Nr. 14/2009 vom 02.04.2009

Die Kathedralen an der Aare

Es ist keine Gegend, die man sich freiwillig zum Wandern aussucht: Doch der Aareuferweg zwischen Aarau und Olten hat es in sich.

Von Susan Boos

Es braucht keine währschaften Schuhe, um diesen Weg zu gehen. Ein Weg, der an Orten wie Schönenwerd, Gretzenbach, Däniken oder Dulliken vorbeiführt: Kaum jemand kennt sie, aber alle haben sie schon gesehen, wenn sie mit dem Zug von Zürich nach Bern gefahren sind - dort, wo mittendrin ein kühner Kühlturm steht.

Aber beginnen wir am Anfang, beim Bahnhof von Aarau. Grad wird gebaut und ein prächtiger Glaspalast hochgezogen, 2010 soll der neue Bahnhof fertig sein. Noch herrscht Bauchaos, doch mitten im Durcheinander finden sich gelbe Wegweiser, die einen direkt zum Aareuferweg schicken.

Das Schloss auf der Aare

Unten an der grünen, trägen Aare steht dieses mächtige Gebäude, es sieht aus wie eine Kreuzung aus Schloss und Kirche und thront auf dem Wasser, als gälte es, den Fluss zu bezwingen: Das Elektrizitätswerk Aarau, es ist eines der älteren im Land, seit über hundert Jahren produziert es Strom. Doch es ist nicht das einzige, dem man auf dem Weg nach Olten begegnet. Zwischen dem Bielersee und Koblenz, wo die Aare sich mit dem Rhein vereint, gibt es nur drei kurze Stellen, an denen sie frei und unbehelligt fliessen darf. Die sind aber nicht hier, zwischen Aarau und Olten. Ein sandiger Weg führt entlang des Flussbettes. Weich mäandert das Gewässer durch die wilde Auenlandschaft. Wild gedeiht der Wald, das Gestrüpp verschluckt den Verkehrslärm und verbirgt die Terrassenhäuser von Erlinsbach. Auf diesen Kilometern spaziert man in stiller Natur.

Bis man in Schönenwerd wieder auftaucht. Schönenwerd war das Reich von Bally, wo die besten Schuhe genäht wurden. Dann verkaufte der Patron seinen Betrieb an den Rüstungskonzern Oerlikon Bührle, irgendwann hörten sie auf, im Dorf Schuhe zu produzieren, weil es nicht mehr rentierte. Aber den Bally-Park, den gibt es noch. Ein wundersamer, geräumiger Park zwischen Aare und Bahngleis, mit Teichen, Pfahlbauten und schmucken Häuschen. Ein Park für das arbeitende Volk, vor über hundert Jahren angelegt und wie aus der Zeit gefallen.

Im Westen steigt eine weisse Wolke in den makellosen Himmel, die Dampffahne des Atomkraftwerkes Gösgen. Die Aare Tessin AG für Elektrizität, die Atel, die heute Alpiq heisst und zu einem Teil dem französischen Atomkonzern Electricité de France gehört, hat das AKW dort hingestellt. Zuerst wollte die Atel gar keinen Kühlturm bauen und ihr Werk mit Aarewasser kühlen. Das wurde untersagt, weil Wissenschaftler fürchteten, der Fluss könnte zum dampfenden Höllenstrom werden, da bereits drei Meiler an der Aare stehen (Mühleberg und Beznau I/II), die den Fluss zur Kühlung nutzen.

Ein schlichter Turm

Den Weg zum Kühlturm hat auch Franz Hohler in seinem Wanderbuch beschrieben: «Da der Weg in der Uferbewaldung bleibt, bekomme ich den Turm, welcher Kathedralengrösse hat, kaum zu Gesicht. Zweimal habe ich auf seiner Vorderseite protestiert, aber er hat sich nicht darum geschert, und der Reaktor, dessen Kugel an eine Moschee erinnert, auch nicht. Obwohl in seinem Innern die Energie von tausend krachenden Gewittern erzeugt wird, ist hinter dem Stacheldrahtzaun nur ein leises Summen zu hören (...).»

Es lohnt sich, auf dem Weg zum Turm ans andere Ufer Richtung Niedergösgen zu spähen. Auf diesem Stück Land, das vom Atomkraftwerk über den Fluss nach Schachen reicht, möchte die Alpiq ein neues Kraftwerk bauen. Es soll KKW Niederamt heissen und fast doppelt so leistungsfähig sein wie das AKW Gösgen. Sein Turm soll allerdings schlichter sein, niedrig und weniger auffällig. Ein Rahmenbewilligungsgesuch hat die Alpiq bereits eingereicht; in einigen Jahren wird das Stimmvolk darüber befinden.

Falls die Alpiq bauen dürfte, wäre dieser lauschige Uferpfad vermutlich für lange Zeit blockiert. Noch ist er ungehindert passierbar, bis hinauf nach Olten - ein liebevoll angelegter Weg durch das letzte bisschen struppige Natur.

Franz Hohler: «52 Wanderungen». Luchterhand Literaturverlag. München 2005.

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