Nr. 07/2005 vom 17.02.2005

Kommen Schweizer zu kurz?

Interview: Nicole Ziegler

Sie wurden kürzlich an einer Podiumsdiskussion mit Wasser attackiert ...
... Das war in Oerlikon an einer SVP-Veranstaltung zur neuen Zürcher Kantonsverfassung. Die SVP hatte anscheinend nur intern für die Veranstaltung geworben, und so waren fast nur SVP-Mitglieder oder -Sympathisanten da. Es herrschte eine aufgeheizte Stimmung, und als es um Integrationsfragen ging, wurden ausländerfeindliche Töne laut. Wenn ich etwas sagte, kamen Buhrufe aus dem Publikum – als ich nach dem Podium aus dem Saal ging, rannte eine Frau auf mich zu, beschimpfte mich und schüttete Wasser über meine Kleider.

Die Frau ist 53 Jahre alt, Mitglied bei der SVP und soll jetzt aus der Partei ausgeschlossen werden.
Und das tut mir fast Leid für sie. Denn die Frau wurde letztlich Opfer der SVP-Strategie: Sie lebte in dieser aggressiv-emotionalen Stimmung mit und war überzeugt, mit ihrer Attacke gegen mich etwas Positives für die SVP zu tun – sie ging den Weg konsequent weiter und agierte wie eine Parteisoldatin. Dass sie jetzt ausgeschlossen wird, ist für sie schlimm. Und die SVP reagiert in dieser Situation genau so, wie sie auch bei andern politischen Problemen reagiert: Sie wischt sie einfach vom Tisch, grenzt aus. Anstatt Verantwortung zu übernehmen und nach konstruktiven Lösungen zu suchen, blockt sie ab.

Die negative Stimmung hatte sicher auch mit dem Thema Ausländer zu tun.
Immer wenn es um AusländerInnen geht, ist bei vielen Leuten Angst, ja Bedrohung spürbar. Und ich selber habe Mühe, den Leuten auf dieser emotionalen Ebene zu begegnen. Kürzlich sagte mir ein Psychologe, dass ich mit meiner sachlichen Argumentation diese Leute nie erreichen könne, weil sie nur für Emotionen und nicht für eine rationale Diskussion offen seien.

Im Bereich der Schule sind solche Ängste häufig Thema: Schweizer Eltern haben Angst, dass bei einem hohen Ausländeranteil in den Klassen ihre Kinder zu kurz kommen.
Solche Ängste sind schlicht unbegründet. Meine jüngere Tochter ging in der Mittelstufe mit Kindern aus fünf verschiedenen Religionsgemeinschaften zur Schule. Die Lehrerin liess dem viel Raum, und die Kinder tauschten sich zum Beispiel über ihre Bräuche aus. Für meine Tochter war das so spannend und anregend, dass sie zuhause viel davon erzählte. Die Schule soll nicht nur fürs Wissen zuständig sein, sondern auch für das Zusammenleben.

Die Tendenz geht aber in eine ganz andere Richtung, man setzt wieder viel mehr auf Leistung, die Wirtschaft schreit nach besseren Schülern.
Die Wirtschaft vergisst, dass da Kinder sind, die sich entfalten sollen; die neben der theoretischen Wissensaneignung ihre Persönlichkeit bilden sollen und darin Unterstützung brauchen; dass Selbstbewusstsein und Konfliktfähigkeit entwickelt werden müssen. Sie vergisst auch, dass es eine Vielfalt von Menschen und Kompetenzen ist, die es in der Wirtschaft braucht. Ausserdem weiss man, dass Kinder, die oft feinmotorische Bewegungen oder Musik machen, viel aufnahmefähiger sind – weil beide Hirnhälften aktiviert werden.

Die Grünen haben erst kürzlich ein Bildungspapier verabschiedet. Was wollen sie?
Für uns ist wichtig, dass Kinder sehr früh für das Alltagsleben zusammenkommen, damit sie einen respektvollen Umgang mit sich und anderen lernen – das sage ich auch aus persönlicher Erfahrung. Eine meiner beiden Töchter ging in der Roten Fabrik in Zürich in den Kindergarten. Dort gingen alle am Ende des Schuljahres in ein Lager. Vor dem Lager bereiteten die Kinder jeweils einen speziellen «Heimwehsirup» zu – und zwar nahm nicht nur das Kind diesen Sirup mit ins Lager, sondern ich als Mutter hatte auch ein Fläschchen zuhause. Die erste Frage meiner Tochter, als sie nach Hause kam, war: «Mama, wie oft musstest du von den Tropfen nehmen?» So wurde das Gefühl des Heimwehs thematisiert, und alle lernten, damit umzugehen und zu dieser Emotion zu stehen.

Ruth Genner, 49, ist Parteipräsidentin der Grünen. Sie sass von 1987 bis 1997 im Zürcher Kantonsrat und ist seit 1998 Nationalrätin. Sie kandidiert für den Zürcher Regierungsrat.

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