Nr. 08/2005 vom 24.02.2005

«Wir verhandeln nicht!»

Im Zweiten Weltkrieg wollte die Stromindustrie das Urserntal in einem gigantischen Stausee ertränken. Die örtliche Bevölkerung wehrte sich erfolgreich.

Von Peter Durtschi

Der Stausee am Gotthard sollte «etwas wirklich Grosszügiges» werden, gab der Verwaltungsrat der Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) im Winter 1940 zu Protokoll. 208 Meter Staumauer am Ausgang des Urserntals würden einen Wasserspeicher bilden, der den Hallwilersee um das Sechsfache übertrumpfte. Jährlich drei Milliarden Kilowattstunden oder ein Drittel des Landesbedarfs an Elektrizität sollte das Ursern-Werk decken.

So stellten sich das Fritz Ringwald (1874-1957) und seine Mitstreiter vor. Ringwald, langjähriger Direktor und Verwaltungsratsdelegierter der CKW, war die treibende Kraft einer Arbeitsgruppe, Studiensyndikat genannt, zu der auch die SBB, die Elektrobank und die damalige Kreditanstalt gehörten. Es ging bei den Plänen nicht nur um Geschäfte, schreibt der Aargauer Historiker Erich Haag in seiner Dissertation über das Ursern-Projekt. Da die Schweizer Energieversorgung stark von ausländischer, vorwiegend deutscher Kohle abhing, sollte das Speicherwerk Ursern im Winter, wenn andere Anlagen mit niedrigem Pegel vor sich hindümpelten, seinen Beitrag zu mehr Autarkie liefern.

Schliesslich war die Stromversorgung nationale Pflicht und helvetischer Stolz: Schon in früheren Landesausstellungen, besonders aber an der Landi 39, fügten sich Technik und Hellebardenschweiz zu einem Gesamtbild der geistigen Landesverteidigung. Und 1942 appellierte der Schweizerische Energiekonsumenten-Verband an die «vaterländischen Pflichten der Gemeinden und Bewohner der von den vorgesehenen Kraftwerkbauten berührten Gebiete».

Andermatt, Hospental und Realp sollten unter Wasser gesetzt, zweitausend UrschnerInnen umgesiedelt werden. Die Kraftwerke hätten ihnen dafür Bargeld angeboten oder Realersatz, neue Landstücke und Häuser an einem anderen Ort. Oder sogar ein neues Dorf am Stauseeufer. Das Studiensyndikat selbst pries in einer Broschüre die Vorzüge Neu-Andermatts, das in Zukunft sonniger gelegen sei, «sodass sicher auch die Sommergäste in vermehrtem Mass dort Einzug halten werden». Ähnliche Szenarien hatten die CKW schon 1920 anlässlich eines ersten Anlaufs zum Mauerbau entworfen. Bereits damals machten die UrschnerInnen in einer Abstimmung klar, dass sie nicht gehen wollten. Aber jetzt, 1940, war die Versorgungslage schlecht und «psychologisch der richtige Moment zur Weiterverfolgung der grossen Ziele» gekommen, meinten die CKW-Gewaltigen - eine grobe Fehleinschätzung.

Unterstützt von der örtlichen Geistlichkeit, blockten Bevölkerung und Behörden jede Anfrage des Studiensyndikats nach einer Zusammenarbeit ab. «Nicht um Geldes willen die Heimat verkaufen, nein und niemals, nein!», beschwor Säckelmeister Ludwig Danioth an einer ausserordentlichen Talgemeindeversammlung im Herbst 1941 die Bevölkerung.

Schlagende Beweise

1945 erliess der Korporationsrat deshalb eine «Warnung an die Grundbesitzer im Urserntal»: Niemand solle mit den Kraftwerkinitianten verhandeln. Aber 1946 wurde bekannt, dass zwei Andermatter ihre Hotels dem Studiensyndikat verkauft hatten. In Flugblättern machten Vertreter des Antistauseekomitees Stimmung gegen «Quislinge und Anpasser», die «Herren vom Elektrotrust» wurden gar mit Adolf Hitler oder Benito Mussolini verglichen.

