere Existenz gesichert ist. Doch darüber hinaus gibt es so viele Dinge, die nicht käuflich sind, aber ein hohes Mass an Lebensqualität bieten. Ein Wert ist beispielsweise die Mitgestaltung des Familienlebens – mit den heutigen Arbeitszeitmodellen ist das meist nur für einen Elternteil, die Mutter, möglich. Weite Wirtschaftskreise blockieren nach wie vor flexible Arbeitszeitmodelle. Damit stützen sie das gegenwärtige System, in dem Wachstum und Konsum eine dominante Rolle spielen. Die Erfahrung von immateriellen Werten wird Männern dadurch erschwert. Viele Menschen müssten erst wieder lernen, das Leben in seiner ganzen Fülle auszukosten und zu geniessen.

Was heisst denn für Sie Glück?
Es ist natürlich schwierig, das auf einen kurzen Nenner zu bringen ... Aber für mich sind Orte wichtig, an denen ich mich wohl fühle, an denen ich es einfach schön finde und mit dem Leben im Fluss bin. Das passiert zum Beispiel, wenn ich in den Bergen wandere, in meinem Garten arbeite oder im See schwimme. Es sind für mich hauptsächlich Naturerlebnisse, die mir echte Lebensqualität vermitteln.

Im Moment stehen Sie ja im Wahlkampf für den Zürcher Regierungsrat und finden sicher wenig Zeit dafür: Wenn Sie nächsten Sonntag gewählt werden, müssten Sie Ihr Amt als Präsidentin der Grünen nach nur drei Jahren abgeben. Haben Sie schon genug davon?
Nein, vom Präsidium überhaupt nicht. Da hätte ich noch Energie und auch Ideen, die ich umsetzen möchte.

Aber?
Ich habe langsam genug von der Parlamentsarbeit. Nach zehn Jahren Kantonsrat und fast sieben Jahren Nationalrat reizt mich ein Exekutivamt. Da kann ich zupacken und konkreter an die Arbeit gehen, das gefällt mir.

Ruth Genner, 49, ist Parteipräsidentin der Grünen. Sie sass von 1987 bis 1997 im Zürcher Kantonsrat und ist seit 1998 Nationalrätin. Sie kandidiert für den Zürcher Regierungsrat.

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