Gruppendruck auch bei der Volksbefragung von 1945, als stauseekritische «Werber» mit Fragebogen in jeden Haushalt kamen. Frauen und Männer über siebzehn Jahren mussten ihre Haltung gegenüber dem Stauseeprojekt bekannt geben; wer sich nicht an der Befragung - 1088 ablehnende Stimmen, 0 dafür, 36 leere Zettel - beteiligte, wurde auf einem speziellen Formular erfasst.

Am 19. Februar 1946 entlud sich die Spannung schliesslich im «Krawall von Andermatt». Rund 250 junge Männer suchten Karl J. Fetz, als Landankäufer der einzige greifbare Vertreter der «Kilowattstunden-Barone», in seinem Hotel auf und jagten den Ingenieur unter «Schlägen und Fusstritten» aus dem Ort. Dann machte sich die Dorfjugend über das Büro des Architekten Fred Ramseyer her, der für das Studiensyndikat neue Siedlungen plante.

Bevor ein Konzessionsgesuch vorlag, schien die Staumauer an der Urschweizer Hartnäckigkeit zu zerbröseln. Auch die gesetzlichen Vorgaben sprachen gegen einen Baubeginn. Es gelang dem Studiensyndikat, im Tal ein paar Höfe zu kaufen, doch die Urner Behörden verweigerten dem Handel ihre Zustimmung. Auch die Vergabe von Wasserrechten war Sache der Kantone und Gemeinwesen.

Deshalb setzten die Kraftwerkplaner ihre Hoffnung in die Bundesbehörden: Ob man nicht das Bundesgesetz über den bäuerlichen Grundbesitz ändern könne? Ob man bei der Revision des Wasserrechtsgesetzes der Eidgenossenschaft nicht mehr Kompetenzen verleihen sollte? Man wollte nicht. Sekundiert von den Innerschweizer Vertretern in den nationalen Räten, behielten die Urner Behörden juristisches Oberwasser. Im Sommer 1946 reichte das Syndikat zwar noch ein Konzessionsgesuch ein. Nur fünf Jahre später erklärten die Planer aber, sie wollten auf dessen Behandlung verzichten.

Grenzen gesetzt

Technisch wäre das Grossprojekt machbar und wirtschaftlich sinnvoll gewesen. Trotzdem hat es Schiffbruch erlitten - die Technik ist an Grenzen gestossen. Weshalb?

Zuerst einmal deckten sich Kraftwerkplaner und StauseegegnerInnen zwar gegenseitig mit Traktaten ein, verstanden sich aber kaum. Sie verwendeten dasselbe geistig-landesverteidigende Vokabular, füllten aber ein Wort wie Heimat mit jeweils anderen Inhalten. Die Vertreter des Studiensyndikats sprachen 1944 von den Anstrengungen der Elektrizitätswerke, «in schwerer Kriegszeit ihren Teil zur Erhaltung unserer Selbständigkeit beizutragen», die Korporationsgemeinde dagegen hatte drei Jahre zuvor gelobt, «dieses heilige Vatererbe zäh und unbeugsam zu verteidigen und mit Gotteshilfe und unter dem Schutz der Eidgenössischen Freiheit, die auch dem Kleinen sein Lebensrecht gegen Gewalt und Eigennutz sichert».

Entscheidend für das Scheitern sei aber vor allem der entschiedene Widerstand der ganzen Region geworden. Gegen den Willen der unmittelbar Betroffenen lasse sich ein Mammutvorhaben in einer direkten Demokratie nicht durchsetzen, schreibt Erich Haag. Andere Voraussetzungen herrschten im bündnerischen Marmorera, wo die Bevölkerung zerstritten und über weite Strecken verarmt war. Das Dorf wurde eine leichte Beute des Elektrizitätswerks Zürich. 1954 stand dort der Damm.

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